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Dienstag, 25. Juni 2019

Czernowin, Chaya - shifting gravity

Der Schwerkraft enthoben


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine neue Portrait-CD zur Musik Chaya Czernowins präsentiert Musik, die fernab überkommener musikalischer Logik neue klangliche Systeme schafft.

Die Zeit ist aus den Angeln: Diese Feststellung aus Shakespeares ‚Hamlet‘ charakterisiert die Musik von Chaya Czernowin in prägnanter Weise. Czernowins Kompositionen beschäftigen sich seit einiger Zeit mit der Entfaltung biologischer Phänomene, denen gegenüber die emotionale Seite zunächst in den Hintergrund tritt, um auf Umwegen umso kraftvoller ins Feld zu ziehen. Naturgesetze – ob musikalischer oder andere Art – werden gleichsam auf den Kopf gestellt, und in den Instrumentalwerken, die auf einer neuen Portrait-CD aus dem Hause WERGO versammelt sind, entstehen für eine relativ kurze Zeit ganz eigenständige Systeme. Neben den 'Winter Songs III' für Ensemble und Elektronik ist hier der Zyklus 'Shifting Gravity' aus dem Jahre 2008 zu hören, eine Sammlung von fünf Werken für Streichquartett respektive Septett oder ein Quartett aus Saxophon, E-Gitarre, Klavier und Schlagzeug.

Ebenjenes Stück, 'Sahaf' betitelt, steht für das Interesse Czernowins, klangfarbenreiche Besetzungen neu zu erkunden, in diesem Fall verstärkt durch die besondere Mischung von analoger und elektronischer Klangerzeugung. Das junge Ensemble Nikel liefert eine beispielgebende Interpretation und zeigt damit auch, dass neue Wege immer wieder den Impuls einer jungen Generation brauchen, die sich nicht mit den alten (Besetzungs-)Konventionen zufrieden geben will.

Auf den ersten Blick konventioneller wirken die Streichquartette 'Seed I' und 'Seed II', hier in Interpretationen des Quatuor Diotima zu hören. Der Zyklus beinhaltet jedoch ein drittes Werk, 'Anea', das aus einer Überlagerung der beiden Quartette besteht, hier realisiert durch Live-Spiel zu einer vorproduzierten Quartett-Schicht. Die durchaus vorhandene starke emotionale Ansprache dieser Musik entsteht vor allem durch das Aufeinandertreffen verschiedener Systeme in der Überlagerung der beiden Partituren: Die gestische Prägnanz des ersten Quartetts und die biologischen Wucherungen des zweitens erzeugen eine Energie, die dem Hörer bisweilen den Boden unter den Füßen entzieht, ihn über die Grenzen einer klar nachvollziehbaren musikalischen Logik trägt und Einblicke in unbekannte und komplexe Strukturfelder ermöglicht.

In den 'Winter Songs', gut fünf Jahre vor 'Shifting Gravity' entstanden, kommt eine eher emotionale Seite der Musik Czernowins zutage, die eine Vielzahl von suggestiven Klängen in einer düsteren Grundstimmung malt. Czernowins Musik ist hier im Bereich der Recherche anzusiedeln, die alle Ausdrucksklischees meidet und dabei stets auf den Moment ihrer Entstehung verweist. Zu gesampelten Klängen entstehen Texturen, die nicht umsonst in der Partitur mit der Spielanweisung ‚frozen‘ beschrieben sind. Solch eine unter die Haut gehende Emotionalität kann unangenehm und simpel wirken, wenn Struktur und Oberfläche in eins fallen. Chaya Czernowins Musik reflektiert und hinterfragt sich jedoch stets selbst und ist so vor allzu dienstbarem Oberflächenglanz gefeit. In ihrer steten Suche nach neuen Verhältnismäßigkeiten ist diese Musik wie kaum eine andere am Puls der Zeit situiert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Czernowin, Chaya: shifting gravity

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
01.02.2011
Medium:
EAN:

CD
4010228672626


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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