> > > Andreae, Volkmar: Streichquartett in Es-Dur
Mittwoch, 20. Oktober 2021

Andreae, Volkmar - Streichquartett in Es-Dur

Souveräner Stilmix


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit dieser CD schließt The Locrian Ensemble of London seine Aufnahmen des Kammermusikwerkes des schweizerischen Komponisten Volkmar Andreae (1879-1962) ab. Sowohl die Werke wie auch die Musiker überzeugen aber nur teilweise.

Erneut grüßt ein Bild aus den Schweizer Bergen vom Cover dieser dritten und letzten CD mit Kammermusik des überwiegend als Dirigent und langjähriger Leiter des Tonhalle Orchester Zürich bekannten Schweizers Volkmar Andreae (1879-1962) (mehr Informationen zu V. Andreae sind in unten verlinkter Kritik zu Vol.2 zu finden). Während sich Teil 1 dieser bei Guild erscheinenden Gesamteinspielung den beiden großen Klaviertrios und der zweite Teil den beiden Streichquartetten mit Opuszahl und dem Divertimento für Flöte und Streichtrio widmete, enthält die dritte CD gewissermaßen die Reste. Und wie das wahrscheinlich bei Gesamteinspielungen nicht nur bei unbekannten Komponisten immer der Fall ist, sind daher auch schwächere Werke mit dabei.

Formelhaftes Studienwerk

Dies betrifft vor allem das frühe Streichquartett Es-Dur, das Andreae 1898 während seines Studiums bei Franz Wüllner am Kölner Konservatorium komponierte. Formal mustergültig gebaut, sind viele Wendungen zu formelhaft und viele Begleitmuster zu einfallslos (Achtelketten). Auch geht Andreae kaum über die konservativen Lehrmuster Mendelssohn und Brahms hinaus und bringt wenig eigenes in die Komposition ein, wohl einer der Gründe, warum er selbst das Stück aus seinem Werkkatalog strich und dem ganz beachtlichen Quartett op.9 die ‚Nr.1‘ verlieh. Auch das bei den großen Quartetten auf Vol.2 so hoch gelobte The Locrian Ensemble of London wirkt bei diesem frühen Werk erstaunlich uninspiriert. Intonation und Zusammenspiel sind immer wieder grenzwertig, z.B. bei den zahlreichen Unisono-Passagen, die Interpretation nicht besonders sorgfältig ausgearbeitet.

Ein weiteres Frühwerk ist die Violinsonate op.4, die um die Jahrhundertwende entstand. Trotz teilweise dramatischer Gesten ist sie ein eher leichtgewichtiges und eingängiges Werk, dessen Hauptmotiv bis zur Erschöpfung der Musiker und Zuhörer in immer neuem harmonischem oder dramatischem Kontext wiederholt wird. Stilistisch erinnert das Werk wieder an romantische Vorbilder wie Mendelssohn und Grieg, bleibt aber wie das Streichquartett oft zu formelhaft, obwohl Rita Manning und Fali Pavri ihr Bestes geben (eine Alternativaufnahme gibt es mit I. Then-Bergh und M. Schäfer bei Genuin GEN10167).

Romantische Wurzeln

Die sechs Klavierstücke op.20 scheinen Andreaes einzige veröffentlichte Werke für Soloklavier zu sein. Bei ihnen wird erneut deutlich, wie tief verwurzelt in der Romantik der für seine Bruckner-Interpretationen berühmte Dirigent als Komponist war. 1911 komponiert erinnern die sechs Charakterstücke in Tonsprache und Gestus an R. Schumann, gehen aber erstaunlich souverän mit den Möglichkeiten des Klaviers um, z.B. das letzte 'Unruhige Nacht', ein virtuoser Hexentanz oder grollendes Unwetter.

Das einzige wirklich bedeutende Werk dieser CD in einer häufig vernachlässigten Gattung ist Andreaes 1917 komponiertes Streichtrio op.29. Die ersten beiden Sätze sind in ihrem tänzerischen Tonfall eher serenadenhaft und erinnern mit ihren Verfremdungen immer wieder an vergleichbare Symphonie-Sätze G. Mahlers. The Locrian Ensemble of London wirkt bei diesem Werk wieder viel engagierter und spielt mit einer klanglichen Fülle, die nach einem größeren Ensemble als einem Trio klingt. Besonders schön ist das große Cellosolo im Mittelteil des zweiten Satzes. Stilistisch etwas persönlicher mit seinem tonalen Schwanken ist der zweigeteilte letzte Satz, der einem langen langsamen Teil ein schnelles Finale entgegensetzt.

War der Klang der beiden Streichquartette auf Vol.2 noch sehr hallig, so sind die reinen Streicherstücke bei dieser an einem anderen Ort aufgenommenen CD sehr direkt, so dass die Ungenauigkeiten in der Ausführung (v.a. im Quartett) noch deutlicher zum Tragen kommen. Dagegen befindet sich das Klavier scheinbar in einer anderen Akustik und bleibt auch bei der Violinsonate etwas zu sehr im Hintergrund. Zusammengefasst ist dies eine CD, die deutlich gemischtere Eindrücke zurückläßt als ihre Vorgänger. Für Hörer, die die Musik Andreaes kennenlernen möchten empfiehlt sich eher eine der beiden anderen CDs. Für Komplett-Sammler und Streichtriofans ist diese CD aber ohne Alternative.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Andreae, Volkmar: Streichquartett in Es-Dur

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Guild
1
31.01.2011
Medium:
EAN:

CD
795754735529


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Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


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Von Christian Starke zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Souveräner Stilmix: Volkmar Andreae war als langjähriger Leiter des Tonhalle Orchester Zürich einer der wichtigsten Schweizer Dirigenten seiner Zeit. Auch als Komponist erweist er sich in den Streichquartetten und dem Divertimento für Flöte und Streichtrio als Meister. Weiter...
    (Christian Starke, 15.11.2009)
  • Zur Kritik... Momente geglückten Musizierens: Das Duo Ilona Then-Bergh (Violine) und Michael Schäfer (Klavier) überzeugt mit einer fesselnden Wiedergabe der Violin-Klavier-Kompositionen von Sylvio Lazzari und Volkmar Andreae. Weiter...
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