> > > Smetana, Bedrich: Ma Vlast
Sonntag, 16. Januar 2022

Smetana, Bedrich - Ma Vlast

Scharf gestellt


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wenn man Claus Peter Flors Einspielung von Smetanas Zyklus hört, verdichtet sich der Eindruck, man habe diese sinfonischen Dichtungen bislang hinter Milchglas gehört - und nun wird die Optik auf scharf gestellt.

Auch das ist ein Zeichen voranschreitender Globalisierung: Das Malaysian Philharmonic Orchestra spielte den Grundstein tschechischer Nationalmusik, Bedřich Smetanas 'Má vlast' (Mein Vaterland) unter der Leitung eines deutschen Dirigenten für ein schwedisches Label ein. Claus Peter Flor hat die Zusammenarbeit mit dem malaysischen Orchester erfolgreich ausgebaut und mittlerweile, im Bereich des böhmischen Repertoires bleibend, mit einer hochspannenden Einspielung von Dvořáks Siebter Sinfonie nachgelegt. Sein Blick auf Smetanas sechsteiligen Zyklus sinfonischer Dichtungen wurde bereits vor zwei Jahren aufgenommen und als Hybrid-SACD produziert.

Claus Peter Flors spannungsgeladenes, stringentes Musizieren, das in Dvořáks d-Moll-Sinfonie zu einem fesselnden Ergebnis führte, prägt auch Smetanas Zyklus sinfonischer Dichtungen. Diese Lesart braucht sich neben den ‚Klassikern‘ der Interpretationsgeschichte keineswegs zu verstecken, in klanglicher Hinsicht ist sie sogar auf den Spitzenplätzen zu verorten. Flor sorgt mit zügigen Tempi und straffer, gespannter Rhythmik für eine außerordentlich dramatische Deutung von Smetanas Zyklus. Der übergeordneten Tendenz zu temperamentvollem Voranschreiten ist ein flexibel gehandhabter Umgang mit dem Bewegungsmaß eingeschrieben, der manchmal an typisch ‚romantische‘ – und damit zur Stilistik der Musik passende – Vortragspraktiken anschließt, wenn etwa dynamisch oder ganz allgemein im Spannungsgrad ansteigende Passagen mit einem Accelerando verbunden werden.

Das Spannendste an Claus Peter Flors interpretatorischem Zugriff liegt allerdings in einer so minutiösen wie sinnvollen Durchleuchtung des häufig gespielten und aufgenommenen Zyklus. Man hat bei dieser Aufnahme den Eindruck, in anderen Einspielungen eher eine Milchglas-Version dieser sinfonischen Dichtungen zu hören, und nun wird der Höreindruck auf scharf gestellt. Ob das Akzente sind, die Smetana dem 'Moldau'-Thema zur Belebung hinzugefügt hat oder nervöse Cello-Triller, die die Wasseroberfläche der Moldau aufrühren, ob die Wellenlinien der Flöten sich durch stärkere metrische Betonungen hier lebendiger kräuseln – all diese Details der Partitur nimmt Flor nicht nur ernst, sondern nutzt sie in seinem interpretatorischen Konzept als essentielle Parameter musikalischen Ausdrucks. Flor ist dabei kein Buchstabierer des Notentextes, sondern bringt – durchaus diskussionswürdige – eigene interpretatorische Ideen ein, etwa kesse Gegenakzente im Hochzeits-Teil der 'Moldau'.

Den Weisungen des Dirigenten folgt das Malaysian Philharmonic Orchestra detailgenau, auch in dynamischer Hinsicht. Nach manchem Forte, etwa im letzten Stück 'Blaník', geht das Orchester blitzschnell ins Piano zurück – der Effekt eines jähen Beleuchtungswechsels, der geradezu elektrisierend wirkt. Vor allem dann, wenn man diese Stücke eher mit einem kultivierten Dimmungs-Effekt zu hören gewohnt ist, der entsteht, wenn orchestrale Routine und Bequemlichkeit solche dynamischen Kontraste nivellieren. Auch in anderer Hinsicht setzt das Orchester die teilweise stürmische Lesart Claus Peter Flors mit Effet um, etwa wenn es um Streichertremoli geht, die mit äußerster Aufgeregtheit, manchmal fast geräuschhafter Vehemenz gespielt werden.

Der Klang des Malaysian Philharmonic Orchestra tendiert, zumindest in dieser auf die stringente Herausarbeitung schlanker Dramatik ausgerichteten Interpretation, zum Hellen und Brillanten, zumal in den Momenten peitschender Spannungsentladung. Kantable Themen der Holzbläser sind freilich dunkler und runder eingefasst, und auch der düstere Streicherklang nach der Zusammenbruchs-Klimax in 'Vyšehrad' ist farblich bestens getroffen. ‚Böhmisch‘ kann dieser Orchesterklang aber nicht genannt werden; dafür eignet gerade den Blechbläsern (insbesondere Trompete und Horn) eine zu ausgeprägte Härte des Klangs, insbesondere an Stellen dramatischer Ballungen. Zuweilen, etwa in 'Z českých luhů a hájů' (Aus Böhmens Hain und Flur) wünschte man sich statt der strahlenden Brillanz ein wenig mehr klangliche Rundung. Doch insgesamt passt dieser zuweilen etwas schneidige Klang bestens zu Claus Peter Flors fesselndem Deutungsansatz.

Einer der größten Stärken liegt neben der schlüssigen und gewissermaßen schlanken Entwicklung musikalischer Spannungsmomente in der meisterlichen Gewichtung des Orchesters. Der gesamte Orchesterklang wird von markanten Kontrabässen getragen, die Balance zwischen Holzbläsern und Streichern ist vorbildlich, die Gewichtung des Blechs gelingt ebenso überzeugend. Die Qualitäten im Umgang mit dem Orchester – akribische Differenzierungen der Artikulation und der Dynamik gehören neben den genannten Aspekten ebenso dazu – erscheinen natürlich nicht zuletzt deshalb in bestem Licht, weil die klangtechnische Umsetzung höchsten Ansprüchen genügt. Die dynamische Staffelung ist mustergültig, das Klangpanorama äußerst präzise.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Smetana, Bedrich: Ma Vlast

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
22.12.2010
Medium:
EAN:

SACD
7318599918051


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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