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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Rossini, Gioacchino - Le Siege De Corinthe

Europäischer Konflikt


Label/Verlag: NEI - Nuova Era Internazionale
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der vorliegende Mitschnitt von Rossinis 'Le siège de Corinthe' widmet sich einer Rossini-Rarität, kann aber nicht vollauf überzeugen.

Es war 1826, Gioacchino Rossini war 34 Jahre alt, als die erste seiner vier ‚französischen‘ Opern, 'Le siège de Corinthe' uraufgeführt wurde. Bei seinen beiden ersten Projekten dieser Art wollte Rossini auf Nummer sicher gehen und basierte die neuen Werke auf bereits erprobten Kompositionen, 'Mosè in Egitto' und, für 'Le siège de Corinthe', 'Maometto secondo', letztere 1820 in Rom aus der Taufe gehoben. Die Umarbeitung des zweiaktigen Dramma zu einer dreiaktigen Tragédie lyrique à la Spontini erforderte teilweise massive Eingriffe, doch konnte sich Rossini auf inspirierte Librettisten verlassen (Luigi Balocchi und Alexandre Soumet), die aus dem italienischen Vorwurf Cesare della Valles eine veritable Oper im französischen Stil (mit Ballett im zweiten Akt) machten. Die Oper behandelt ein wichtiges Ereignis der mediterranen Geschichte, einen zentralen europäischen Konflikt des Spätmittelalters, den Fall Byzanz’ 1453 und die Belagerung und schließlich auch Falls Korinths durch den blutjungen, brutalen Sultan Mahomet (Mehmet) II., verwoben in eine Liebeshandlung (die aber nicht nach Standardschemata abläuft, sondern nach den Gesetzen der Grand Opéra).

Bei dem vorliegenden, nun wiederveröffentlichten Live-Mitschnitt aus dem Genueser Teatro Carlo Felice vom 2. und 14. Juni 1992 (nicht, wie im Booklet vermerkt, Juli 1992), handelt es sich bis heute um die einzige französischsprachige Einspielung der Oper – alle anderen zwei Live-Mitschnitte und eine Londoner Studioproduktion, nutzen die italienische Rückübersetzung des Librettos. Sehr zum Schaden des Werkes, dessen Eigenart am besten auf Französisch zur Geltung kommt, gerade auch in Abgrenzung an 'Maometto secondo'. Dass ein italienisches Theater nicht unbedingt der beste Ort für eine solche französische Aufführung ist, kann man sich denken, wird doch zumindest das Publikum Verständnisschwierigkeit haben (wenn nicht auch einige der Sänger, insbesondere der Chor). Und so muss man leider auch sagen, dass der Chor leider nur Esperanto singt, kein überzeugendes Französisch. Schon die Eröffnungsszene ist überraschend wenig überzeugend – die Kämpfer scheinen höchstens mit halbem Herzen bei der Sache zu sein, bei der Verteidigung einer Stadt eine mehr als fatale Angelegenheit. Dazu ist der Chor – wie bei italienischen Chören leider viel zu häufig anzutreffen – unpräzise in den Einsätzen, selbst wenn die Komposition nicht eigentlich schwer ist; auch dass es sich um eine szenische Live-Aufführung handelt, kann da nicht als Entschuldigung gelten. Und, um es gleich zu sagen, auch im Orchester klappert’s immer wieder nach und an Sorgfalt mangelt es den Streichern leider allzu oft. Paolo Olmi scheint sich bei seinen Musikern nicht genügend durchgesetzt haben zu können.

Leider kann es so auch nicht überraschen, dass auch die Solisten eine mixed bag sind. Am idiomatischsten vom gesamten (ausschließlich aus Italienern bestehenden) Ensemble ist der Tenor Dano Raffanti (Cléomène), der schon häufig im französischen Fach geglänzt hat. Zu Recht hat Raffanti eine internationale Karriere als lyrischer Tenor (naturgemäß vornehmlich im italienischen Fach) gemacht; allerdings zeigt er im großen Gebet im dritten Akt insbesondere in der Höhe Ermüdungserscheinungen. Cléomènes Gegenspieler Mahomet II wird durch Marcello Lippi gesungen (nicht zu verwechseln mit dem Fußballtrainer gleichen Namens). Auch Lippi, der seine Karriere in Pesaro begann, ist bereits in Wien, Berlin, München und Barcelona zu hören gewesen – sein eher robuster Bassbariton ist bestens für Rollen wie den Scarpia, vielleicht sogar den Don Giovanni geeignet. Immerhin ist auch sein Französisch einigermaßen überzeugend, und seine Rolle ist hinreichend klein, dass er den Hörer mit seiner Stentorenstimme nicht ermüdet. Da liegt der Fall bei der dritten Hauptrolle, der von Cléomène und Mahomet geliebten Pamyra, anders – Luciana Serra ist schon lange ein ‚acquired taste‘. Seit ihren Triumphen als Königin der Nacht in Wien, London und Salzburg ist es stiller geworden um die Sängerin, deren Stimme, ähnlich wie jene June Andersons (die die Parallelrolle der Anna in der einzigen Studioproduktion von 'Maometto secondo' gesungen hat) klingt sie leicht ‚sauer‘ und seelenlos (Sylvain Cambreling besetzte sie als Olympia in 'Les contes d’Hoffmann'); dass sie aus dem französischen Text unverständlichen Unsinn macht, fällt da fast gar nicht mehr ins Gewicht, versteht man ihn doch ohnehin nur mit dem Textbuch in Händen. Wie hätte die Pamyra klingen können, hätte sich eine französische Sängerin wie Annick Massis der Rolle angenommen!

Wie viel überzeugender ist da Francesca Provissionato in der Rolle der Ismène – sie stattet die kleine, aber feine Rolle, die man passenderweise mit einem tiefen Sopran besetzen muss, mit einer warmen, charmanten Stimme mit lyrischem Kern aus. Auch Maurizio Comencini überzeugt in der zweiten Tenorrolle des Néoclès – seine Stimme ist weniger fein als jene Raffantis, auch längst nicht so gut ausgebildet (im dritten Akt spürt man die Ermüdungserscheinungen). In der winzigen Rolle des Adraste kann sich Vito Martino nicht profilieren. Weitaus problematischer allerdings als bei den Tenören sieht es mit den Bässen aus – sowohl Armando Caforio (Hiéros) als auch Francesco Facini (Omar) klingen grobschlächtig, wobei Caforios Tiefe eindeutig zu schwach ist und Facinis Französisch indiskutabel.

Zunächst hatte ich den Eindruck, die Aufnahmequalität sei einigermaßen in Ordnung (Nebengeräusche bei Livemitschnitten sind nun einmal nicht vermeidbar), bis ich Schnitte in Néoclès’ großer Szene im dritten Akt entdeckte, wo Dano Raffanti offenbar sogar durch die Aufnahmetechnik Unterstützung benötigte, diese aber nicht sehr erfolgreich umgesetzt worden ist. Dass das Booklet, wie leider bei italienischen Labels üblich, nicht frei ist von zahlreichen Fehlern (unter anderem Rückfällen in die italienische Fassung von 'L’assedio di Corinto') und nur der französische Gesangstext abgedruckt wird (ohne Trackangaben im Libretto), sorgt für weitere Abstriche. In Zeiten, da auf Studioproduktionen kaum mehr zu hoffen ist, hoffe ich dennoch darauf, dass sich vielleicht Opera Rara dieses Juwels annehmen und es zu mehr als einer Ehrenrettung kommt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rossini, Gioacchino: Le Siege De Corinthe

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
NEI - Nuova Era Internazionale
2
03.12.2010
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4011222330109
233010


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"Mit dieser Einspielung präsentiert Nuova Era eine Rarität! Denn die 1826 in Paris uraufgeführte Oper „Le siège de Corinthe“ ist Rossinis erste französische Oper. Dabei arbeitete der Komponist seine 1820 uraufgeführte Oper „Maometto II“ zur Grand Opéra mit großer Ballettmusik um. Die Oper war ein großer Erfolg, was auch mit der Handlung zu tun hatte. Denn der griechische Freiheitskampf gegen die Türken, das große Thema dieser Oper, fand in den 20er-Jahren des 19. Jahrhunderts viele Sympathisanten. Dagegen tritt die private Geschichte und Tragödie um Pamyra, ihren Vater Cléomène, den Statthalter von Korinth, Mahomet II, den Anführer der Türken und Néoclès, einen jungen griechischen O zier, etwas in den Hintergrund. In dieser Aufnahme singen Luciana Serra (Pamyra), Marcello Lippi (Mahomet), Dano Ra anti (Cléomène) und Maurizio Comencini (Néoclès) die Hauptpartien, es dirigiert Paolo Olmi."


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20 Jahre Aufnahmeerfahrung: Opern, Vokalwerke, Sinfonische Werke, Frühe- und Barockmusik, NUOVA ERA ist zu einem der Eckpfeiler in der Welt der Tonträgerindustrie geworden, beständig auf der Suche nach den Werken mit hohem Repertoirewert und der besten Preis/Leistungsrelation.
Die große Familie NUOVA ERAs diskografischer Serien umfaßt Labels wie "Ancient Music", der Frühen- und Barockmusik gewidmet, "Icarus", gewidmet Moderner und Zeitgenössischer Musik, sowie eine Riesenauswahl primär Italienischer Opernproduktionen, die nun ergänzt wird durch die, in Kooperation mit Radio della Svizzera Italiana produzierten Alben "Italian Vocal Art - Edwin Loehrer Edition" mit den faszinierendsten Aufnahmen eines der außergewöhnlichsten Rundfunkarchive.
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