> > > Berlioz, Hector: Sinfonie fantastique
Montag, 20. Mai 2019

Berlioz, Hector - Sinfonie fantastique

Berlioz in Istanbul


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Alljährlich zelebrieren die Berliner Philharmoniker ihr Bestehen mit einem sogenannten Europakonzert. Mit dem Dirigenten Mariss Jansons haben sie einen feinfühligen Gestalter am Pult.

Die Hagia Irene gilt als ältester Kirchenbau des heutigen Istanbul. Der römische Kaiser Konstantin I. persönlich soll sie in Auftrag gegeben haben. Heute dient die Irenenkirche hauptsächlich als Museum und Konzertraum, weshalb dieses Konzert am 1. Mai 2001 realisiert werden konnte. Aufgrund des hohen Raums der Basilika ist das Klanggemisch etwas Besonderes.

Das mitgeschnittene Europakonzert der Berliner Philharmoniker beginnt mit der G-Dur-Symphonie Nr. 94 ‚Mit dem Paukenschlag‘, einer der zwölf in London entstandenen und meisturaufgeführten Sinfonien Haydns. Die zwischen Streichern und Bläsern dialogartig angelegte Motivvorstellung steht im Zentrum des 'Adagio'-Satzbeginns. Zunehmend entwickelt der erste Satz einen tänzerischen Charakter, der durch Jansons’ beeindruckend leichte Hand geführt wird. Ähnlich variationsreich ist der populäre zweite Satz, der im Grundgerüst einer Liedform gleicht. Der dritte Menuett-Satz ist ein Tanzsatz, der vor allem durch volksmusikalische Elemente besicht, wohingegen der vierte Satz gänzlich im Sinne der Sonatensatzform steht. Die Sinfonie ‚Mit dem Paukenschlag‘ zeugt vom Ideenreichtum Haydns: Nahezu unerschöpflich präsentiert der Komponist die Motive in unterschiedlichsten Kontexten und Farben. Das Orchester interpretiert diese Vielseitigkeit tadellos und beweist klangliche Ausgewogenheit.

Mit dem Flötenkonzert Nr. 2 in D-Dur wurde Wolfgang Amadeus Mozart im Frühjahr 1778 beauftragt, als er sich in Mannheim aufhielt. Dem Konzert wurden stets zu viele motivische Verwandtschaften mit den drei Jahre zuvor entstandenen Violinkonzerten vorgeworfen, die Umsetzung des Flötisten Emanuel Pahud mit den Berliner Philharmonikern ist allerdings umso lobenswerter. Im ersten Satz übergeben sich Violine, Oboe und Flöte die Themen, während sich das haydn’sche Sinfonieorchester in ein noch kleineres Kammerorchester verwandelt, klanglich jedoch raumfüllend bleibt. Pahuds empfindsame Sechzehntelläufe fügen sich perfekt in das leichtfüßige Begleitspiel des Orchesters ein. Den Höhepunkt des Eingangssatzes bildet gewiss die Kadenz kurz vor Schluss, in der der Solist mit echoartigen, technisch sehr anspruchsvollen Motiven arbeitet und in das Schluss-Tutti überleitet. Der zweite Satz wirkt in seinem Wesen etwas schwermütiger und harmonisch reichhaltiger, was ihn unberechenbarer macht. Jedoch wird der zweite Satz trotz erneuter Schluss-Kadenz des Solisten die Eigenschaft als Übergangs- bzw. Brückensatz nicht los. Der dritte Satz schließt sich dem Themendialog des ersten Satzes an. Der Flötist brilliert hier erneut in den technisch höchst anspruchsvollen Läufen in flottem Tempo, Spannungsabfall kaschiert Jansons mit charismatischer Ausstrahlung und einer exzellentem Reaktion seiner Orchestermusiker.

