> > > Bach, Johann Sebastian: Die Kunst der Fuge BWV 1080
Montag, 15. Juli 2019

Bach, Johann Sebastian - Die Kunst der Fuge BWV 1080

Bach im Treibhaus


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Musica Antiqua Köln spielen Bachs 'Kunst der Fuge' in einem modernen Gebäude aus Glas, Stahl und Beton. Durch die Verbindung von Altem mit Neuem und durch kontrastierende Momente entsteht ein neues Kunstwerk. Die Musik gerät dadurch in den Hintergrund.

Seit der Auflösung des Ensembles Musica Antiqua Köln sind nunmehr fast fünf Jahre ins Land gezogen. Lebendig bleibt das Ensemble aber weiterhin, zumindest auf dem Plattenmarkt durch die Herausgabe von Archivaufnahmen. Im Fall dieser DVD handelt es sich um eine bereits nach der Auflösung des Ensembles entstandene Produktion aus dem Jahre 2007. Bachs 'Kunst der Fuge' hatte das Ensemble um Reinhard Goebel bereits vor Jahrzehnten auf CD eingespielt. Und nun endet ein Jahr nach der Ensembleauflösung mit der Aufnahme von diesem Opus ultimum gleichsam ‚auch das Wirken dieses legendären Ensembles‘ (so der leicht selbstverliebte Text auf dem DVD-Umschlag).

Eher Kunstfilm als Konzertmitschnitt

Drückt man im DVD-Menü auf ‚Start‘, ohne sich vorher mit Cover oder Booklet beschäftigt zu haben, so beginnt die Musik unmittelbar mit der Einblendung des ersten Bildes. Man sieht einen leicht bewölkten Himmel und hört dazu das Thema des ersten Contrapunctus von einer Violine vorgetragen, es klingt sehr hallig, zuweilen etwas kühl. Die restlichen Instrumente des Streichquartetts gesellen sich mit den entsprechenden Stimmeinsätzen nach und nach hinzu. Musikalisch ist man also von der ersten Sekunde an in medias res, im Gegensatz zum Gezeigten. Denn was auf visueller Ebene in den ersten 90 Sekunden passiert, erinnert eher an einen Vorspann. Füllt der Himmel in der ersten Einstellung noch das ganze Bild, so ist er in der nächsten Einstellung von einer grauen Betonwand beschnitten, bevor in großen Lettern Johann Sebastian Bach mit ‚Die Kunst der Fuge‘ angekündigt wird. Anschließend folgen erneut Betonwand, Himmel und Sonne. In einem zweiten Anlauf wird Musica Antiqua Köln mit den ausführenden sechs Instrumentalisten angekündigt, bevor man aus der Ferne die Musiker in einer Art Glashaus sitzend musizierend sehen – oder besser erahnen – kann. Nach zwei Minuten erfährt man durch eine Einblendung, dass das laufende Stück, wie schon richtig vermutet, tatsächlich der 'Contrapunctus I' ist (und nicht etwa die Musik zum Vorspann), der nach knappen drei Minuten endet. Bis hierhin hat man vom Gebäude mehr gesehen als von den Interpreten und vor lauter Himmel und Beton völlig vergessen, überhaupt auf den beiläufig im Hintergrund ‚dudelnden‘ Kontrapunkt zu achten. Diese Produktion geht also weit über die bloße audiovisuelle Aufnahme von praktizierenden Musikern wie etwa in Konzertmitschnitten hinaus.

Bei dem ‚eleganten Gebäude aus Stahl, Glas und Beton‘ handelt es sich übrigens um ein ‚wahres architektonisches Meisterwerk‘ des weltbekannten Architekten Tadao Ando‘ (Booklet), ein Kunst- und Ausstellungshaus der Langen Foundation bei Neuss, welches im Film neben der Musik und den Interpreten eine ebenbürtige Rolle einnimmt. Durch den kunstvollen Zusammenschnitt von Bild und Ton entsteht ein neues Kunstwerk, in dem die verhältnismäßig ‚alte‘ Musik mit der ‚modernen‘ Architektur verbunden wird. Jeder Kontrapunkt erhält neue Kameraeinstellungen, die Aufnahmen sind nicht nur bei Tageslicht sondern teilweise auch nachts gemacht worden. Verantwortlich für die Bilder ist der spanische Regisseur Enrique Sánchez Lansch.

