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Donnerstag, 23. Januar 2020

Janacek, Leos - Jealousy

Lebenslanges Plädoyer


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Schöne aber bescheiden ausgestattete Box mit Hauptwerken der tschechischen Musik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem besten Dirigenten für dieses Repertoire.

Der im Juli 2010 verstorbene englisch-australische Dirigent Sir Charles Mackerras ist einer breiteren musikalischen Öffentlichkeit – außer als Mozart-Interpret – vor allem durch sein Engagement für das Werk Leos Janaceks bekannt. Die Musik dieses mittlerweile überall als wesentlich angesehenen mährischen Komponisten lernte Mackerras 1947 während eines kurzen Studienaufenthaltes in Prag kennen. 1951 dirigierte er erstmals eine Oper Janaceks ('Katja Kabanova' in London), seit den 1960er Jahren führte er dessen Werke unermüdlich immer wieder auf, auch und vor allem in Prag. Die vorliegende CD-Box ‚Life with Czech Music – Janacek/Martinu‘ ist ein eindrucksvolles Dokument dieses lebenslangen Plädoyers – und Mackerras‘ 40jähriger Beziehung zum Tschechischen Philharmonischen Orchester, auf das anlässlich der Box ‚Life with Czech Music – Dvorak/Smetana‘ näher eingegangen wird (siehe Link unten).

Die ersten beiden CDs sind zwischen 1997 und 2003 aufgenommen, wurden 2004 erstmals veröffentlicht und widmen sich Janaceks Orchesterwerken. Die Aufnahmen sind tontechnisch hervorragend aufbereitet. Besonders die Dynamik überzeugt. Mackerras’ Dirigierstil und Janaceks Musik mit ihren kleinteiligen Strukturen, vielfarbigen Lyrismen und eher schroffen Entladungen gehen hier ein quasi perfektes symbiotisches Verhältnis ein. Die Suite aus der Oper 'Das schlaue Füchslein' klang wohl nie sinnlicher und moderner als in der vorliegenden Einspielung. Die Bühnenmusik zu Hauptmanns 'Schluck und Jau' kommt als so witzige wie innovative Miniatur daher, und die Sinfonietta präsentiert Mackerras als ein orchestrales Hauptwerk des 20. Jahrhunderts, eine Verschmelzung von Impressionismus und Expressionismus auf dem Fundament slawischer Melodik. Der zweiten CD sind als Bonus Ausschnitte eines Radio-Interviews in englischer Sprache beigegeben, in dem sich Sir Charles ein halbes Jahr vor seinem Tod über sein Verhältnis zu tschechischer Musik äußert.

Überzeugendes Plädoyer für Janacek

Die dritte CD ist den Chorwerken vorbehalten, der 'Glagolithischen Messe' und der meines Wissens bislang in keiner anderen Einspielung vorliegenden Kantate 'Amarus'. Die Vertonung eines Gedichtes über ein freudloses Leben im Kloster ist 1897, also noch vor 'Jenufa' entstanden und zeigt den Komponisten noch auf der Suche nach dem eigenen Idiom mit Anleihen sowohl aus der Kirchen- wie aus der Volksmusik. Hier finden sich sogar einige romantische Anklänge. Mackerras dirigiert hier schlank, aufs Lyrische bedacht und meidet – völlig anders als in der vorhergehenden Messe – jedes Pathos. Der ausgezeichnete Bariton Vaclav Zitek gestaltet auf höchstem Niveau.

Die vierte CD ist den Chor- und Orchesterwerken Bohuslav Martinus (1891-1959) gewidmet, den Mackerras nach eigener Aussage erst sehr spät für sich entdeckte. Martinus Kompositionsstil ist an Strawinsky und am trockenen, französischen Melos orientiert. Manches klingt streng, fast klassizistisch, anderes wieder verspielt. Am meisten überzeugen die 'Fresken des Piero della Francesca', eine Art dreisätzige, so poetische wie originelle sinfonische Fantasie und die wie ein intensiver Traum daherkommende Orchestersuite aus Material der Oper 'Juliette'. Allen auf dieser CD versammelten Stücken gewinnt Mackerras ein Maximum an musikalischer Substanz ab.

Abgeklärt und detailfreudig

Der Sammlung ist eine DVD von bescheidener Bildqualität beigegeben. Auf dieser ist ein Mitschnitt der 'Glagolithischen Messe' zu sehen; die Aufführung fand 12 Jahre nach der CD-Einspielung statt. Zeigt die CD-Aufnahme einen faszinierenden, archaisch anmutenden Monolithen, kommt die DVD-Einspielung souveräner und gelassener daher. Die große Linie bleibt stets gewahrt, aber zusätzlich öffnen sich Details dem Ohr. Das wunderbar warme Spiel des Kontrafagotts etwa nimmt man wahr oder die wunderschön zusammenklingenden, lyrisch grundierten Altstimmen des Philharmonischen Chors Prag. Das für mitteleuropäische Ohren gewöhnungsbedürftige Altslawisch wirkt hier ganz selbstverständlich. Zudem sind ausgezeichnete Solisten am Werk, was man bei der älteren Aufnahme leider nur von der großen Sopranistin Elisabeth Söderström sagen kann.

Leider enthält das ansonsten bescheidene, aber solide gemachte Booklet keine Inhaltsangaben, geschweige denn Texte der Chorwerke. Bei so wenig bekannten Kompositionen wie Janaceks 'Amarus' und Martinus 'Feldmesse' wären diese eine sehr willkommene Hilfe gewesen. Die gewaltige musikalische Leistung des Dirigenten und der beteiligten Kollektive schmälert das natürlich in keiner Weise.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Janacek, Leos: Jealousy

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
4
19.11.2010
Medium:
EAN:

CD
099925404222


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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