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Sonntag, 22. Oktober 2017

Brahms, Johannes - Klaviermusik zu 4 Händen

Brahms auf Ukrainisch


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Olha Chipak und Oleksiy Kushnir bringen Johannes Brahms temperamentvolle Seite zu Gehör.

Die zweite CD-Aufnahme des ukrainischen Klavierduos Olha Chipak/Oleksiy Kushnir bestätigt den Eindruck, den bereits ihre erste CD-Aufnahme aus dem Jahr 2007 weckte: Dass sich hier ein besonders ausdrucksstarkes Gespann auf den Weg nach ganz oben spielt. Obwohl das Ensemble vergleichsweise jung ist – erst im Jahr 2005 beendete das Duo seine Studien an der Hochschule für Musik und Theater Rostock mit dem Konzertexamen – vermittelt es den Klangeindruck jahrzehntelangen Zusammenspiels. Doch auch einzeln für sich sind beide Künstler Meister ihres Fachs. Ihr Engagement umfasst Solokonzerte, Kammermusik und Lehrtätigkeiten, auch in Deutschland. Dennoch ist es ihre künstlerische Zusammenarbeit, die sie nun auf die internationalen Konzertpodien gebracht hat.

Die Sonate in f-Moll op. 34b – ein Werk mit wechselvoller Geschichte

Die aktuelle CD ist Werken von Johannes Brahms gewidmet. Den Auftakt macht die Sonate in f-Moll op. 34b – eine besondere Sonate, die ihren Platz an erster Stelle hat. Ihre Entstehungsgeschichte ist von Zweifeln und wechselhaften Entscheidungen des Komponisten geprägt. Das Ehepaar Robert und Clara Schumann hatte daran einen wesentlichen Anteil. So war Robert Schumann in den 1850er Jahren Wegbereiter und Bewunderer des gerade im Musikleben Fuß fassenden Brahms. Die beiden verbanden zwei Leidenschaften: die Musik und Clara. Clara Schumann war es auch, die sich zur ersten Fassung des Werks äußerte. Die Erstveröffentlichung der Komposition (1861/62) war in der Form eines Streichquintetts, das Clara Schumann erklärtermaßen mit Wonne hörte. Dennoch kamen Brahms Zweifel, als das Werk – wohl aufgrund seiner ungewöhnlichen Besetzung mit zwei Violoncelli anstatt zwei Bratschen – nicht die öffentliche positive Resonanz erfuhr, die er sich erhofft hatte. So entschied er sich im Frühjahr 1864 für eine Transkription der Sonate für zwei Klaviere, bevor er im Sommer desselben Jahres die endgültige Fassung als Klavierquintett erstellte.

Die Sonate beginnt zunächst fast träumerisch in versöhnlichem Unisono. Doch dieser Eindruck verschwindet bereits Sekunden später; fast virtuos wird das Unisono-Thema in Sechzehntelpassagen weitergeführt. An dieser Stelle zeigt sich besonders die große Klangvielfalt, mit der Olha Chipak und Oleksiy Kushnir diesen Kontrast ausgestalten. Auch im Seitenthema gewinnt das Duo durch sein differenziert dynamisches und agogisches Spiel die positive Meinung des Hörers. Besonders gelungen ist hierbei die Führung der melodischen Linie im ersten Klavier, die von einer soliden Basis in der tieferen Lage durch das zweite Klavier in ihrem Klangspektrum erweitert wird. Somit entsteht eine besonders starke Bezogenheit der einzelnen Stimmen aufeinander, die die klangliche Vielseitigkeit des Gespanns Chipak/Kushnir kennzeichnet. Im zweiten Satz des Werks zeigt sich vor allem das präzise Zusammenspiel der beiden Pianisten. Obwohl das 'Andante, un poco Adagio' vielleicht vom pianistischen Anspruch her nicht den Umfang des ersten Satzes erreicht, schaffen es die beiden Künstler, die aufgebaute Spannung des ersten Satzes durch eine präzise Entfaltung des Themas zu erhalten.

