> > > Meister, Johann Friedrich - Sonaten: Musica Antiqua Köln
Sonntag, 28. November 2021

Meister, Johann Friedrich - Sonaten - Musica Antiqua Köln

Nachklang


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Noch einmal Musica Antiqua Köln: wunderbare Sonaten Johann Friedrich Meisters in einer famosen Einspielung.

Fast fünf Jahre nach ihrer Auflösung liefert die Musica Antiqua Köln den klingenden Beleg dafür, dass ihre Stimme der Alten Musik inzwischen zu fehlen beginnt – mit einer schon 2004 beim WDR entstandenen Einspielung von sechs Sonaten aus dem 'Giardino del piacere' Johann Friedrich Meisters (ca. 1638-1697), die erst jetzt bei Berlin Classics erschienen ist. Die Besetzung ist denkbar schmal: Reinhard Goebel und Stephan Schardt spielen Violine, Klaus-Dieter Brandt Violoncello und Léon Berben Cembalo. In dieser kammermusikalischen Konzentration durchmessen die vier Instrumentalisten diese höchst erstaunliche Musik, denn genau das ist sie in der Tat.

Formal und expressiv vielgestaltig, ist es Musik von großem Ernst und einer gewissen Leichtigkeit zugleich. Meister macht seinem Namen alle Ehre und nutzt überkommene Formen frei und ungezwungen, wie etwa eine Ciaconna oder eine Passacaglia zeigen. Da ist nichts Lastendes oder demonstrativ Schulmeisterliches zu hören. Auffällig sind die Qualitäten der intensiven langsamen Sätze: Sie sind in ihrer Faktur bemerkenswert eigenständig und ihr musikalischer Gehalt geht weit über das zeitgenössisch Übliche hinaus. Auch harmonisch zeigt Meister in den meist sechssätzigen, dabei alles andere als gleichförmig gebauten Sonaten sein Können. Oft frischen kleinere Farbwechsel in einzelnen Stimmen den Gang der Dinge auf, an anderer Stelle brechen interessante, oft chromatisch bereicherte Fortschreitungen mit den Hörerwartungen. Meister war ganz offenkundig ein Komponist von Geistesgegenwart und Originalität – denn er arbeitet sich nicht tradierten Schemata ab, sondern nutzt Formen und Techniken als Medium für seine eigene kompositorische Kraft.

Argumentativer Furor

Das unterstreicht auch Reinhard Goebel in seinem wie stets von argumentativem Furor inspirierten Booklet-Essay völlig zu Recht. Doch sein Ansatz führt weit über die Einordnung der Qualitäten Meisters hinaus. Goebel wendet sich eloquent und mit etlicher Schärfe gegen Auswüchse in der Alten Musik – wenn allzu leichtfertig mit stolzgeschwellter Brust vermeintlich unerhörte Neuentdeckungen in die Manege geführt werden und es doch nicht sind, wenn das Leichte das Gewichtige marginalisiert, wenn mit Blick auf bessere Verkaufszahlen das x-te barocke Sammelalbum auf den Markt geworfen wird oder wenn Monteverdi den Jazz trifft, dann entfesselt das alle debattengeschärfte Eloquenz, derer Goebel befähigt ist. Ein bedenkenswerter Text in einem ansonsten vielleicht an Informationen etwas zu schmalen Booklet.

Wunderbare Interpretation

Goebel und seine drei Mitstreiter bilden eine hinreißende, harmonische Kammermusikformation: Der instrumentale Klang ist subtil ausgebaut, Temperament und große Geduld sind prägende interpretatorische Größen. Vom ersten bis zum letzten Satz herrscht größte Konzentration, die ruhevolle Entfaltung delikater Gesanglichkeit ebenso grundierend wie Momente virtuoser Spielfreude. Jede Stimme wird sehr detailliert artikuliert – in diesem Punkt sind Einspielungen mit Goebels Beteiligung schwerlich zu überbieten. Auch die der Musica Antiqua Köln gelegentlich attestierte Ruppigkeit ist nirgends zu hören. Jeder kraftvolle Zugriff auf die Sätze wirkt immer deutlich motiviert und als Ergebnis einer interpretatorischen Überlegung.

Realisiert ist die Platte in einem harmonischen, plastischen Klangbild, das gleichwohl nie Gefahr läuft, disparat zu wirken. Die verschiedenen Klangsphären sind klar disponiert. In der Summe ist es eine sehr gelungene und angemessene Abbildung des kammermusikalischen Geschehens.

Goebels Ansatz ist durchdacht, seriös und zeigt den klug disponierenden Interpreten. Zugleich verströmt Meisters Musik in dieser Einspielung ihre ganze Frische, ihre klangsinnlichen Qualitäten, ihr gelegentlich tänzerisches Temperament. Goebel, Schardt, Brandt und Berben sind selbstlos auf die Musik orientiert und stellen ihre instrumentalen Fähigkeiten nicht als Selbstzweck heraus, sondern agieren als Meisters kundige Anwälte. Damit bieten sie einen hochklassigen Abschluss der Diskographie der Musica Antiqua Köln und machen – wie am Anfang schon apostrophiert – klar, welch wichtige interpretatorische Stimme der Alten Musik inzwischen fehlt. Diese Aufnahme in den Archiven des WDR ruhen zu lassen, wäre unverantwortlich gewesen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Meister, Johann Friedrich - Sonaten: Musica Antiqua Köln

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
18.02.2011
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
782124167424
0016742BC


Cover vergössern

Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Berlin Classics:

blättern

Alle Kritiken von Berlin Classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Hitmaschinen: Die Lautten Compagney mit einem Volltreffer: Für das wache Ohr und den kritischen Geist ebenso wie für den reinen Klanggenuss. Purcell und die Beatles vereint in einer Zeitreise, die sich lohnt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Bodenschätze: Chorwerk Ruhr und Capella de la Torre bringen üppige kompositorische Qualität weit über die großen Namen hinaus zu aufregendem Funkeln. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Prachtwerke: In der Summe eine ungemein gediegen gesungene und gespielte Platte mit Bach-Kantaten – edel im Klang, differenziert im Zugriff, mit üppigen lyrischen Stärken agiert Hans-Christoph Rademann mit seiner Gaechinger Cantorey ohne Zweifel. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2021) herunterladen (3500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich