> > > Claudio Abbado dirigiert: Werke von Prokofjew, Berg, Tschaikoswky
Dienstag, 20. Oktober 2020

Claudio Abbado dirigiert - Werke von Prokofjew, Berg, Tschaikoswky

Wunderbare Verjüngung


Label/Verlag: ACCENTUS Music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Claudio Abbados Konzert mit dem Símon Bolívar Jugendsinfonieorchester vom März 2010, eben bei Accentus erschienen, zeigt Dirigent wie Orchester in Bestform.

Kaum zu glauben, was in diesem Orchester steckt – wenn man die in ihm schlummernden Qualitäten nur freizulegen weiß. Die Rede ist vom venezolanischen Simón Bolívar Jugendsinfonieorchester. Erst jüngst trat es, in diesem Zusammenhang aber ohne den ‚Jugend‘-Teil in seinem Namen, unter Gustavo Dudamel mit einer Tschaikowsky-Aufnahme (‚Tchaikovsky & Shakespeare‘, veröffentlicht bei der Deutschen Grammophon) hervor, die so gar nicht überzeugen wollte: viel zu verwaschen die Artikulation, zu wenig Prägnanz im Ton; alles wirkte aufgedunsen und eigenartig unausgeglichen.

Welch einen Unterschied dazu zeigt das Simón Bolívar Jugendsinfonieorchester in einem nun bei Accentus als DVD erschienenen Mitschnitt vom März 2010, als es beim Luzerner Osterfestival Peter Iljitsch Tschaikowskys Sechste Sinfonie h-Moll op. 74 (‚Pathétique‘) aufführte – am Pult allerdings stand Claudio Abbado. Man meint, beide Seiten befeuerten sich gegenseitig: Die Musikerinnen und Musiker wuchsen über sich selbst hinaus, und Abbado ließ sich von der Energie und Musizierlust des Orchester anstecken und wühlte sich körperlich-gestisch in die Durchführung des Kopfsatzes hinein. Alles Beben und Wüten, das sich in der Musik ausdrückt, fasste sich im (Gesichts-)Ausdruck des Dirigenten zusammen; der Dirigent war hier nicht nur ‚Statthalter des Komponisten‘ (Carl Dahlhaus), sondern im Spiegeln der emotionalen Tiefe auch Verkörperung des ästhetischen Subjekts. Das brillant agierende Símon Bolívar Jugendsinfonieorchester folgte Abbados eindringlichen, vor allem zu großen Spannungsbögen und kantabel ausgeformtem Rubato einladenden Gesten mit hoher Flexibilität und Wachheit. Vor allem auch die beiden abschließenden Sätze zündeten, der dritte mit großem Aplomb und Massierung der Klangstärke, der Schlusssatz mit einfühlsam und spannungsreich gestalteten Streicherlinien, die mit fiebriger Intensität nachgezeichnet wurden – eine schlichtweg mitreißende Aufführung.

Schon der Anfang des Konzerts geriet famos. Von Profjews 'Skythischer Suite' op. 20 legte Abbado vor Jahrzehnten mit dem London Symphony Orchestra eine bis heute ‚klassische‘ Einspielung vor. Und auch mit dem Símon Bolívar Jugendsinfonieorchester findet Abbado – bei fast durchweg deutlich schnelleren Tempi als in der legendären Einspielung aus den 1960er Jahren – die nötige Schärfe im Klang, scharfe rhythmische Konturen und dynamische Ballungen von archaischer Robustheit. Freilich liegt dem jugendlichen Elan des Orchesters der zweite Satz ('Der feindliche Gott und der Tanz der Geister der Dunkelheit'), hier wahrlich schneidend gespielt – und auch das ‚sostenuto‘ aus der Tempobezeichnung 'Allegro sostenuto' einigermaßen übergehend – mit messerscharfer Artikulation.

Für den 'Nacht'-Satz fehlt dem Orchester noch ein wenig die Ruhe, in die Klänge hineinzulauschen, was auch in Alban Bergs 'Lulu-Suite', so blitzend und im richtigen Maße scharf sie auch gespielt wird, offenbar wird. Das Wienerische, das Bergs Musik auch in den 'Symphonischen Stücken aus der Oper ‚Lulu‘' durchzieht, findet in der klanglichen Darstellung des Símon Bolívar Jugendsinfonieorchesters noch nicht die charakteristische klangsinnliche Morbidität. Doch Abbado ordnet den üppigen Orchestersatz mit großem Überblick und regt die Musikerinnen und Musiker zu einer expressiven Ausgestaltung des fünfsätzigen (allerdings lediglich als Einzeltrack auf der DVD repräsentierten und beim Rezensionsexemplar mit einigen Bildstörungen versehenen) symphonischen Extrakts an. Die Sopranistin Anna Prohaska liefert eine eindringliche vokale Performance, die nicht schon mit dem durch Mark und Bein gehenden Todesschrei endet, sondern in einer mit heller Tönung gesungenen Mozart-Zugabe ('Ach, ich fühl’s' aus der 'Zauberflöte') ihren eindringlichen Abschluss findet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Regie:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Claudio Abbado dirigiert: Werke von Prokofjew, Berg, Tschaikoswky

