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Samstag, 15. August 2020

Reimann, Aribert - Medea

Mitleid mit Medea


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Aktualisierung eines großen Stoffs: Aribert Reimanns 'Medea', überzeugend auf die Bühne gebracht.

‚Packendes Drama im Lavageröll‘, ‚Explosive Düsternis‘, ‚Triumph für eine Mordspartie‘ – so titelten die Zeitungen nach der erfolgreichen Uraufführung von Aribert Reimanns Oper ‚Medea‘ im Februar 2010 an der Wiener Staatsoper, in deren Auftrag sie entstanden ist. Das knapp zweistündige Werk ist Reimanns achte Oper. Der 1936 in Berlin geborene Komponist richtete das Libretto nach Franz Grillparzers Drama ein, das Medeas Einsamkeit ins Zentrum stellt: ‚Glücklicherweise verarbeitete ich die Dramenvorlage selbst zum Libretto, andernfalls wären mir diese Klangvorstellungen, die sich wie von selbst einstellten, vermutlich gar nicht gekommen.‘

Erzählende Opern

Der Vorwurf der ‚Literaturoper‘ begleitet sein gesamtes Opernschaffen: weil er mit Vorliebe literarische Texte vertont – Shakespeares ‚King Lear‘, Kafkas ‚Das Schloss‘, Werfels Euripides-Bearbeitung ‚Troades‘ sind zu nennen –, weil seine Opern zu narrativ seien und nicht auf Distanzierung oder gar Aufbrechung des theatralen Raums, sondern auf Kohärenz, dramatische Wucht und lyrische Einfühlung setzten. Eine überflüssige Debatte. Sein erfolgreichstes Bühnenwerk, der 1978 uraufgeführte 'Lear', steht in einer Reihe mit bedeutenden Opern wie Bergs 'Wozzeck' und Zimmermanns 'Die Soldaten' (auch sie 'Literaturopern', wenn man diesen umstrittenen Terminus verwenden möchte).

Primat der Stimme

Doch Reimann, einer der profiliertesten und meistgespielten Opernkomponisten der Gegenwart, ist kein Traditionalist. Er beherrscht sein Metier, seine kompositorischen Verfahren sind auf der Höhe der Zeit. ‚In Medea wollte ich eins aus dem anderen entwickeln, auch im kleinsten Material‘, sagte er der ZEIT. Das Gute: Sein avancierter, vielseitiger Zugriff führt nie zu spröder, technisch-kalter, verkopfter Musik. Seine Musik auch zur 'Medea' folgt ihrer eigenen Logik, emotional und expressiv ist sie – und kantabel. Denn im Vordergrund stehen die Möglichkeiten der menschlichen Stimme, die Reimann, der sich auch als Liedbegleiter einen Namen gemacht hat, mit tiefem Verständnis auszuschöpfen versteht (die Titelpartie des 'Lear' schrieb er für Fischer-Dieskau). Die Textverständlichkeit dieser Aufnahme ist auch aus diesem Grund exzellent.

Bewundernswerte Umsetzung

Da die – kleine – Besetzung von vornherein feststand, konnte der Mozart-Bewunderer den Sängern ihre Partien auf den Leib schneidern. Die Blässe von Adrian Eröds Jason liegt wohl einesteils in der Figurenkonzeption, andernteils in der Darstellung begründet; sein Bariton ist solide geführt, die Höhe verfügt jedoch über wenig Strahlkraft. Der Countertenor Max Emanuel Cencic gibt den von dunklen Rittern begleiteten Gottesherold mit eisiger Brillanz. Michael Roider ist ein Kreon von Statur, wenngleich sein fülliger Tenor in der Höhe zur Verkrampfung neigt. Glaubhaft agiert auch Elisabeth Kulman als Medeas Vertraute Gora. Und textsicher sind sie alle. Die von Dagmar Niefind entworfenen Kostüme verdeutlichen die Gegensätze. Kreusa (souverän: Michaela Selinger) trägt feine Abendkleidung. Ganz anders Medea: Sie trägt ein rotes, in Fetzen hängendes Kleid, ihre Frisur ist störrisch zerfranst. Die aus dem fernen Kolchis stammende Medea ist die Fremde, die Außenseiterin, eine hier wie dort Aus- und Zurückgestoßene, aus Sicht der Griechen: eine Barbarin. Mit ihrem klangschönen Koloratursopran meistert Marlis Petersen den wild ausschlagenden Gesang, die gezackten Koloraturen. Ihr gelingt eine bewundernswerte Umsetzung der anspruchsvollen Partie, gesanglich wie darstellerisch.

