> > > Schwaen, Kurt: Leonce und Lena Kammeroper (gekürzte Fassung)
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Schwaen, Kurt - Leonce und Lena Kammeroper (gekürzte Fassung)

Verstaubte Neoklassik


Label/Verlag: Hastedt
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Musiktheater der DDR: Als Zeitdokument ist Kurt Schwaens Kammeroper 'Leonce und Lena' von Interesse.

‚Leonce und Lena‘ ist Georg Büchners meistvertontes Stück. In der DDR setzten es gleich drei Komponisten in Musik. Einer von ihnen war Kurt Schwaen, der 2007 im Alter von 98 Jahren starb und ein umfangreiches und vielseitiges Œuvre hinterließ. Die dreiaktige Kammeroper, die 1961 uraufgeführt wurde, ist seine erste Oper, aber nicht sein erstes Werk für das Musiktheater, denn wenige Jahre zuvor war in Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht sein erstes und wohl auch bekanntestes Lehrstück ‚Die Horatier und die Kuriatier‘ entstanden.

Es lohnt ein Blick auf die ideologisch motivierten Kürzungen, die Schwaen vornahm, als er Büchners Lustspiel von 1836 librettisierte. Leonces und Valerios Gepräch über die Ideale und die Arbeit hat er die Spitzen genommen, die Pointe: ‚Denn wer arbeitet, ist ein subtiler Selbstmörder‘, war mit der Doktrin des Arbeiter- und Bauernstaats offenkundig nicht zu vereinbaren. Leonces Reflexion über die Langeweile und seinen Selbstmordversuch im zweiten Akt sucht man ebenso vergebens wie das Land, in welches der Prinz und sein Narr aufzubrechen gedenken: Italien. Hingegen legte Schwaen Valerio den Adel anklagende Worte in den Mund, die er Büchners ‚Hessischem Landboten‘ entnahm. Der Komponist hat diese klanglich gute Einspielung – aufgenommen wurde 1968 im Studio Christuskirche Berlin – für die Schallplatte gekürzt. In der verdienstvollen Reihe ‚Zeitgenossen. Musik der Zeit‘, die der musikalischen Landschaft der ehemaligen DDR gewidmet ist, erfährt Schwaens knapp einstündige Kammeroper nun eine Neuauflage.

Fritz Hennenberg hebt in seinem Begleittext zur Schallplattenaufnahme 1969 auf die gesellschaftskritische Dimension von Büchners Stück ab. Den Komponisten zitiert er mit den Worten: ‚Ich habe es als meine Aufgabe angesehen, in der Musik zu 'Leonce' das Menschliche herauszuheben. Was die drei Hauptfiguren auszeichnet, ist ihre Jugend, und die lässt uns hoffen.‘ Dass Büchners Lustspiel in erster Linie aber ein intertextuelles Sprach-Spiel ist, war gegenüber der sozialkritischen Komponente offenbar kaum von Interesse. Ein kompositorisches Äquivalent zur literarischen Anspielungs- und Zitiertechnik ist Schwaens Partitur nicht; allenfalls die Besetzung – Streicher, einfaches Holz und Cembalo – und die Gestaltung der kristallinen Secco-Rezitative (mit Komik: Fred Paski als trotteliger König Peter) verweisen auf die Oper des 18. Jahrhunderts. Das Kammerorchester versprüht einen gehärteten Lustspielton von spröder Beweglichkeit.

Zuweilen fühlt man sich an Strawinskys Oper 'The Rake's Progress' erinnert. Doch Schwaens Neoklassik ist zahm und arm an Überraschungen – die Klassizität seiner Opernmusik ist verstaubt. Die Musik bleibt oft im Hintergrund, der Schwerpunkt liegt auf dem Wort (sodass die Textverständlichkeit ausgezeichnet ist). Lediglich in der Erkennungsszene des zweiten Akts entfaltet sich ein strömendes Melos, die Gartenszene gerät stimmungsvoll. Renate Hoffs Lena punktet hier mit arios einfühlsamem Gesang. Leonce trägt das Stück, sowohl in der Darbietung von Hans-Joachim Rotzsch, der ihn singt, als auch bei Peter Aust, der ihn spricht. Die Aufteilung der meisten Rollen in Gesang- und Sprechrolle führt zu einer antiillusionistischen Diskrepanz, die jedoch vage bleibt – was daran liegt, dass die Konzeption unentschlossen zwischen Einfühlung und Distanzierung schwankt. Doch zumindest als Zeitdokument dürfte dieses selten aufgeführte Werk von Interesse sein.

Interpretation:
Klangqualität:
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schwaen, Kurt: Leonce und Lena Kammeroper (gekürzte Fassung)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Hastedt
1
10.02.2011
54:40
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
691230533828
HT 5338


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Opernglas: ""Die Aufnahme läßt kaum Wünsche offen...Einige der Großen der damaligen Zeit sind zu hören... Das Kammerorchester Berlin unter Rudolf Neuhaus macht deutlich, wie viel feiner musikalischer Humor in dieser Partitur zu finden ist.""


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Hastedt

Wiederentdeckung einer Musiklandschaft - Vier Jahrzehnte Musik in der DDR.

ACHTZEHN JAHRE - Hastedt - ACHTZEHN JAHRE <BR> Seit achtzehn Jahren stellt Hastedt wichtige KomponistInnen vor, die in der DDR gelebt und gearbeitet haben - mit exemplarischen Werken und in erstveröffentlichten Aufnahmen von Solisten/Orchestern aus der ehemaligen DDR. Aber auch KomponistInnen aus Berlin, Bremen, Brünn, Bukarest oder Glasgow finden Sie in unserem Programm.

Interpretenporträts von herausragenden, doch weitgehend vergessenen Künstlern aus dem vorigen Jahrhundert vervollständigen unser Programm.

Poldi Mildner (1913-2007), eine Pianistin aus der Liszt-Schule. Einen "Vulkan am Klavier" nannte Franziska Kottmann die einstündige Sendung über sie im DLF.<P>

Branka Musulin (1917-1975), die Magierin am Klavier. FONO FORUM hat ihr und der Hastedt-CD eben (02/13)einen zweiseitigen Artikel gewidmet. Neu in 2014 erschien von ihr eine Doppel-CD mit ihren schönsten Plattenaufnahmen aus den 60ern (Ravel, Franck und Chopin-Konzerte), zusammen mit den Diabelli-Variationen von Beethoven.<P>

Anja Thauer (1945-1973), die "deutsche Jacqueline du Pré", wie die Süddeutsche Zeitung sie nannte, ist mit bisher drei CDs vertreten, die alle begeisterte Kritiken ernteten. Anja Thauer war eine charismatische Musikerin, die leider viel zu früh starb. <P>  

Jenny Abel, Violine mit Roberto Szidon (1941-2011) am Klavier mit Brahms' dritter Sonate, Medtners 1. Sonate, der Violinsonate von Poulenc sowie zwei hinreißenden kleineren Werken von Messiaen und Rachmaninow werden in Rundfunkproduktionen der achziger Jahre vorgestellt. <P>

Max Rostal (1905-1991), ein legendärer Geiger in der ersten Jahrhunderthälfte - und nach seiner Rückkehr aus dem Exil ein ganz wichtiger Lehrer für eine ganze Geiger"generation". An ihn wird in exemplarischen Kammermusik-Aufnahmen aus den fünfziger Jahren erinnert. <P>

 


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