> > > Händel, Georg Friedrich: Oreste
Montag, 3. August 2020

Händel, Georg Friedrich - Oreste

Kleines Label präsentiert junge Stimmen


Label/Verlag: Animato
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Für die Besucher und Mitwirkenden der zwei Jahre zurückliegenden szenischen Produktion ist dieser 'Oreste' ein tontechnisch sauberes Erinnerungsstück, für Entdeckungsfreudige ist sie eine Chance, junge Stimmen zu erleben.

Das Händel-Jahr liegt zwar schon weit hinter uns, dennoch werden mit ungebrochener Entdeckerfreude die unbekannten und vergessenen Opern des Komponisten aus den Archiven hervorgeholt und aufgeführt. Nun hat es also seine Pasticcio-Oper 'Oreste' erwischt, die zu Händels Ehren bereits 2009 im Baden-Württembergischen Besigheim zur Aufführung kam und ein Jahr später in derselben Besetzung im Tonstudio auf CD gebannt wurde. Beim kleinen Label Animato ist dieser 'Oreste' nun auf einer Doppel-CD erschienen mit einem ausschließlich jungen Sängerensemble unter der musikalischen Leitung von Tobias Horn.

Händels Vertonung des bekannten Iphigenie-Stoffs hält für den Hörer einige Überraschungen bereit, vor allem am Ende, wenn das Lieto fine eben nicht durch göttliches Eingreifen, sondern durch den Mord am brutalen König Toante erreicht wird. Desweiteren erkennt der geübte Hörer einige der Arien und Duette aus anderen Händel-Opern wieder – das ist ja auch der Reiz eines Pasticcios. Warum man allerdings dieses Werk in dieser Interpretation zwingend auf Tonträger bannen musste, bleibt ein Geheimnis, denn als solche Veröffentlichung geht sie weit über den Charakter eines Erinnerungsstückes für die Beteiligten hinaus.

Die fehlende Szene deckt Schwächen auf

Die große Schwäche der ansonsten ordentlichen Aufnahme liegt leider in der Besetzung der Titelpartie. Die junge Mezzosopranistin Cornelia Lanz ist laut Booklet bereits eine international gefragte Solistin, die aber vor allem im Stuttgarter Raum zu hören ist, unter anderem an der Staatsoper Stuttgart als Orlofsky in der 'Fledermaus'. Ihre recht helle und feine Stimme bewältigt die geforderten Koloratureskapaden beachtlich, aber ohne Raffinesse oder die so notwendige Leichtigkeit. Oftmals klingt ihr Ton gequält und unsauber, in vielen Fällen sogar nachlässig, als würde sie unachtsam oder mit der letzten technischen Reserve über Händels Notentext wischen. Von einer eindrücklichen Charakterstudie oder zumindest technisch versiertem Wohlklang ist die Sängerin weit entfernt. Mag sein, dass diese massive Eintrübung des puren Hörerlebnisses dem fehlenden Bild geschuldet ist, vielleicht muss man das Gesamtpaket Cornelia Lanz auf der Bühne erleben, um ihre Kunst umfassend würdigen zu können – auf CD genügt es aber nicht.

Vielversprechendes Ensemble

Da ist es wohltuend, dass durchweg alle anderen aufstrebenden Solisten der Aufnahme einen positiven, wenn nicht sogar großen Eindruck hinterlassen. In der Partie des Filotete ist der Countertenor Armin Stein zu erleben, der in dieser Produktion sein Operndebüt gibt. Die sicher geführte Stimme besitzt einen charakteristischen Klang und meistert mühelos die vertrackten Anforderungen der Partie. Dieser junge Countertenor kann es durchaus mit berühmteren Kollegen aufnehmen. Auch der herrlich kraftvolle Bariton von Kai Preußker als König Toante nimmt den Hörer für sich ein, und der junge Tenor Christian Wilms gibt einen schlank geführten Pilade, der neugierig macht, wie sich diese schöne Stimme in ein paar Jahren entwickelt haben wird.