Im dritten Satz, dem 'Scherzo-Allegro', überzeugt das Duo wieder mit seiner technischen und klanglichen Vielseitigkeit, die bereits im ersten Satz anklang. Der Satz endet äußerst furios. Der letzte Satz kann wohl als eine Art Resümee der vorangegangenen Sätze gesehen werden. Er vereint temperamentvolle, besinnliche und besonders feinfühlige Momente in sich – eine Herausforderung, der das Duo mehr als gewachsen ist. Der letzte Satz ist stimmlich besonders kontrapunktisch angelegt. Die stimmliche Balance der beiden Pianisten ist hierbei auffallend gut. So dominiert nicht das obere Register, sondern die Themenführung wird sowohl in oberer als auch unterer Stimme genauestens verfolgt, sodass dem Hörer nichts entgeht.

Die Kunst der Variation

Der zweite Teil der CD ist ganz durch Variationswerke geprägt. Begonnen wird mit den 'Variationen über ein Thema von Joseph Haydn' op .56. Das Werk, das auch in einer Orchesterfassung vorliegt, entstand im Sommer 1873. Die Idee zum Werk schöpfte Brahms aus der Entdeckung einiger Divertimenti, die, wohlmöglich fälschlicherweise, Joseph Haydn zugeschrieben wurden. Er verwendete den zweiten Satz des sechsten Divertimentos, den 'Chorale St. Antoni', als Grundlagen seiner Variationen. Auch bei diesem Werk beweisen Olha Chipak und Oleksiy Kushnir, wie breit ihr gemeinsames Spektrum in Bezug auf Technik und dynamischer Gestaltung ist. Der Choral wird von den beiden Künstlern in spielerischer Leichtigkeit in den Variationen fortgeführt. Das Ursprungsthema bleibt jedoch für den Hörer immer erkennbar, da es vom Klavierduo hervorragend in den Vordergrund gestellt wird. Dennoch ist die Ausgestaltung des Themas unaufdringlich und, im Vergleich zur Klaviersonate, fast bescheiden und zurückhaltend im Ton. In den bewegten Variationssätzen zeigt sich wieder das musikalische Temperament der Künstler. So könnte das 'Poco presto' von Brahms genauso als ein Ritt durch wilde Landschaften angedacht gewesen sein – jedenfalls wird dieser Eindruck durch die Interpretation der beiden Pianisten vermittelt.

Die 'Variationen über ein Thema von Schumann' op. 23 aus dem Jahr 1861 sind wohl als eine Ehrerbietung vor dem Freund zu sehen. Gleichzeitig besteht in ihnen wieder auch eine Verbindung zu Clara Schumann: Diese veröffentlichte bereits 1853 Variationen über dasselbe Thema von Schumann. Dies war wohl zusätzliche Inspiration für Brahms, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Die Grundstimmung des Werks ist im Vergleich zu den Haydn-Variationen weniger enthusiastisch und fröhlich, sondern in gedeckteren Klangfarben gehalten. Auch diesen Klangaspekt wissen Olha Chipak und Oleksiy Kushnir erfolgreich und überzeugend umzusetzen. Auch der Spannungsbogen zwischen den einzelnen Variationssätzen ist präzise fortgeführt und bewahrt das Interesse des Hörers. Die CD findet in der Variation zehn schließlich einen friedlichen, gelungenen Ausklang. Neben ihren bereits angesprochenen interpretatorischen Qualitäten überzeugt die CD durch einen direkten, klaren Klavierklang, der natürlich im Raum abgebildet wird. Kein Wunder, denn das Label Genuin-Classics steht für eben genau diese Aspekte: ‚natürlich, authentisch, echt‘ – so das Credo des Unternehmens.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Klaviermusik zu 4 Händen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
18.02.2011
EAN:

4260036251975


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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