> > > Schumann, Robert: Sinfonie Nr.4 ind-Moll, op.120
Sonntag, 29. Mai 2022

Schumann, Robert - Sinfonie Nr.4 ind-Moll, op.120

Brahms und Schumann


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Arabella Steinbacher liefert eine solide Lesart des Brahmsschen Violinkonzerts, die mit einer Aufnahme von Schumanns Vierter Sinfonie kombiniert ist.

Es sei vorweg genommen, dass mir der Sinn einer Gegenüberstellung des Violinkonzerts D-Dur op. 77 von Johannes Brahms und der Sinfonie Nr. 4 d-Moll op. 120 von Robert Schumann, die man auf dieser CD des Labels Orfeo findet, nicht so recht einleuchten will. Sieht man einmal von ihrem Grundton D ab, haben beide Werke weder irgendwelche Gemeinsamkeiten, noch trägt ihre Kombination etwas zu einer wechselseitigen Beleuchtung der musikalischen Substanz bei. Daher gewinnt man eher den Eindruck, dass hier zwei doch sehr häufig eingespielte Werke auf möglichst unkonventionelle Weise miteinander verbunden werden mussten, um den Eindruck einer gewissen Relevanz der Veröffentlichung für den Plattenmarkt herzustellen. Zwei Live-Mitschnitte aus dem Jahr 2007 sind es, aufgenommen im Musikverein Wien und im Wiener Konzerthaus mit den Wiener Symphonikern unter Leitung von Fabio Luisi, die man daher zusammengestellt hat. Als Solistin des Brahmsschen Violinkonzerts ist die Geigerin Arabella Steinbacher zu hören, die hier eine technisch reife Vorstellung gibt, obgleich von ihrer Interpretation am Ende doch recht wenige Besonderheiten haften bleiben.

Schwerfällig und schwärmerisch

Das D-Dur-Konzert wirkt schon gleich zu Beginn des Kopfsatzes ein wenig zäh, was durch die im Bereich mittlerer und tiefer Frequenzen etwas stark ausgelastete und daher leicht dumpfe Klangqualität der Produktion noch unterstrichen wird. Dass Luisi zudem in der Kopfsatz-Exposition die Viertelnoten nachdrücklich breit artikuliert, trägt nicht nur zur passagenweise wuchtigen und massiven Wirkung der Musik, sondern auch zu einem gewissen schwerfälligen, ja behäbigen Charakter der Interpretation bei. In den ruhigen Passagen hingegen strahlt seine Annäherung an Brahms eine sehr angenehme, durch die Tonfülle gelegentlich ins schwärmerische gewendete Stimmung aus. Auffällig ist darüber hinaus der in gewissem Sinne verharmlosende Zugriff, denn der Dirigent nimmt in besonders spannungsreichen Passagen mitunter die Dissonanzen aus der Harmonik zurück und beraubt damit den harmonischen Prozess seiner Reize, zeichnet zudem dort, wo das rhythmische Pochen zur Steigerung von Spannung beiträgt, die Rhythmik eher weich. Dies führt dazu, dass einzelne Passagen des Kopfsatzes, aber auch das Finale in den rhythmisch vorantreibenden Passagen unverbindlich geraten.

Dass ein gewisser Hang zum Singen den Eindruck der Musik bestimmt, gilt auch für Steinbachers Zugang: Ihr erster Einsatz steckt voller fordernder und spannungsvoller Nervosität, was die Erwartungshaltung beim Hörer steigert, aber nicht durchgehalten wird; denn im Gegensatz dazu neigt sie häufig dazu, die eher reflexiven Stellen auszubremsen und verstärkt damit eine bei Luisi angelegte Tendenz. Dadurch geht aber der Faden verloren, tritt die Musik auf der Stelle, weil ihr Fluss nicht gewahrt wird sowie Spannungs- und Entspannungsphasen willkürlich gesetzt erscheinen. Am ehesten trifft man den Charakter der Einspielung, wenn man die Kantilenen des Werkes betrachtet, denn der Vortrag von Solistin und Orchester richtet sich vor allem an ihnen aus. Das ist zwar durchaus klangvoll und wird durch Steinbachers Formung des Violintons unterstrichen, doch legt die Geigerin zugleich auch einen gewissen Hang zu melodischen Schluchzern an den Tag, durch die solche Momente ins Kitschige abzugleiten drohen. Daher wird sie auch der eher kammermusikalischen Diktion des 'Adagios' nicht gerecht, die Luisi im Orchester vor ihr ausbreitet, und fasst zudem den Mittelteil des Satzes eher lyrisch auf, wodurch die dramatischen Zwischentöne der Musik verloren zu gehen droht.

Subtilität

In Robert Schumanns Sinfonie Nr. 4 d-Moll op. 120 beweist Luisi mehr Geschick als im Brahms‘ Konzert. Hier agiert er wesentlich subtiler bei der Darstellung von Dynamik und Orchesterfarben und lässt Differenzierungen hören, die man im Violinkonzert gelegentlich vermisst hat, wofür gerade die Einleitung zum Kopfsatz ein sehr schönes Beispiel bietet. Besonders der elastische Umgang mit der Rhythmik und die bewusste Formung all jener Elemente, mit denen Schumann den zyklischen Zusammenhang der Einzelsätze herstellt, treten hierbei in den Vordergrund. Allerdings neigt der Dirigent auch diesmal an einigen Stellen zur Verharmlosung, indem er den Dissonanzen ihre Spitze nimmt und (Forte-)Akzentuierungen stärker als nötig zurückhält. Das ist schade, weil die Interpretation in Bezug auf andere Details sehr überzeugend ist. So lässt Luisi etwa im Scherzo den Tempokontrast zwischen Rahmenteilen und lyrischem Mittelteil sehr gekonnt ausspielen und bringt danach – ein höchst gelungener Abschnitt – das Orchester im Tempo zerfasernd zur (Un-)Ruhe bringt, so dass er auf der Grundlage der hier erreichten Unbestimmtheit die Überleitung zum Finale anstimmen und mit ihr neue Spannung aufbauen kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann, Robert: Sinfonie Nr.4 ind-Moll, op.120

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
1
14.02.2011
Medium:
EAN:

CD
4011790752129


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ORFEO

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