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Mittwoch, 17. August 2022

Franz Vorraber - Hommage a Schumann - Sieben Traum-Bilder

Blühende Assoziationen


Label/Verlag: Thorofon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Pianist Franz Vorraber legt eine vielseitige Hommage an Robert Schumann vor, die durch ihre Liebe zum Detail überzeugt, sich manchmal aber auch darin verrennt.

‚Traum-Bilder‘, der Untertitel dieser Schumann-Einspielung des Pianisten Franz Vorraber weckt zuallererst zwiespältige Erwartungen: Zum einen haftet dieser Wortbildung der blumige Anhauch seichte ‚Easy Listening‘-CDs an; am anderen Ende der Skala wäre ein verkopftes Produkt übertriebener Psychologisierung – gerade bei Schumann – zu erwarten. Letzten Endes bleibt Vorrabers Interpretation beiden Extremen fern, tendiert aber durch die Ernsthaftigkeit, mit der er der mehr oder weniger vorhandenen Programmatik der Stücke zu Leibe rückt, zu letzterem.

Traum-Wegweiser

Die sieben ‚Traum-Bilder‘ sind eigentlich eher Etikettierungen zu nennen: Bezeichnungen wie etwa ‚Tanz‘ oder ‚Kontrapunktisches‘ sprechen für sich, wohingegen ‚Passioniertes‘ oder gar ‚Visionäres‘ schon einiges über die Idee der verraten, die Vorraber mit den Stücken in Verbindung bringt. Dabei erscheinen unter den verschiedenen Überschriften vielseitige Kombinationen von Werken, denn Vorraber stellt den Stücken Schumanns diejenigen von Vorgängern, Zeitgenossen, Nachfolgern und sogar seine eigenen an die Seite. Hier kann man sich als Hörer über die gelungene Auswahl und die Dramaturgie freuen: Schumanns 'Des Abends' etwa wird durch Claude Debussys 'Clair de lune' hin zu einem Zustand tiefer Introspektion weitergedacht, während 'Vogel als Prophet' in traumnaher Grenzaufweichung fast nahtlos in Vorrabers Komposition 'Gedanken über R.S.' übergeht.

Lediglich die Annäherung an Bach wirkt ein wenig deplatziert unter den vielen gelungenen Kombinationen. Zwar hat sich Schumann, wie es viele Komponisten seiner Zeit erstmals nach Bachs Tod getan haben, intensiv mit dessen geistigem Nachlass beschäftigt, doch er gilt anerkanntermaßen nicht als Meister des strengen Satzes: Seine Fughette op. 126/4 wirkt wie eine starre Stilkopie, zumal Vorraber hier jeden Themeneinsatz unnötig herausmeißelt und damit die Polyphonie erstickt. Bachs zweistimmige Invention in a-Moll kann demgegenüber leider auch nicht als das bessere Zwillingswerk glänzen, da es im romantisierten Gestus daherkommt und dadurch sehr manieriert wirkt. In diese Gruppe reiht sich abschließend noch eine Eigenkomposition mit dem Titel 'Choral und Passacaglia' ein, die ebenfalls einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt: Sie ist ein gutes Stück zu lang, mit vergleichsweise wenigen Ideen versehen und hat ihre fast schon grotesken Momente, wenn die Klaviatur zu ihren Rändern hin ausgelotet wird.

Im Geiste der Einheitlichkeit

Was sich im Hinblick auf die Bach-Interpretation als Fehlgriff erweist, ist der kompromisslose Wille der Annäherung an Schumann unter Vernachlässigung von Stil- und Epochenmerkmalen. Die große Stärke der Interpretation Vorrabers liegt dagegen in der individuellen Durchleuchtung jedes Stücks im Hinblick auf dessen Ausdruckscharakter. Die erwähnten gestischen Stücke 'Vogel als Prophet' und dessen Gegenstück entsprechen dieser Herangehensweise in stärkstem Maße und überzeugen durch ihre Feinheit und die Ruhe, die Vorraber jeder einzelnen Phrase belässt. 'Des Abends' oder 'Clair de lune' hingegen gewinnen ebenfalls durch die Detailgenauigkeit seines Spiels, doch gerade bei ersterem Stück hängt er zu sehr an den einzelnen Noten und vergisst darüber die durch Akzentuierungen bei Schumann deutlich hervorgehobene Melodielinie. Die 'Tänze', ein Schubert-Walzer (op. 9/32) sowie die Abegg-Variationen, werden wunderbar lebhaft und abwechslungsreich gespielt. Die letzten, ‚visionären‘ Stücke bilden dazu das Gegenstück: Brahms‘ Intermezzo op. 118/6 und Schumanns 'Thema in Es-Dur' wirken sehr grüblerisch, ersteres tendiert sogar zum Stillstand.

Übertrumpft werden alle Stücke durch die wuchtige Fantasie op. 17 und der Novellette op. 21/8 – zumindest in dynamischer Hinsicht. Manchmal trägt Vorraber hier zu dick auf und verfällt dem Virtuosenklischee des donnernden Passagenwerks, fängt sich dann aber immer wieder in den ruhigeren Abschnitten dieser Stücke und findet zur Feinheit seiner Interpretation zurück.

Für die gesamte Einspielung ergibt sich eine sehr heterogene Mischung der einzelnen Charaktere mit einem breiten Ausdrucksspektrum. Trotzdem steckt in der Interpretation Vorrabers eine einheitliche Linie, die sich in seiner geschickten, äußerst musikalischen Phrasenbildung und seiner Detailgenauigkeit äußert. Diese zwei Eigenschaften bringen eines mit sich: Die kürzeren Stücke sind meist die überzeugenderen. Von den Interpretationen auf dieser CD wird man kaum unmittelbar mitgerissen, doch aufmerksames Zuhören fördert ihre Qualitäten nach und nach zutage.

Im Sinne des Nachspürens ist auch das von Vorraber selbst verfasste Booklet geschrieben: Die teils faktische, teils assoziative Verknüpfung der Stücke mit einzelnen Stationen der Schumannschen Biographie ist interessant zu lesen und fördert das Verständnis der Werke aus ihrem inhaltlichen Kontext heraus. Der perfekt abgestimmte Klang rundet das Bild ab und lässt das Urteil zu, dass hier letzten Endes eine würdige Hommage an Robert Schumann vorliegt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Oliver Schulz,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Franz Vorraber - Hommage a Schumann: Sieben Traum-Bilder

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Thorofon
1
02.03.2011
Medium:
EAN:

CD
4003913125767


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Thorofon

In der nunmehr über 40jährigen Tradition von THOROFON wurde ein respektabler, vielfach preisgekrönter Katalog aufgebaut. Eine Schatztruhe für besondere musikalische Raritäten, die die Lücken in der Überlieferung der musikalischen Tradition ein bisschen verkleinern, und außerdem jungen, talentierten Interpreten eine Chance geben. Zu unseren Schätzen gehören ebenfalls Gesamteinspielungen von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten, sämtliche Werke für Klavier solo von Johannes Brahms, Gesamtausgabe der Kammermusik von Josef Rheinberger, das Gesamtwerk von Louis Ferdinand Prinz von Preussen, das komplette Klavierwerk von Robert Schumann, eine Gesamteinspielung der Max Reger Kompositionen auf 13 CD, die das abwechslungsreiche Repertoire von THOROFON abrunden.

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