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ACCENTUS Music
1
25.10.2010
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
4260234830002
ACC 20101 (DVD)


Cover vergössern

"Obwohl Claudio Abbado bereits seit zehn Jahren mit dem Simón Bolívar Youth Orchestra konzertiert, ist die Konzertaufzeichnung vom diesjährigen LUCERNE FESTIVAL zu Ostern das erste audiovisuelle Zeugnis dieser besonderen Zusammenarbeit.
Diese DVD dokumentiert neben der außerordentlichen Brillanz des venezolanischen Jugendorchesters und Claudio Abbados leidenschaftlichem Dirigat auch eine großartige Neuentdeckung: die Sopranistin Anna Prohaska."


Cover vergössern

ACCENTUS Music

ACCENTUS Music wurde 2010 als Produktionsfirma mit einem sehr erfahrenen Team aus Produzenten, Regisseuren, Kameraleuten, Tonmeistern und Cuttern und als gleichnamiges DVD Label auf dem Klassikmarkt gegründet. Die Firma mit Sitz in der Musikstadt Leipzig, unweit der Thomaskirche, produziert weltweit erstklassige Konzertereignisse, Opern sowie Künstlerportraits und Dokumentarfilme. Auf den DVD- und Blu-ray Veröffentlichungen finden sich herausragende Künstler wie Claudio Abbado, Daniel Barenboim, Evgeny Kissin, Martha Argerich, Riccardo Chailly, Pierre Boulez, Joshua Bell, Lucerne Festival Orchestra, New York Philharmonic und das Simón Bolívar Jugendorchester. ACCENTUS Music erfüllt sowohl künstlerisch wie auch technisch höchste Ansprüche von Klassik-Liebhabern rund um den Globus.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag ACCENTUS Music:

  • Zur Kritik... Musikalisches Welttheater: Gustav Mahlers Achte Sinfonie liebt man oder hasst man mit Berechtigung. Riccardo Chailly zeigte beim Lucerne Festival 2016, wofür Ersteres spricht. Weiter...
    (Simon Haasis, )
  • Zur Kritik... Heilige Nüchternheit: Halb leer ist halb voll. Weiter...
    (Daniel Krause, )
  • Zur Kritik... Polnische Meisterwerke: Alexander Liebreich setzt die famose Reihe des Polnischen Nationalen Radio Symphonieorchesters bei Accentus mit einer grandiosen Aufnahme zweier Werke von Szymanowski und Lutoslawski fort. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
blättern

Alle Kritiken von ACCENTUS Music...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Tobias Pfleger:

  • Zur Kritik... Tiefe persönliche Betroffenheit: Das Atos Trio nimmt mit einer glühend intensiven Aufnahme zweier tschechischer Klaviertrio-Meisterwerke für sich ein. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Durchdringung: Das Wiener Klaviertrio eröffnete mit gewohnter Klasse eine neue Reihe der Brahms-Klaviertrios. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Geist der Vergangenheit: Masaaki Suzuki nähert sich Strawinskys Neoklassizismus im Geist der Alten Musik. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Tobias Pfleger...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Liebesidylle auf der Alm : Dario Salvi hält mit der CD-Premiere der Oper 'Jery und Bätely' ein überzeugendes Plädoyer für die vergessene Komponistin Ingeborg von Bronsart. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Nicht immer gefunden: Die Profil-Edition zu Rudolf Firkušný hätte mit noch etwas mehr Mühe zu einer echten Schatztruhe werden können. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Auf der Suche nach Tiefe: Die Emanzipation der Harfe ist der Finnin Kaija Saariaho in einem Solokonzert eindrucksvoll gelungen. Schwer widerstehen kann man auch ihrem Liederzyklus 'True Fire', in dem der Bariton Gerald Finley über das Ende der Zeit eindrücklich brilliert. Weiter...
    (Dr. Eckehard Pistrick, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2020) herunterladen (3612 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Michel-Richard Delalande: Les fontaines de Versailles - Ouverture

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich