> > > Dvorák, Antonín: Slawische Tänze, op.46 & 72
Sonntag, 27. September 2020

Dvorák, Antonín - Slawische Tänze, op.46 & 72

Verdiente Würdigung


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Verdiente Würdigung eines großen Dirigenten und eines fantastischen Orchesters inklusive einer Referenzaufnahme von Dvoráks Sinfonischen Dichtungen.

Der im Juli 2010 verstorbene englisch-australische Dirigent Sir Charles Mackerras war ein bedeutender Mozart-Interpret und ein energischer Sachwalter englischer Musik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Einer breiteren musikalischen Öffentlichkeit wurde er jedoch vor allem durch sein fast lebenslanges Engagement für das Werk Leos Janaceks bekannt. Die Musik dieses mittlerweile überall als wesentlich angesehenen mährischen Komponisten lernte Mackerras 1947 während eines kurzen Studienaufenthaltes in Prag kennen. Sie ließ ihn seither nicht mehr los. Durch die intensive Beschäftigung mit Janacek gelangte er zu einem generellen Interesse an tschechischer Musik, die er seit 1962 auch regelmäßig in Prag aufführte. Das Label Supraphon hat nun zur Würdigung des Dirigenten unter dem Titel ‚Life with Czech Music‘ zwei bescheiden, aber sorgfältig edierte CD-Boxen herausgebracht.

Die erste widmet sich auf sechs CDs den sinfonischen Werken Dvoráks und Smetanas. Alle Aufnahmen sind – teilweise als Live-Mitschnitte – in Mackerras’ letztem Lebensjahrzehnt in Tschechien entstanden, fast alle sind auch als Einzel-CDs greifbar. Sir Charles ist hier – wie stets – ein musikalisch sehr klar formulierender, analytischer Dirigent. Kleinste Strukturen, subtilste Verästelungen arbeitet er mühelos heraus, ohne je den großen Bogen aus dem Blickwinkel zu verlieren. Allerdings halten Dvoráks kurze Stücke mit folkloristischem Hintergrund, die 'Slawischen Tänze' und die 'Legenden', trotz stets moderater und flüssiger Tempi, diesem Zugriff nicht ganz stand. Hier geht die Frische verloren.

Die Sinfonischen Dichtungen (op.107-110) hingegen blühen in dieser Interpretation geradezu unerhört auf. Besonders in der 'Mittagshexe' und im 'Goldenen Spinnrad' entbindet Mackerras ein Farbenmeer von frühimpressionistischer Pracht und schafft es gleichzeitig, besonders an den lyrischen Stellen, tief in die Werke einzudringen, sie gleichsam von innen heraus zu gestalten.

Ähnliches lässt sich von den ersten drei Sätzen der Neunten Sinfonie von Dvorák (‚Aus der Neuen Welt‘) sagen, in denen ein sehr sinnlicher, kreatürlicher, fast seidiger Klang vorherrscht, der vielfältige Bilder im Hörer aufsteigen lässt. Hier hört Dvoráks Musik sich – und das ist ausdrücklich nicht despektierlich gemeint – wie die hochkultivierte, wunderschöne Mutter aller amerikanischen Filmmusik an. Leider fehlt dann im Schlusssatz der an sich organischen Finalsteigerung der romantische Überschwang. Hier ersetzt Lautstärke Leidenschaft und Feuer, und der eigenständige Klangkünstler Dvorák klingt wie mittelmäßiger Brahms. Auch in der Achten Sinfonie erreicht Mackerras weder die Geschlossenheit der berühmten Kubelik-Einspielung oder der wunderbaren neuen Aufnahme unter Ivan Fischer noch die grandiose Widerborstigkeit, die Isztvan Kertesz oder George Szell dieser großen Komposition abgewinnen. Smetanas 'Mein Vaterland' auf der letzten CD kann dann wieder voll überzeugen im Spannungsfeld zwischen Tradition und klar herausgearbeiteter Modernität.

Tschechische Orchesterkultur

Zu einem besonderen Hörerlebnis wird die CD-Box durch die intensive Begegnung mit einem hierzulande wenig bekannten, ganz außergewöhnlichen Klangkörper, dem Tschechischen Philharmonischen Orchester. Dessen sehr individuelle Charakteristik lässt sich als Mischung aus einem hellen, kompakten aber stets transparenten Streicherklang und sehr warm abgetönten Holzbläsern beschreiben. Dazu klingen die Trompeten etwas ‚zickig‘ und die weich intonierenden Hörner fast zu schön. Dieses Orchester (nur die späten Dvorák-Sinfonien sind mit dem Prager Symphonie-Orchester entstanden) folgt seinem langjährigen Gastdirigenten hochsensibel und schöpft das dynamische Spektrum voll aus, was vor allem in Dvoráks sinfonischen Dichtungen und Smetanas 'Mein Vaterland' zu fantastischem, so überwältigendem wie differenziertem Musizieren führt, auch wenn einige Satzanfänge extrem leise aufgenommen sind sind.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dvorák, Antonín: Slawische Tänze, op.46 & 72

Label:
Anzahl Medien:
Supraphon
6
Medium:
EAN:

CD
099925404123


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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