Cavalli, Charpentier, Cherubini – und Reimann

Die erste Hälfte der ‚Oper in vier Teilen‘ ist die stärkere: Medeas Leid, ihre Verlassenheit sind packender und ergreifender als ihr Zorn, stimmiger auch. Aribert Reimann steht auf der Seite seiner Titelfigur – das ist in der Operngeschichte, in der Medea viele Spuren hinterlassen hat, keine Selbstverständlichkeit. Drei Namen sind zu nennen: Cavalli, Charpentier und Cherubini. Bei Cavalli, dem Großmeister der venezianischen Oper nach Monteverdi, ist sie in erster Linie bühnenwirksame Zauberin – in der am häufigsten aufgeführten Oper des 17. Jahrhunderts, 'Giasone'. Vielschichtiger gezeichnet ist der Charakter in Marc-Antoine Charpentiers Tragédie en musique 'Médée'. Dank Maria Callas, die in Pier Paolo Pasolinis Film ‚Medea‘ die Titelrolle spielte, hat Luigi Cherubinis 'Médée' einige Berühmtheit erlangt. In dieser 1797 uraufgeführten Oper mit ihrem starken Bezug auf Euripides wird der Stoff umgeschrieben: Medea stirbt den Flammentod.

Innere Schutthalden

Die Uraufführung von Reimanns 'Medea' fand in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Oper statt, auf deren Spielplan das Werk in dieser Spielzeit steht. Für die DVD aufgenommen wurde an drei Abenden (sehr dienlich, da dezent). Regisseur Marco Arturo Marelli, der den Akteuren eine stringente Personenführung angedeihen lässt, ist auch für Bühnenbild und Licht verantwortlich. Da ist eine Stahltreppe, die hinauf zu einem Kubus führt, der die Bühne kalt beherrscht und heruntergefahren werden kann: Der glatte Boden der Zivilisation steht dann auf zerklüftetem Felsengrund, Sinnbild für die inneren Schutthalden der Figuren, die ohne Mitleid für und Rücksicht auf Medea handeln. Fremdheit und Distanz sind räumlich überzeugend umgesetzt: Als der Boden einmal hinauffährt, entzieht sich Jason, der opportunistische Argonaut, Medea – und eilt nach oben, hinein in Kreons Reich.

Verbrannte Erde

Medea hat den Entschluss gefasst, den Palast in Brand zu setzen und ihre beiden Kinder umzubringen. Sie erinnert sich an den Fluch, der auf ihr lastet: ‚Aufsteigt's aus den Nebeln der Unterwelt.‘ Davon erzählt das bestens disponierte Orchester unter der Leitung von Michael Boder, der bereits die Uraufführung von 'Das Schloss' dirigierte. Die Geröllhalde steigt an, Steine geraten ins Rutschen und verschließen die quaderförmige Öffnung im Hintergrund der Bühne. Der Komponist überträgt die Schilderung der grausamen Tat – Medea ersticht die Kinder nicht auf der Bühne – dem Orchester. Das Blech schneidet brutal. Schließlich Rauch, der Kubus glüht. Doch ganz ruhig endet diese Oper, mit der Reimann den Mythos erfolgreich fortschreibt. Jason kauert wie ein Wurm auf der verbrannten Erde. Medea trägt das Goldene Vlies. Ein offener Horizont, es zieht sie nach Delphi: ‚Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.‘

Interpretation:
Klangqualität:
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Reimann, Aribert: Medea

Label:
Anzahl Medien:
Arthaus Musik
1
Medium:
EAN:

DVD
807280155198


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Interpret(en):Petersen, Marlis (Sopran)


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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