> > > Halts Maul und mach was: Ein Konzert für Arno Schmidt
Sonntag, 20. Oktober 2019

Halts Maul und mach was - Ein Konzert für Arno Schmidt

"DIE MUSIK? Schön; aber undeutlich"


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Neue Musik im Zeichen Arno Schmidts: Seine Prosa inspiriert zu mal mehr, mal weniger überzeugenden Vertonungen.

Arno Schmidt spielte kein Instrument. Seine musikalische Bildung war gering. Zugleich aber ist sein Werk durchsetzt mit mehr als 3.000 Stellen, die zusammenzutragen Roland Burmeister sich die Mühe gemacht hat und die anspielend, beschreibend, wort-spielend die Musik zum Thema haben. Burmeister kommt zu dem Schluss: ‚Musik hat Arno Schmidt nicht gleichgültig gelassen.‘ Vergleichbar mit seinem Interesse für die vergessenen und verkannten Autoren, die er als Übersetzer und Essayist, vor allem aber in seinem literarischen Werk mit Furor ins Bewusstsein zurückzurufen und in ihm gleichsam zu bewahren suchte, interessierte sich Schmidt auf dem Gebiet der Musik eher für die Randlagen des Repertoires: ‚DELIUS hör‘ ich immer!‘ Der aufklärerische Impetus seines Schreibens reibt sich mit seiner Auffassung von der Musik. Im Spätwerk ‚Die Schule der Atheisten‘ heißt es: ‚DIE MUSIK? Schön; aber undeutlich.‘

Und doch – dieser literarische Außenseiter hätte, so darf vermutet werden, seine Freude gehabt an dem ‚Konzert für Arno Schmidt‘, das nun unter dem amüsant-ausgefallenen Titel ‚Halt‘s Maul und mach was‘ auf cpo erschienen ist. Es ist das zweite seiner Art, das man dem 1914 geborenen Schriftsteller widmet, der seit den späten 50er Jahren bis zu seinem Tod 1979 zurückgezogen in der Lüneburger Heide lebte. Anlass war eine Ausstellung von Landschafts- und Naturfotos Schmidts im Bremer Paula Modersohn-Becker-Museum.

‚Halt‘s Maul und mach was‘

Dem Imperativ des Titels, selbstredend ein Schmidt-Zitat, sind die Komponisten nachgekommen, vielmehr: Sie mussten sich gar nicht erst bitten lassen, denn einige Kompositionen lagen schon vor. Schmidts Prosa – die zarteste Gefühlsregungen mit einem beißend sarkastischen Blick auf die Menschheit, Provinz und Science Fiction mühelos zu verbinden vermag und geprägt ist von kauzigen Ich-Erzählern, die sich unschwer als Projektionen des Autor-Subjekts identifizieren lassen – scheint Komponisten immer wieder zu inspirieren. Michael Reudenbach etwa, dessen Komposition '…Zitate, Berührungen…' für Bassklarinette, Harfe, Kontrabass, Schlagzeug und Tonband in Analogie zur Mehrspaltigkeit von zahlreichen Schmidt-Texten einen mehrdimensionalen Klangraum entwirft – wechselnde Konstellationen wie in einem Mobile. Im Zentrum steht die (einnehmende) Sprechstimme des Meisters, denn Reudenbach collagiert von Schmidt gelesene Texte: ‚Stille, kein Klavier trappelte mehr‘, daraufhin ein Seufzer der Bassklarinette. Der karge Einsatz des Instrumentariums, das die Tonspur überschreibt, kontrapunkiert und säumt, schafft eine geheimnisvolle Atmosphäre.

‚Boutaden‘

Atmosphärisch muten auch die drei Miniaturen für Countertenor und Violoncello mit dem Titel 'Nachttief und Mond' von Andrea Lorenzo Scartazzini an. Eng ist die Beziehung zwischen Text und Musik: ‚Ich lausch dem Winde, schweigend und versonnen‘, und der großartige Sänger Denis Lakey summt. Die Komposition ist ein Auftragswerk der Arno Schmidt Stiftung, wie deren Vorstand Bernd Rauschenbach im Einführungstext darlegt: ‚Fünf Komponisten wurde eine Anzahl von scharf-pointierten Sätzen Schmidts vorgelegt, aus denen jeder drei Zitate zur Vertonung auswählte. Jedes der drei Zitate zur Vertonung auswählte. Jedes der 15 Stücke sollte extrem kurz sein (…); und jedes geschrieben für Countertenor mit (maximal) einem Begleitinstrument.‘ Benannt wurden die vertonten Textfragmente nach dem französischen Begriff der Boutade, einer Art militärischem Signal.

‚…wenn Einem die Sprache im Munde brennt‘

Die Qualität der Beiträge fällt unterschiedlich aus. Robert HP Platz‘ 'Boutaden Nr. 1–5' etwa erschöpfen sich im Figurenwerk der agilen Flöte (Anne Horstmann) und dem wild ausschlagenden Gesang. Thomas Desis Vertonung hingegen punktet mit einem Zug ins Groteske. ‚Aber wenn Einem die Sprache im Munde brennt‘, dann diesem Countertenor, dessen Gesang stets mit Facettenreichtum, Beweglichkeit und Ausdruckskraft überzeugt; Lakey setzt hier die zittrigen Koloraturen, die skurrile Theatralität vortrefflich in Szene. Virtuos ist Eckart Beinkes Umgang mit Schmidts Prosafetzen in den 'Trois Boutades', virtuos auch die Umsetzung etwa in der letzten, titelgebenden Vignette, wenn Stimme und Bassklarinette einander umgarnen. Der Komponist ist der künstlerische Leiter des aus Niedersachsen stammenden oh ton-ensemble, dessen Mitglieder in wechselnder Besetzung Eric Verbugts 'Bilder (aus dem Novecento)' von 1994 zum Klingen bringen; der kompositorische Ansatz, die (virtuelle) Synchronizität mehrspaltiger Prosa in ein Nacheinander aufzulösen, vermittelt sich jedoch kaum.

Kompetent und konzise

Die Klangqualität ist ausgezeichnet, auch das Booklet gelungen. Kompetent und konzise gehen die Musiker zu Werke, nachzuhören in der von Bernhard Lang dirigierten Interpretation von 'A Schmidts Monde', einem Werk, in dem Komponist Horst Lohse auf schematische, doch nicht reizlose Weise Schmidts Mond-Obsession nachspürt: Zuerst liest Sopranistin Angelina Soller Passagen vor, dann erklingt die Musik, den Text illustrierend, bestenfalls illuminierend.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Halts Maul und mach was: Ein Konzert für Arno Schmidt

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.11.2010
Medium:
EAN:

CD
761203750825


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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