> > > Internationaler Schubert - Wettbewerb LiedDuo 2009: Werke von Schubert, Schönberg, Brahms u.a.
Freitag, 23. August 2019

Internationaler Schubert - Wettbewerb LiedDuo 2009 - Werke von Schubert, Schönberg, Brahms u.a.

Bemerkenswerte Spannungsbögen


Label/Verlag: Thorofon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Tomasz Wija und David Santos präsentieren ein ungewöhnliches, dramaturgisch sinnvolles Liedprogramm in sehr ansprechender Weise. Nur der Klang lässt ein wenig zu wünschen übrig.

Auf dem Tonträgermarkt gelten Porträtalben seit langem als probates Mittel, um junge Künstler an die Öffentlichkeit zu führen. Hierbei ist häufig eine oberflächliche und auf äußerlichen Effekt bedachte Repertoirewahl zu beobachten: Einzelwerke und aus dem Zusammenhang gerissene Miniaturen erhalten den Vorzug gegenüber Zyklen und dramaturgisch gestalteten Programmen; die optische Inszenierung siegt über den musikalischen Gehalt. Umso erfreulicher ist es, wenn ein Anlass geschaffen wird, aufstrebenden Interpreten unbeeinträchtigt von kommerziellen Erwägungen die Einspielung eines mit geschickter Überlegung zusammengestellten Programms zu ermöglichen. Tomasz Wija und David Santos, die ersten Preisträger von Schubert-Wettbewerben des Jahres 2009 in Dortmund und Graz, sind kürzlich mit einer CD-Einspielung gewürdigt worden. Seit dem Beginn ihrer internationalen Konzerttätigkeit suchen die beiden in Berlin ansässigen Musiker nach Seitenwegen von dem ausgetretenen Pfad des Standardrepertoires.

Hier geben sie ein bemerkenswertes Zeugnis ihrer Beschäftigung mit dem Liedschaffen von Arnold Schönberg und Ferruccio Busoni, welches mit Werken von Franz Schubert und Johannes Brahms interagiert. Dass diese Auswahl weniger als ein genuines Tonträgerrepertoire denn als Programm eines Liederabends charakterisiert werden kann, stellt nicht die Berechtigung der Einspielung infrage. Schubert und Brahms als Stammväter der akademisch geprägten Moderne der Wiener Schule, zugleich als Impulsgeber für die von musikalischen Konventionen weitgehend gelöste Kunst Busonis – diese Verzweigung als Ansatzpunkt für eine Gegenüberstellung des verkannten Italieners mit der Vokalmusik Schönbergs ist hochinteressant und weckt die Neugier bereits beim Betrachten der Titelliste.

Für den Schubert-Block haben der Bassbariton Wija und der Pianist Santos acht einzelne Lieder, im Konzertbetrieb weitgehend vernachlässigte Kleinodien, ausgewählt. Bietet die Lyrik der Komponistenfreunde Mayrhofer und Schlechta auch mancherlei Angriffsflächen, so sind Schuberts Vertonungen doch durchweg von erlesenem Reiz und entfalten in dieser Abfolge durchaus zyklische Qualitäten. Wija und Santos lassen sich bei ihrer Zusammenstellung weniger von der Textauswahl als von der musikalischen Dramaturgie leiten. Die schlichteren Charaktere werden unprätentiös und ohne Hintersinn, manchmal fast beiläufig gedeutet – so kommt die Goethe-Vertonung 'Geheimes' D 719 für mein Empfinden fast ein wenig zu arglos daher. An anderer Stelle wissen die beiden Musiker das dramatische Potential der Kompositionen voll zu nutzen, so etwa in 'Über Wildemann' D 884 und 'Der Schiffer' D 536. Die deutsche Lyrik liegt dem polnischstämmigen Tomasz Wija sichtlich am Herzen. Seine makellose Diktion, die warme Mittellage und die leuchtende, im Piano sogar schmelzende Höhe demonstrieren eine profunde Technik und enorme künstlerische Reife. Erwähnung verdient insbesondere, wie David Santos, der nebenbei als Autor des höchst instruktiven Begleittexts in Erscheinung tritt, das An- und Abschwellen der Singstimme in Schuberts Rückert-Evergreen 'Sei mir gegrüßt' D 741 mit vollendeter Eindringlichkeit nachzeichnet.

Die vollständige Einspielung des Brahms’schen op. 32, neun Gesänge nach Versen August von Platens und Georg Daumers, erweist sich als Höhepunkt des auf diesem Tonträger beschriebenen Spannungsbogens. In dieser von Liebesschmerz und Sehnsucht geprägten Serie werden übergeordnete Linien und Querverweise erkennbar, bei deren Verwirklichung sich die beiden Künstler als gewissenhaft agierende Zyklus-Interpreten zeigen. Nach etwas unstetem Beginn findet das einleitende 'Wie rafft‘ ich mich auf in der Nacht' zu anrührend gestalteten, zart fließenden Kantilenen. Die kluge, niemals zu dominante Klavierbegleitung gelingt dem Pianisten vor allem in den dramatischeren Piècen besonders gut; Einzeltönen wie zu Beginn von 'Ich schleich‘ umher' vermag Santos ein ebensolches Gewicht zu verleihen wie den wuchtigen Akkorden des zentralen 'Wehe, so willst du mich wieder'. Wijas Bariton zeigt sich allen Anforderungen der in Ambitus und emotionaler Vielfalt der Charaktere höchst anspruchsvollen Gesänge gewachsen.

