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Mittwoch, 29. Januar 2020

Bach, Wilhelm Friedemann - Orgelwerke

Friedemann, der Organist


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Orgelwerke Wilhelm Friedemann Bachs in einer sehr überzeugenden Einspielung mit Friedhelm Flamme: eine weitere Facette des ältesten Bach-Sohns.

Johann Sebastian Bachs Söhne hatten es in der langfristigen Rezeption bislang verschieden schwer, neben ihrem leiblichen und musikalischen Übervater zu bestehen. Während Carl Philipp Immanuel und Johann Christian schon länger zu den bekannteren Größen gehören, kommt die sich derzeit auf breiterer Front vollziehende Renaissance neben Johann Christoph Friedrich vor allem dem ältesten der Söhne, dem vom Vater so sehr geschätzten Wilhelm Friedemann (1710-1784) zugute.

Dessen Werke sind aktuell Gegenstand einer kleinen Reihe beim Label Carus. Im Mittelpunkt stand dabei bisher neben instrumentalen Kompositionen auch geistliche Musik des für ein Jahrzehnt an der Spitze des Hallenser Musikdirektorats wirkenden Bach. Eine interessante Ergänzung zu dieser Reihe bietet die vorliegende Platte aus dem Hause cpo, die in einer sehr gelungenen Einspielung durch Friedhelm Flamme den Blick auf Bachs organistisches Schaffen richtet. Das ist insofern von besonderem Interesse, als der älteste Sohn des berühmten Thomas-Kantors seinen Zeitgenossen vor allem als glänzender Organist galt: ‚Er besitzt ein sehr feuriges Genie, eine schöpferische Einbildungskraft, Originalität und Neuheit der Gedanken, eine stürmische Geschwindigkeit und die magische Kraft, alle Herzen mit seinem Orgelspiel zu bezaubern‘, lobte Christian Friedrich Daniel Schubart den im letzten Lebensjahrzehnt in immer schwieriger werdenden ökonomischen Verhältnissen lebenden Meister.

Angesichts dieses Rangs der Orgel im künstlerischen Vermögen Bachs verwundert das schmale von ihm für dieses Instrument geschaffene Werk. Doch erklärt sich der überwältigende Eindruck der Zeitgenossen wohl daraus, dass Bach sich im öffentlichen Vortrag vor allem als begnadeter Improvisator erwies, der seine eminente Kunst des Augenblicks allzu selten für die Nachwelt fixierte. So sind nur sieben Choralvorspiele, acht Fugen in einem kleinen Zyklus, wenige einzelne Fugen und zwei Fantasien erhalten. Gerade diese Fantasien scheinen den vielleicht deutlichsten Eindruck vom Potenzial Bachs zu hinterlassen: Die Werke sind frei gebaut, von klanggewaltigen Ballungen geprägt, von enormen Spannungen durchzogen. Abschnitte formaler Klarheit kontrastieren diesen kraftvollen Ansatz gelungen. Vor allem die über eine Viertelstunde Spielzeit ausgedehnte c-Moll-Fantasie scheint in ihrer ambitionierten, zerklüfteten, zugleich von zerbrechlich-klangsinnlichen Kontrasten geprägten Setzweise deutlicher als jedes andere überlieferte Werk Bachs auf nachbarocke Ausdrucksformen zu verweisen.

Ebenfalls eine erhebliche Qualität weisen die für 1779 zum Druck vorgesehenen Acht Fugen auf: Sie sind klar gebaut, mit linearer Ambition bereichert und unterschwellig angesiedelten strukturellen Qualitäten versehen – hinter manch galanter Wendung schnurrt das satztechnische Werk mit höchster Präzision und erheblicher Komplexität. Bach versöhnt das vom Vater Ererbte mit stilistisch neuen Impulsen und zeigt sich als in der Tat bemerkenswerter Tonsetzer.

Sehr stark

Friedhelm Flamme hat bei cpo schon eine ganze Reihe interessanter Einspielungen kompletter Orgelwerke eher vom Rand des Repertoires vorgelegt, etwa in einer Reihe mit wichtigen Meistern des norddeutschen Barock. Auch im Programm der vorliegenden Platte zeigt er sich manuell makellos, differenziert er mit seinen farbigen Registrierungen erfreulich klar. Das sichert dem Programm eine Folge expressiv interessanter Facetten, auch die schlichter gebauten Choralvorspiele gewinnen charmante Konturen. Flamme artikuliert sehr dezidiert, setzt klare Akzente, bindet aber auch wunderbar stabile Bögen. Die Tempi fließen und dienen erkennbar als Mittel der plastischen Strukturierung.

Die 2008 von Martin Hillebrand für die Münsterkirche St. Alexandri zu Einbeck gebaute Orgel vereint für Hauptwerk, Hinterwerk und Pedal 37 Register, die gleichermaßen der Tradition klarer Zeichnung nach barockem Vorbild verpflichtet und doch schon stärker auf ihre Mischfähigkeit hin ausgebaut sind. Flamme setzt bei seinen Registrierungen auf ein plastisches Bild, ohne zu simplifizieren – mit diesem Zugriff gewinnen Musik und Instrument gleichermaßen Konturen, wozu auch das natürlich groß dimensionierte, zugleich sehr detailliert gearbeitete Klangbild beiträgt, das einen klaren Zugriff auf die verschiedenen Ausdruckssphären erkennbar werden lässt.

Von der Renaissance der Bach-Söhne profitiert Wilhelm Friedemann mit seiner in Teilen außerordentlich bemerkenswerten Musik mit am deutlichsten. Die vorliegende Orgelplatte rundet das Bild sehr erfreulich, auch wenn das riesige kompositorisch-interpretatorische Potenzial Bachs in diesem Teil des Repertoires wohl für immer im Dunkeln bleibt. Friedhelm Flamme zeigt sich einmal mehr als profilierter Organist mit bemerkenswerten diskographischen Schwerpunkten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Wilhelm Friedemann: Orgelwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.12.2010
Medium:
EAN:

SACD
761203752720


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Bach, Wilhelm Friedemann
 - Fantasie - d-Moll
 - Acht Fugen - Fuge C-Dur
 - Acht Fugen - Fuge c-Moll
 - Acht Fugen - Fuge D-Dur
 - Acht Fugen - Fuge d-Moll
 - Acht Fugen - Fuge Es-Dur
 - Acht Fugen - Fuge e-Moll
 - Acht Fugen - Fuge B-Dur
 - Acht Fugen - Fuge f-Moll
 - Sieben Choralvorspiele - Nun komm der Heiden Heiland
 - Sieben Choralvorspiele - Christe, der du bist Tag und Licht
 - Sieben Choralvorspiele - Jesu, meine Freude
 - Sieben Choralvorspiele - Durch Adams Fall ist ganz verderbt
 - Fuge - g-Moll
 - Fuge - F-Dur
 - Fuge - c-Moll
 - Sieben Choralvorspiele - Wir danken dir, Herr Jesu Christ
 - Sieben Choralvorspiele - Wir Christenleut han jetzund Freud
 - Sieben Choralvorspiele - Was mein Gott will, das g'scheh allzeit
 - Fantasie - c-Moll


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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