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Mittwoch, 17. Juli 2019

W. F. Bach - Bachchor Mainz - die wiederentdeckten Kantaten

Zwischen den Fronten


Label/Verlag: ACCENTUS Music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Feierlichkeiten zu Wilhelm Friedemann Bachs 300. Geburtstag vor vier Jahren erreichten mit jenem Konzert, das auf dieser DVD dokumentiert ist, einen Höhepunkt.

Manchmal sind die Wege der Musikgeschichte in hohem Maße überraschend. Was machen die Notenhandschriften Wilhelm Friedemann Bachs in Kiew, wenn sie sich laut The New Grove Dictionary of Music and Musicians in der Staatsbibliothek Berlin befinden? Es handelt sich (dies erläutert das DVD-Booklet nicht) um Bestände der früheren Berliner Singakademie, die bereits 2010 zum 300. Geburtstag digital voll erschlossen und zugänglich gemacht wurden. Vier seiner insgesamt gut zwanzig Kantaten wurden am 1. Juni 2010 in der barocken Mainzer Augustinerkirche wiederaufgeführt, ergänzt um die Sinfonia d-Moll, die bereits 1971 ebendort veröffentlicht worden war.

Ralf Otto, langjähriger Leiter des traditionsreichen Mainzer Bachchores, hat den wohl wichtigsten diskografischen Beitrag zum Jubiläumsjahr 2010 beigesteuert. Der intensiv mit der historisch informierten Aufführungspraxis vertraute Dirigent bringt im festlichen Rahmen das musikalische Erbe des fast nur mehr durch den berühmten Kolportageroman von 1858 bekannten ältesten Bachsohnes in kongenialer Weise zum Klingen. Obschon in Momenten durchaus noch dem Barockstil Bachs und Händels verwandt, enthält der musikalische Stil Wilhelm Friedemanns neben Aspekten des sogenannten Sturm und Drang durchaus auch Aspekte, die schon weit ins spätere 18. Jahrhundert weisen und teilweise gar als Vorbild für Mozart gelten könnten.

Die 1752 entstandene Kantate 'Wohl dem, der den Herren fürchtet' zeichnet sich durch ihre Kürze aus. Zwei prunkvolle Chorsätze umrahmen ein zentrales Duett. Die Weihnachtskantate 'O Wunder, wer kann dieses fassen' fordert größere Kräfte und ist schon ganz im Stile der frühen Wiener Klassik gehalten. Mit einer beeindruckenden Orchestereinleitung und einer kraftvollen Unisono-Choreröffnung eröffnet die Weihnachtskantate 'Auf dass du den Himmel zerrissest'. Von der Form her am traditionellsten ist die Himmelfahrtskantate 'Gott fähret auf mit Jauchzen', doch auch hier werden Rezitative und Arien im Innern der Kantate durch einen Jubelchor unterbrochen; beeindruckend der im Piano endende, berückend schön gesungene Schlusschoral.

Der Bachchor Mainz, ein Kammerchor erster Güte, und das bekannte historisch informiert musizierende Münchner Ensemble L‘arpa festante treffen exakt den sozusagen zwischen den Epochen angesiedelten Stil Wilhelm Friedemann Bachs. In der zweisätzigen Sinfonia d-Moll (für die Stelle des Graduale im katholischen Gottesdienst komponiert) erreicht das Orchester eine Innerlichkeit, zu der entscheidend auch die Klangfarben der historischen Instrumente bzw. ihrer Nachbauten beiträgt; auch hier scheint der 1784 verstorbene Bachsohn in Momenten wichtiges Vorbild für Mozart gewesen zu sein.

Dorothea Mields hat vollkommen zu Recht einen ausgezeichneten Ruf im Bereich der historisch informierten Aufführungspraxis – auch hier präsentiert sie sich mit feinem, auch in den Koloraturen bestens ansprechenden Silbersopran von beeindruckenden Atemressourcen. Gerhild Romberger bietet warmen, blühenden Alt mit schöner Beweglichkeit, Georg Poplutz herrliche lyrische Koloraturfähigkeiten, ein ideales Pendant gerade zu Mields‘ Sopran. Klaus Mertens‘ Bariton klingt immer noch beeindruckend frisch und jugendlich, mit solidem, aber nicht zu starkem Bassbaritonfundament und tenoraler Mittellage; nur in exponierten Höhen und Tiefen singt er mittlerweile bewusst etwas vorsichtiger als früher – aber selbst hierin ist er vorbildlich und kompromittiert seine Stimme nicht. Einzig seine Tendenz, Koloraturen zu aspirieren um sie sauber gestalten zu können, könnte vielleicht als Kritik angebracht werden.

Musikalisch also eine ausgesprochen erfreuliche Produktion, zumeist auch optisch (Bildregie Henning Kasten) äußerst ansprechend in Szene gesetzt. Leider bietet die DVD neben dem insgesamt 85 Minuten dauernden Konzert keine Extras, und im Booklet fehlt mindestens ein Musiker (der Lautenist).

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    W. F. Bach - Bachchor Mainz: die wiederentdeckten Kantaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ACCENTUS Music
1
25.10.2010
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
4260234830026
ACC 20103 (DVD)


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"2010 feiert die Welt den 300. Geburtstag von Wilhelm Friedemann Bach, dessen Musik aus verschiedensten Gründen lange Zeit in Vergessenheit geraten war. Zahlreiche seiner Werke waren seit dem Zweiten Weltkrieg gänzlich verschollen und wurden erst 1999 in Kiew wiedergefunden.
Vier Kantaten des Komponisten sind nun erstmals auf DVD erhältlich, dargeboten von Dorothee Mields, Gerhild Romberger, Georg Poplutz, Klaus Mertens, dem Bachchor Mainz und L‘arpa festante unter der Leitung von Ralf Otto. Eine Entdeckungsreise in das faszinierende Werk des ältesten Sohnes Johann Sebastian Bachs."


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ACCENTUS Music

ACCENTUS Music wurde 2010 als Produktionsfirma mit einem sehr erfahrenen Team aus Produzenten, Regisseuren, Kameraleuten, Tonmeistern und Cuttern und als gleichnamiges DVD Label auf dem Klassikmarkt gegründet. Die Firma mit Sitz in der Musikstadt Leipzig, unweit der Thomaskirche, produziert weltweit erstklassige Konzertereignisse, Opern sowie Künstlerportraits und Dokumentarfilme. Auf den DVD- und Blu-ray Veröffentlichungen finden sich herausragende Künstler wie Claudio Abbado, Daniel Barenboim, Evgeny Kissin, Martha Argerich, Riccardo Chailly, Pierre Boulez, Joshua Bell, Lucerne Festival Orchestra, New York Philharmonic und das Simón Bolívar Jugendorchester. ACCENTUS Music erfüllt sowohl künstlerisch wie auch technisch höchste Ansprüche von Klassik-Liebhabern rund um den Globus.


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