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Samstag, 20. Januar 2018

Wiener Klaviertrio - Werke von Beethoven, Ravel & Schumann

Virtuos


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Wiener Klaviertrio spielt Werke von Beethoven, Ravel und Schumann in einer ganz eigenen Liga  die äußerst bewegten und emphatischen Interpretationen klingen hingegen verdächtig einheitlich.

Man tut sich schwer, mit nahezu perfekt – auch noch live – eingespielten Werken umzugehen, denn man kann auf sprachlicher Ebene im Grunde nichts mehr zur Beschreibung hinzufügen. Das Wiener Klaviertrio, bestehend aus Wolfgang Redik, Violine, Matthias Gredler, Violoncello und Stefan Mendl, Klavier, legt eine solche Einspielung vor: Jede Einzelheit überzeugt durch technische und musikalische Brillanz und das große Ganze erscheint sehr homogen, sehr kompakt. Da bleibt nur übrig, einige Fragen an diese Interpretation wohlbekannter Klassiker zu richten, versehen mit einigen Anmerkungen.

Virtuosität

Die Virtuosität, wie man sie heute aus den technischen Fähigkeiten eines Solisten herauszuhören meint, ist seit den Zeiten Liszts und Paganinis mit dieser Bedeutung beladen. Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs, zurückgehend auf das lateinische ‚virtus‘ (Tugend) und ‚virtuosus‘ (tugendhaft) ging dabei allerdings verloren, denn die ursprüngliche Tugendhaftigkeit beinhaltete auch die maßvolle Zurückhaltung: Nicht umsonst nannte man mit dem Umschwung der Begriffsbedeutung Paganini nicht nur einen Virtuosen, sondern im gleichen Atemzug auch einen Teufelsgeiger.

Zum Klischee erstarrt, hat sich der Zug des Dämonischen, Menschenunmöglichen am Begriff der Virtuosität festgebissen und lässt sich kaum von diesem trennen. An dieser Stelle scheint eine Unterscheidung jedoch sinnvoll zu sein, gerade wenn es zunächst um Beethoven gehen soll. Sein Klaviertrio op. 11 ist gerade im Variationen-Satz über das so etikettierte ‚Gassenhauer‘-Thema ein wenig widerborstig, doch im Ganzen hat man hier ein rundes, klassisches Werk vor sich. Das Wiener Klaviertrio spielt es mit der eingangs erwähnten Perfektion, jedoch lässt es die nach alter Bedeutung maßvolle Virtuosität vermissen. Das Tempo ist in allen Sätzen zu rasant, sodass der Eindruck mitreißender Empfindung des Öfteren in denjenigen technischen Leerlaufs umkippt: Gerade im Klavier klingt manches Passagenwerk wie sinnentleertes Geklingel, und manche Gestaltungsidee wird schlicht und einfach verwischt. Aus dem langsamen Satz verschwindet so die Ruhe und der Wechsel zwischen den getragenen Minore- und den schnellen Dur-Teilen gerät überexplosiv. Die kompromisslose Schnelligkeit bringt außerdem einige Balanceprobleme mit sich: Oft hört man das Cello überhaupt nicht und manches Donnern im Klavier wirkt übertrieben hart, was es im gemäßigteren, atmenden Tempo nicht sein müsste. Genau diese Mäßigung fehlt und sie ist das fehlende Puzzleteil einer ansonsten makellosen Ausführung. Virtuosität hat auf dieser Einspielung zu viel Feuerwerkscharakter.

Leitstern Schumann

Bezieht man auch das Klaviertrio von Maurice Ravel sowie Robert Schumanns Trio op. 63 in die Betrachtung ein, dann wird schnell klar, dass die an Beethoven angelegten Kriterien maßvoller Spielart hier nicht in gleichem Maße gelten können. Beide Werke sind so komponiert, dass sie sich an der Grenze des technisch Machbaren noch gut entfalten können, sodass die Stärken der Interpreten in der unbestechlichen Ausführung erst hier richtig zum Tragen kommen. Die Ravel-Interpretation etwa ist einfach fantastisch, was das ausdrucksvolle, aufeinander abgestimmte Spiel und die klug herausgearbeiteten Tempo- und Stimmungswechsel angeht. Eine Eigenart, die man schon von der Beethoven-Interpretation kennt, bleibt dabei erhalten: der klangliche Bombast. Im zweiten Satz etwa wird die verschlungene Rhythmik präzise herausgearbeitet, doch gegen Ende des Satzes überdeckt die Klangmasse manche Feinheiten. Im dritten Satz schließlich ist der Spannungsbogen etwas überspannt und die innere Ruhe der gemessenen Passacaglia ist gefährdet. Solche Kleinigkeiten fallen auf, machen die Interpretation jedoch kaum schlechter. Der vierte Satz wiederum ist so perfekt oder besser: mitreißend gespielt, dass es schon fast unheimlich ist.

In diesem Sinne geht es bei Schumann bruchlos weiter: Seine verschlungene Musik wird äußerst leidenschaftlich interpretiert. Ein waches Ohr wird belohnt, ansonsten droht schnelle Überforderung. Der zweite Satz schließt sich bruchlos an und im dritten Satz gibt es die Gelegenheit, die feine klangliche Abstimmung zwischen Violine und Cello zu bewundern, deren Klangfarben im engen Stimmsatz ineinander zu fließen scheinen. Der vierte Satz ist atemberaubend virtuos, geradezu in einer eigenen Liga technischen Könnens gespielt, doch hier ist der romantisch-leidenschaftliche Virtuositätsbegriff der angemessene: Die sperrige Themenentfaltung bei Schumann, gekennzeichnet durch zahlreiche Modulationen mit immer wieder demselben Themenkern, ist wie ein Widerstand, den es zu überwinden gilt. Der Kraftakt, der dafür erforderlich ist, ist keine Effekthascherei, sondern ein Schlüssel zum Verständnis dieser Musik. So wie sie ist, klingt diese Schumann-Interpretation mit jedem Hören besser.

An diesem Punkt angelangt, merkt man erst, was bis hierher störend war: Im Grunde genommen klingen auch Ravel und Beethoven wie Schumann. Der leidenschaftlich zupackende Gestus ist in allen Werken derselbe, nur passt er am besten zu letzterem Komponisten. Kurz gesagt findet man beim Wiener Klaviertrio also eine sehr einheitliche Interpretationskultur vor. Das ist schade, denn dadurch erfährt man mehr über die Interpreten als über die gespielten Werke, die doch aus vollkommen unterschiedlichen Epochen stammen.

Was man an Informationen zu den Werken braucht, findet man im Booklet, und die Interpretationen von Ravel und insbesondere Schumann sind selten in besserer Qualität zu haben. Die Leistung, all das live geleistet zu haben, ist ohnehin anerkennenswert. Die CD ist also letztlich sehr empfehlenswert, man sollte jedoch versuchen, den Virtuositätsdiskurs beim Hören beiseite zu lassen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Oliver Schulz,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wiener Klaviertrio: Werke von Beethoven, Ravel & Schumann

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
18.02.2011
EAN:

760623168524


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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