> > > Telemann, Georg Philipp: Bläserkonzerte Vol. 5
Montag, 26. Juli 2021

Telemann, Georg Philipp - Bläserkonzerte Vol. 5

Plädoyer für Telemann


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Michael Schneider und La Stagione Frankfurt mit dem fünften Teil der Bläser-Konzerte Georg Philipp Telemanns: eine geschlossene Interpretation auf höchstem Niveau.

Die vielgestaltige Vokal- und Instrumentalmusik Georg Philipp Telemanns ist in den vergangenen Jahren dank zahlreicher exemplarischer Deutungen wieder in die ihr zustehenden Rechte eingesetzt worden. Für die Konzerte mit solistischen Blasinstrumenten ist dafür auch eine Reihe verantwortlich, die der Flötist und Ensembleleiter Michael Schneider mit seinen Formationen La Stagione Frankfurt und Camerata Köln beim in Label cpo realisiert. Die nunmehr fünfte Folge widmet sich verschiedenen Konstellationen: Solistisch erklingen in den sechs eingespielten Werken Traversflöten, Oboen, Hörner und eine Altblockflöte. Mit dieser Zusammenstellung werden die stilistische Varianz im Schaffen Telemanns angedeutet und zugleich die Gefahren der Monochromität einer an der Besetzung orientierten Systematik vermieden. Und das macht die Platte auch als Einzelstück zu einem fulminanten Hörerlebnis – denn die interpretatorische Qualität von Ensemble und Solisten ist in der Tat bemerkenswert. Und das setzt das schon in den ersten vier Beiträgen sehr erfreuliche Niveau bruchlos fort.

Entscheidend für das Gelingen der Interpretation ist der naheliegende Ansatz, den Schneider und seine Mitstreiter mit Leben erfüllen: Sie betonen – man möchte sagen: einfach – die Qualitäten der Musik Telemanns und vertrauen auf deren Wirkung. Und so erklingen die Konzerte geistvoll, stilistisch gewandt, zeigen sie den ebenso anpassungsfähigen wie eigenständigen Künstler, der voller Erfindungsreichtum steckte und dem es zugleich möglich war, diese Geistesblitze satztechnisch souverän zu verarbeiten. Im einführenden Booklettext wird Johann Adolph Scheibe dazu folgendermaßen zitiert: ‚Zu verwundern ist es, daß Telemann fast alle Gattungen der musikalischen Stücke so wohl, als die Musikarten anderer Nationen mit einerley Leichtigkeit ausübet, ohne seinen Geschmack im geringsten zu verwirren oder zu verderben, als welcher allemal schön, vortrefflich und eben derselbe bleibt. Seine Schreibart ist körnicht, den Sachen gemäß, und überhaupt zu allen Ausdrückungen vollkommen geschickt.’ Das fasst Telemanns Potenziale gelungen zusammen, besonders der charmante Begriff ‚körnicht’ weist auf den tiefen strukturellen Gehalt in Telemanns Werken ebenso hin wie auf die hier nicht selten zu beobachtende prägnante Kernigkeit, gelegentlich auch aus dem volkstümlich Derben schöpfend.

Beglückend

Michael Schneiders Ensemble La Stagione Frankfurt zeigt sich spieltechnisch und ästhetisch auf höchstem Niveau: Temperamentvoll in konzertierender Eigenständigkeit, immer wieder erstaunlich dezent begleitend. Wobei das nie als bloßes Zurücktreten hinter eine solistische Partie verstanden werden darf – auch im scheinbar harmloseren Begleitduktus bleibt die sechzehnköpfige Formation klangbegabt und dank exzellenter Artikulation als eigenständige Größe präsent. Es wird auch hier intensiv gestaltet und an der Interpretation mitgewirkt, jede Nebenstimme bleibt klar erkennbar, jedes Register nimmt mit einer profilierten Plastizität für sich ein. Bemerkenswert ist zudem die Ensembleintonation: Die Platte bietet in diesem Punkt über eine Stunde Konzertieren ohne irgendeinen nennenswerten Makel.

Natürlich sind bei barocken Instrumentalkonzerten die solistischen Leistungen von besonderer Bedeutung. Der Reigen beginnt mit Karl Kaiser und seiner perlend feinen Traversflötenkunst. Einen weichen und doch plastischen Ton konturiert Kaiser deutlich, ohne aber seine Linien überzuartikulieren. Martin Stadler und Luise Baumgartl deuten ihren klangsinnlich angelegten Oboenpart mit viel Dezenz und hörendem Spiel, finden in den bewegteren Sätzen aber auch zu deutlicherer Expressivität. Das temperamentvolle Hornspiel von Ulrich Hübner und Jörg Schulteß wird vom subtilen Umgang mit den charmanten Klangfarben der Instrumente und der erheblichen Virtuosität der beiden Instrumentalisten bestimmt. Und schließlich Michael Schneider: Er zeigt mit dem klaren und tragfähigen Ton seiner Altblockflöte ebenso lyrische Qualitäten wie ihn seine überragenden technischen Möglichkeiten zu äußerst präziser Artikulation in rasanter Virtuosität befähigen. Das Klangbild im vielfach bewährten Kammermusiksaal des Deutschlandfunks ist harmonisch und homogen, wirkt sehr plastisch und fokussiert, nah an den Registern, ohne aber tatsächlich isoliert in Einzelteile zu zerfallen.

Michael Schneider leitet La Stagione Frankfurt zu einer lebendigen, farbigen, gut belüfteten, temperamentvollen und klangsinnlichen Interpretation an. Das ist eindeutig der richtige Weg, sich der Musik Telemanns anzunähern. Auf diese Weise dargeboten, überzeugen die Werke vollends, kann eigentlich niemand die kompositorischen Qualitäten der Musik dieses vielseitigen Barockkomponisten überhören.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Telemann, Georg Philipp: Bläserkonzerte Vol. 5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.11.2010
Medium:
EAN:

CD
761203740123


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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