Das Konzert in der Hagia Irene schließt mit Hector Berlioz’ 'Symphonie fantastique', einem klanggewaltigen Orchesterwerk, das in seiner Fünfsätzigkeit mit allerlei Farben und Atmosphären zu spielen weiß. Das 1830 geschriebene Werk wurde in Paris uraufgeführt, wo erst zwei Jahre zuvor die Beethoven-Sinfonien als Standardrepertoire eingeführt wurden. Erst eine Revision des Werkes 1832 brachte den von Berlioz erhofften Erfolg. Weltberühmt wurde die 'Symphonie fantastique' als Prototyp programmatischer Sinfonik des 19. Jahrhunderts. Im Vorfeld der Erstaufführung wurde ein Programm zur Einführung ausgegeben, was den sonst üblichen Opern- oder Rezitativtext, der außermusikalische Inhalte beschrieb, ersetzen sollte. Nun hatte eine Sinfonie erstmals explizit außermusikalischen Inhalt – ein Novum. Der erste Satz 'Träumereien – Leidenschaften' steht in der Tat in einem sehr verträumten Stil, bis sich die 'idée fixe' in den Vordergrund aller Themen spielt und in jeglichen Tempi und Orchestergruppen vorkommt. Im zweiten Satz, dem 'Ball'-Tanz, brachte Berlioz durch zwei Harfen ein gänzlich neues klangliches Element in die Sinfonie ein, welches der musikalischen Vorstellung eines Tanzballs sofort neue Dimensionen verschafft. Der dritte Satz, der 'Auf dem Lande' überschrieben ist, inszeniert er die ländliche Stille. Die Bläser im Dialog assoziieren das Hirtenduett, etwaige Betrugsängste des im Programm beschriebenen Protagonisten werden eindrucksvoll in einem Pauken-Gewitter thematisiert. Der 'Gang zum Richtplatz'-Satz setzt musikalisch auf Schreckensklänge, vom Programm inspiriert. Im finalen Satz 'Traum von einem Hexensabbat' erklingt die 'idée fixe' verzerrt im Bild einer Hexe durch die Klarinette, bevor die Sinfonie furios im gewaltigem Orchesterklang endet.

Die Berliner Philharmoniker zeigen mit diesem Programm ihre musikalische Flexibilität. Am Anfang steht eine klassische Sinfonie mit durchaus hohen Ansprüchen an Agilität und Feinabstimmung, sodann verwandelt sich das Orchester in ein Kammerensemble, welches es vermag, die zierliche Flöte im Vordergrund zu unterstützen. Der großartige Klang eines erweiterten Sinfonieorchesters mit zwei Harfen sowie zwei Paukisten bildet den Abschluss, der den Facettenreichtum der Berliner Philharmoniker vollendet präsentiert. Die Programmauswahl und dramaturgische Abfolge ist also äußerst geschickt getroffen worden. Mariss Jansons führt - ohne einen Taktstock zu benutzen - durch ein wechselhaftes Programm und unterstreicht den stilistischen Gestus des jeweiligen Werkes bei, ohne die unterschiedlichen musikalischen Formen miteinander verschwimmen zu lassen. Es ist schlicht beeindruckend, wie unmittelbar man als Zuschauer mitverfolgen kann, dass die Musiker auf Jansons’ Dirigierweise sofort feinfühlig und sorgsam reagieren - Verdienst einer durchdachten Regiearbeit. Jene zeigt sich mit der Dramaturgie des Konzertes vertraut: Bedeutende Passagen von Instrumentengruppen werden detailgenau eingefangen ebenso wie eindrucksvolle Aufnahmen des großen Kirchenraums in Blick ins Weite leiten. Emanuel Pahud steht klanglich als auch optisch im wohlverdienten Mittelpunkt, wohingegen die 'Symphonie fantastique' als Ohren- und Augenschmaus zu erleben ist. Eine interessante Programmauswahl eines bewundernswerten Orchesters.

Interpretation:
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    Berlioz, Hector: Sinfonie fantastique

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
1
07.02.2011
EAN:

880242514486


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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