> > > Mahler, Gustav: Symphony No.6
Montag, 29. November 2021

Mahler, Gustav - Symphony No.6

Mahlers 'Persönlichste'


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mahler 6. Sinfonie

Etwas sehr persönliches soll sie sein – die sechste Sinfonie Gustav Mahlers. Seine Frau Alma bezeichnete sie gar als sein ‚allerpersönlichstes Werk’. Doch gerade diese Deutung aus dem direkten Umkreis Mahlers lässt ein Erfassen des Werkes um ein vielfaches schwieriger werden. Zum einen sind die selbstzerstörerischen und dramatischen Charakteristika dieser Musik unverkennbar. Zum anderen lässt Alma Mahler einen wissen, dass thematisch sie selbst wie auch die Kinder Mahlers in der Sinfonie bedacht sind. So soll er auch persönliche Schicksalsschläge vorrausgeahnt und in das Wer integriert haben. Dirk Stöve, Autor des Booklettextes der vorliegenden CD, schriebt dazu: ‚Ob Mahler tatsächlich sein Leben anticipando musiziert hat, Werk und Biographie also 1:1 zu setzen sind, ist natürlich nicht abschließend zu beurteilen, wohl aber in Zweifel zu ziehen.’
Unbestreitbar bleibt jedoch der tragische Charakter der Sinfonie, der sich ja nicht nur im Beinamen des Werkes wiederspiegelt. Monströs orchestriert stellte das Werk schon zu Lebzeiten Mahlers an Hörer wie auch Musikkritik große Ansprüche. Einen wirklichen ‚Siegeszug’ durch die Konzertsäle der Welt blieb dem Werk bis heute nicht vergönnt.

Herbigs atmosphärischer Mahler
Im hier besprochenen Fall hat sich Günter Herbig und das Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken an dieses Werk gewagt. Das Ergebnis, soviel sei vorweggenommen, ist überaus positiv und lohnend. Herbigs Tempowahlen wirken angemessen, orientieren sich an den Komponistenvorgaben, ohne in irgendwelche Extreme zu verfallen. Der erste Satz, von Mahler mit ‚Heftig aber markiert’ bezeichnet, gelingt sehr markig, hat viel Zug. Doch wünscht man sich etwas mehr von der geforderten ‚Heftigkeit’. Gerade im Schlagwerk und im Blech könnten Einsätze und Artikulation noch detaillierter und akzentuierter gespielt werden. Ähnliches gilt auch für das abschließenden Finale, in dem manches über mehr Schärfe, Schneid verfügen, knackiger musiziert sein könnte. Im zweiten Satz überzeugen vor allem die kammermusikalisch angelegten Abschnitte, in denen sich Holzbläser und Streicher kommunizierend gegenüberstehen. Ebenfalls gut gelingen die verschiedenen Tempowechsel innerhalb des Scherzos. Hier beweist Herbig ein besonderes Gespür für die Intimitäten und folkloristischen Elemente der Mahlerschen Musik.
Manch einer wird Herbigs Interpretation des dritten Satzes als recht dröge und emotionsarm empfinden. Doch sollte man sich die Mühe machen, den Satz mehrfach genau zu hören. Dann wird man nämlich die Besonderheiten seiner musikalischen Umsetzungen erkennen. Sie bestehen vor allem in einem zwingenden Gespür vor Klänge und Linien. Selten hat man diesen Satz in seiner Differenziertheit und Stimmenvielfalt so überzeugend und inhaltstief gehört - das hat Atmosphäre. Beeindruckend ist auch, dass Herbig die dynamischen Möglichkeiten seines Klangkörpers ausreizt und in Gänze einsetzt – Pianissimi sind fast unhörbar leise, entsprechend voll und voluminös gelingen die Mezzoforte- und Forte-Abschnitte dieses Satzes. Das dies alles so gut dem Hörer vermittelt wird ist ob des nur mäßigen, weil etwas muffigen, gedämpften Klangbildes um so erstaunlicher.

Orchestrale Höchstleistungen
Dem Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken, dessen Chef Günter Herbig seit 2001 ist, gebührt besondere Anerkennung für die erbrachte Leistung. Zählte man es nicht zu den Spitzenensembles der deutschen Rundfunkorchester, so haben die Musiker dieses Ensembles doch auf der vorliegenden CD gezeigt, zu welchen Leistungen sie fähig sind. Das Spiel des Orchesters gibt kaum Anlass zur Kritik – weder technisch, noch musikalisch, noch intonatorisch. Die kleinen auftretenden Mängel sind zum einen in den großen Ansprüchen Mahlers an die Musiker begründet; zum anderen gehören sie wohl auch zu einem Live-Mittschnitt dazu. Man denke nur an die auch nicht mangelfreien Einspielungen der Mahlersinfonien mit den Berliner Philharmonikern. Nichts desto trotz verfügt das Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken ebenso über einen warmen, angenehm dunklen und ausgewogenen Orchesterklang wie auch über sehr gute Solisten, die sicher durch die vielen Herausforderungen dieser Musik schiffen.

Empfehlenswerte Leistungsschau
Alles in allem haben Günter Herbig und sein Orchester also eine sehr gute, in Gänze überzeugende Interpretation von Mahlers sechster Sinfonie vorgelegt, die in kleinen Details noch ausbaubar ist. Schließlich stehen beide Partner, Orchester und Dirigent, erst am Anfang einer hoffentlich fruchtbaren Zusammenarbeit. Das Booklet ist gewohnt informativ – Lob an Herrn Stöve für seine schönen Einführungstexte – aber nicht umfassend genug. Es fehlen die Biographien des Dirigenten ebenso wie Informationen zum Orchester. Trotzdem - eine schöne, lohnende CD, die zeigt, dass es für Mahler nicht immer die Berliner Philharmoniker sein müssen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Kritik von Frank Bayer,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Symphony No.6

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
15.05.2002
75:38
1999
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0782124946128
0094612BC

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Mahler, Gustav


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Dirigent(en):Herbig, Günther
Orchester/Ensemble:Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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