Die Rollen der Ermione und der Ifigenia sind äußerst sinnfällig mit zwei stark kontrastierenden Sopranstimmen besetzt. Während Nastasja Docalu mit leicht herbem Klang, einem zarten Tremolo und kraftvoller Emphase der Ermione ihren Charme verleiht, besticht Sabine Winter als Ifigenia mit betörendem Ebenmaß und instrumentaler Qualität der Stimmführung. Mit untrüglichem Gespür für die passenden Farben und stilistischen Wendungen stellt sie ihre makellose Technik und großes Einfühlungsvermögen unter Beweis. Davon würde man gerne mehr hören.

Von regionaler Bedeutung

Das namenlose Instrumentalensemble unter der Leitung von Tobias Horn spielt sauber und differenziert, was angesichts des starken Halls und der Unausgewogenheit der Aufnahme manchmal unterzugehen droht. Am akkuraten und historisch informierten Musizieren dieses Klangapparats gibt es nichts auszusetzen, besonders innovativ oder aufregend gerät die Interpretation allerdings nicht.

Für die Besucher und Mitwirkenden der zwei Jahre zurückliegenden szenischen Produktion ist diese Aufnahme ein tontechnisch sauberes Erinnerungsstück, für Entdeckungsfreudige ist sie eine Chance, junge Stimmen zu erleben; dieser 'Oreste' schließt allemal eine diskographische Lücke, die zumindest von regionaler Bedeutung ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Händel, Georg Friedrich: Oreste

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Animato
2
11.10.2013
Medium:
EAN:

CD
4012116612332


Cover vergössern

Animato

Es geht nicht nur um den Ton, sondern auch die Visionen.
Mit unserem Klassiklabel Animato haben wir uns auf außergewöhnliche Debuts junger Künstler und Ersteinspielungen spezialisiert sowie auf sinfonische Bläsermusik.
Animato verspricht einzigartigen Hörgenuss für Klassikfans mit dem besonderen Geschmack!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Animato:

  • Zur Kritik... Nur wer die Sehnsucht kennt: Lieder für Viola, Klavier und Gesang von Bridge, Strauss u.a. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Komponierte Inspiration: Fünf Jahre hat Morten Kargaard experimentiert. Ihm schwebte vor, Brücken zwischen Jazz und Klassik zu schlagen. Herausgekommen sind süffige Klanggemälde, rhythmisch pointiert und hochmelodisch. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Dvorak und Prokofjew werden zum Ohrenschmaus: In der mitreißend intensiven Einspielung das Landesjugendorchesters Baden-Württemberg unter Christoph Wynekens werden die beiden Sinofnien ausdrucksstark musiziert. Weiter...
    (Dirk Weber, )
blättern

Alle Kritiken von Animato...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Die andere Cleopatra: 'The Other Cleopatra' ist im Hinblick auf das Repertoire reizvoll und die musikalische Umsetzung tut im Großen und Ganzen auch niemandem weh. Für Isabel Bayrakdarian kommt das Album allerdings ein wenig zu spät. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Seelenmusik: Pavol Breslik gelingt mit Janáceks 'Tagebuch eines Verschollenen' ein rundum authentisches und eigenwilliges Album. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Loreleys Klangzauber: Schöner und inniger als Julia Kleiter kann man diese Lieder kaum singen – inhaltlich ist aber noch deutlich Luft nach oben. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Einfachheit als Prinzip: Der Geist des Singens bewahrt den Menschen davor, zur Maschine zu werden - dieses Postulat bestimmt den Duktus der Werke von Zoltán Kodály für sein Lieblingsinstrument, das Cello. Julian Steckel geht diesem Phänomen auf den Grund. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Charakterzeichner: Makellos im Ansatz und Spiel, versteht sich das Saxophon-Quartett sonic.art auf zeitgenössische Musik voller Situationskomik. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Hammerklavier mal anders: Das Leipziger Streichquartett lässt mit transkribierten Raritäten aufhorchen. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Carl Reinecke: Symphony No.3 op. 227 in G minor - Scherzo. Allegro vivace - Trio I & II

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich