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Mittwoch, 18. September 2019

Strawinsky, Igor - Petruschka

Alternative zum Quadrat


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Andrew Littons Zugriff auf Strawinskys 'Sacre du Printemps' knüpft an ältere Interpretationstraditionen an, indem die flüssige Bewegung des Balletts betont wird. Das hoch virtuos agierende Philharmonische Orchester Bergen sorgt für satte Farben.

Igor Strawinskys einst skandalträchtiges Ballett 'Le Sacre du printemps' wurde im Laufe seiner Aufführungsgeschichte eigentlich zu einem anderen Stück. Dirigenten, die das Werk in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch als Ballett dirigierten, verstanden es aus der Espressivo-Tradition heraus, fassten die rhythmischen Bewegungen – und durchaus auch das Innovative der Rhythmik, das Strawinsky diesbezüglich in das heidnische Frühlingsritual einbrachte – mit fließenden Tempi samt spannungssteigernder Accelerandi, wie man das etwa bei Pierre Monteux hören kann. Späterhin wurde, unterstützt von Strawinskys Bestreben, 'Sacre' vom Theater in den Konzertsaal zu bringen und aus dem Ballett also ein Konzertstück zu machen, unter den Vorzeichen eines sachlichen Interpretationsideals die komplexe rhythmische Anlage strukturklar und gewissermaßen quaderförmig mit äußerster Präzision dargestellt.

Andrew Litton verfolgt in seiner hochinteressanten Einspielung von Strawinskys 'Le Sacre du printemps' mit dem virtuos agierenden Philharmonischen Orchester Bergen einen interpretatorischen Weg, der das Balletthafte stärker betont und damit das Stück zu seinen Wurzeln zurückführt. Die unregelmäßigen Rhythmen und Betonungen erscheinen weniger fein säuberlich gestanzt als vielmehr einer von der brodelnden Urkraft heidnischer Tanzrituale gezeugten Manie der Bewegung entsprungen. So fügen sich hier die unregelmäßigen Betonungen viel mehr, als man das heutzutage zu hören gewohnt ist, mal fließend, mal zuckend zusammen.

Unterstützt wird dieser Zugang zu Rhythmik, Tempo – allgemein: Bewegung – durch ein ausgeprägtes Gespür für den Reichtum an Klangfarben und Stimmungen. Doch auch hier geht Litton Wege, die seit Langem selten gesucht werden: Anstatt der transparenten Auffächerung von Strawinskys instrumentatorisch großartiger Partitur und der Aufspaltung in heterogene Klangelemente erzeugt Litton mit dem in allen Instrumentengruppen bestens besetzten Philharmonischen Orchester Bergen ein deftiges Gebräu sich mischender Klangschattierungen, das durchaus zu Üppig- und Süffigkeit neigt. Gemessen an Mainstream-Interpretationen unserer Tage wirkt Strawinskys 'Sacre', so gespielt, geradezu altmodisch. Lässt man sich allerdings auf diese Lesart ein, kann sich eine ganz eigene Perspektive auf dieses Werk ergeben, vor allem eine, die vor dem inneren Auge Bewegungsabläufe des heidnischen Rituals hervorruft.

Littons interpretatorischer Zugang, ohne Übertreibung oder von außen in die Musik hinein getragenen Effekt Spannung aufzubauen, bestimmt auch die Darstellung der ursprünglich als Konzertstück für Klavier und Orchester gedachten 'Pétrouchka' (Petruschka). Die unterschiedlichen Gangarten der vier Szenen – gespielt wird die Originalversion aus dem Jahr 1911 – fügen sich überzeugend zusammen, auch die unterschiedlichen Tonfälle zwischen folklorisierender Einfachheit und kunstvollen rhythmischen Überlagerungen vereint Andrew Litton unter einem großen Bogen. Der amerikanische Dirigent schafft es, den voluminösen, wie geschmiert laufenden Apparat des erstklassigen Philharmonischen Orchesters Bergen überzeugend in Szene zu setzen. Die Musiker unterstützen Littons interpretatorischen Zugriff mit viel Sinn für Farbigkeit, griffige Bewegung, lebendige Rhythmen und nicht zuletzt für dynamisch äußerst feine Abstufungen.

All diese Qualitäten werden von der hervorragenden Klangtechnik von BIS detailgenau abgebildet. Das Klangpanorama dieser als Hybrid-SACD produzierten Aufnahme ist von bestechender räumlicher Tiefe, die opaken klangfarblichen Mischungsverhältnisse von Strawinskys Balletten kommt bestens zum Tragen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strawinsky, Igor: Petruschka

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
16.02.2011
Medium:
EAN:

SACD
7318599914749


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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