Faszinierende Korrespondenzen des 19. Jahrhunderts mit der Moderne

Dass beide Musiker wie aus einem Guss phrasieren, stellt für die aus der Gesangslinie gezeugten Klavierparts des 19. Jahrhunderts eine interpretatorische Notwendigkeit dar – aber auch für die hochdifferenzierten, heikel zu balancierenden Texturen Arnold Schönbergs ist diese Homogenität von großem Vorteil. Vier frühe Lieder des Wiener Meisters und der fünfteilige Goethe-Zyklus von Ferruccio Busoni vertreten entgegengesetzte Positionen im Spektrum der Tonsprachen des 20. Jahrhunderts. Zwei Beispiele aus Schönbergs deutlich an Brahms anknüpfendem op. 3 werden mit leidenschaftlichem Pathos dargeboten. In 'Die Aufgeregten' erklimmen Sänger und Pianist beeindruckende dynamische Höhepunkte; mit kapriziöser Eleganz, später lapidar verebbend, präsentiert sich die frei atonale Rilke-Vertonung 'Am Strande'. Nietzsches balladesker 'Wanderer', von Schönberg als op. 6 Nr. 8 gesetzt, steigert sich aus dem elegisch wogenden Beginn zu aufwühlenden Gipfeln. Bemerkenswert der affektgeladene Tonfall Wijas in der als wörtliche Rede inszenierten Klage des Wanderers; die dynamischen Kontraste dürften für mich sogar noch drastischer ausfallen.

Gegenüber dem souveränen interpretatorischen Gesamtbild sind aufnahme- und instrumententechnische Mängel leider unbestreitbar. Der Flügel befindet sich nicht im besten Zustand: Schon die Einleitung des Schubert-Eingangsstücks 'Der Sängers Habe' trumpft groß und blechern auf, um dann vom einsetzenden Gesang förmlich in den Hintergrund gedrängt zu werden. Hier und andernorts leidet der Hörgenuss unter einer schwer nachvollziehbaren Unbalanciertheit der beiden Klangquellen. Während der Klavierklang niemals zu einer einheitlichen Farbe findet, wird die Singstimme sehr realistisch abgebildet, stimmt in ihrer recht direkten Mikrophonierung aber nicht mit dem sehr viel großräumiger präsentierten Klavier überein. Dass das Tasteninstrument fast permanent im Hintergrund bleibt, wäre zu verschmerzen; durch die an vielen Stellen zu erlebende Doppelräumlichkeit wird die akustische Perspektive aber doch ein wenig gestört.

Einen fulminanten Abschluss des Programms bilden die fünf kongenialen Vertonungen Busonis von Gedichten aus Goethes ‚Faust‘ und ‚West-östlichem Divan‘. Hier wagen sich die Künstler ein ums andere Mal auf opernhafte Seitenpfade, indem sie die expansionistischen Tendenzen der ausdrucksstarken, die Tradition des deutschen Klavierlieds bewusst konterkarierenden Partitur als Motor für theatralische Experimente zu nutzen wissen. Im lautmalerischen Zigeunerlied lässt der Sänger sein tiefes Register bewusst ins Raue und Unkontrollierte umschlagen; sein Timbre gewinnt einen imponierenden, dämonisch-urtümlichen Beiklang, während Santos den orchestralen Klavierpart, dessen nervöse Bewegtheit Hugo Wolfs 'Feuerreiter' noch übersteigert, eindrucksvoll meistert. Auch wenn die Sechzehnteltriolen im Lied des Mephistopheles nicht immer ganz rund laufen: Die beiden Musiker gelangen zu einer mitreißenden Darbietung dieser grotesken, das Genre der Kammermusik transzendierenden Szenen, welche unmittelbar die Atmosphäre von Auerbachs Keller imaginieren lässt. Ein bacchantisches, in seiner Intensität einem Konzertbesuch durchaus vergleichbares Erlebnis.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Wendelin  Bitzan Kritik von Wendelin Bitzan,


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    Internationaler Schubert - Wettbewerb LiedDuo 2009: Werke von Schubert, Schönberg, Brahms u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Thorofon
1
22.12.2010
Medium:
EAN:

CD
4003913125743


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Thorofon

In der nunmehr über 40jährigen Tradition von THOROFON wurde ein respektabler, vielfach preisgekrönter Katalog aufgebaut. Eine Schatztruhe für besondere musikalische Raritäten, die die Lücken in der Überlieferung der musikalischen Tradition ein bisschen verkleinern, und außerdem jungen, talentierten Interpreten eine Chance geben. Zu unseren Schätzen gehören ebenfalls Gesamteinspielungen von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten, sämtliche Werke für Klavier solo von Johannes Brahms, Gesamtausgabe der Kammermusik von Josef Rheinberger, das Gesamtwerk von Louis Ferdinand Prinz von Preussen, das komplette Klavierwerk von Robert Schumann, eine Gesamteinspielung der Max Reger Kompositionen auf 13 CD, die das abwechslungsreiche Repertoire von THOROFON abrunden.

Auszeichnungen wie der ECHO KLASSIK (17 mal!) oder der Preis der Deutschen Schallplattenkritik versinnbildlichen den Anspruch des Labels und unterstreichen die Qualität der Produkte.

THOROFON ist ein Label der BELLA M USICA EDITION JÜRGEN RINSCHLER.


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