Durch das Spiel mit Licht und Schatten und durch den erzeugten Kontrast zwischen Bachs Musik und der modernen Architektur sowie die wechselnden Besetzungen werden die vorgetragenen Kontratunkte in mehrfacher Hinsicht zu Gegenpolen des gezeigten Bildes. Letztere sind fraglos großartig – wahrscheinlich kann man mindestens in jeder zweiten Einstellung den goldenen Schnitt nachziehen – allerdings entsteht der Eindruck, Bachs 'Kunst der Fuge' werde hier zum Soundtrack für eine Architekturstudie, bei der nicht die Musik, sondern vielmehr die Ästhetik des Visuellen im Vordergrund steht. Entsprechend hätte man auf dem Cover neben Bachs Namen in gleichgroßen Lettern mindestens auch den Namen des Architekten, wenn nicht sogar auch den des Regisseurs abdrucken können. Diese DVD geht also weit über einen einfachen Konzertmitschnitt hinaus. Man kann die Musik zwar oft hören, doch die ausübenden Musiker längst nicht immer sehen. In den Momenten, in denen man sie dann aber sehen kann, werden sie aus höchst außergewöhnlichen Perspektiven (tolle Nahaufnahmen!) gezeigt und durch innovative Einstellungen abgebildet. Sind die Musiker nicht im Bild, so sieht man eine Mixtur aus Glas, Stahl und Beton. Hier kann man dann die Fuge nicht nur hören, sondern mitunter zwischen den sorgfältig aufeinandergestapelten Betonplatten sogar sehen… Die Aufnahmen des Gebäudes erzeugen in dieser Art ein gewisses Loungefeeling, was so ganz und gar nicht zur 'Kunst der Fuge' passen will. Insgesamt stellt Lansch durch diesen Zusammenschnitt von Bild und Ton die Musik auf die gleiche Stufe wie die gezeigten Bilder, wodurch der Musik nicht (mehr) die alleinige Hauptrolle zukommt, sondern das Bild neben die Musik gestellt oder sogar untergeordnet wird.

Reizüberflutung

Deshalb fällt es auch nicht auf Anhieb leicht, ein Urteil über die musikalische Interpretation zu fällen. Am besten schließt man für eine Bewertung die Augen. Wie schon auf ihrer CD-Produktion der 'Kunst der Fuge' musiziert das Ensemble in wechselnden Besetzungen. Während beispielsweise der erste Kontrapunkt vom Streichquartett vorgetragen wird, werden die Kontrapunkte 2 und 3 vom Cembalo solo vorgetragen und Kontrapunkt 4 wiederum vom fünfköpfigen Ensemble, bestehend aus Streichquartett und Cembalo (wobei Léon Berben am Cembalo die Cellostimme durch Harmonisierung verstärkt), vorgetragen wird. Die Fuge für zwei Klaviere und teilweise auch die Kanons und Spiegelfugen (Contrapunctus 13 ist nicht enthalten) werden von zwei Cembali (Léon Berben und Wolfgang Kostujak) vorgetragen. Der Vortrag der einzelnen Stücke insgesamt ist überzeugend, aber – wie schon die CD-Aufnahme des Ensembles – nicht überragend. Insbesondere Léon Berben begeistert am Cembalo.

Die DVD schließt mit dem letzten – natürlich bei Nacht aufgenommenem – unvollendeten Kontrapunkt, vom Streichquartett vorgetragen. Im Anschluss daran wird unscharf ein rauschendes Gewässer eingeblendet: Tritt hier endlich der Bach ins Bild, den man die ganze Zeit über zwar hören konnte, dem man aber vor lauter visueller Reizüberflutung kaum zuhören konnte?

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:





Peter Büssers Kritik von Peter Büssers,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Die Kunst der Fuge BWV 1080

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
18.02.2011
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
782124167585
0016758BC


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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