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Donnerstag, 23. Januar 2020

Smetana, Bedrich - Mein Vaterland

Verhalten


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die von Supraphon veröffentlichte Einspielung von Smetanas 'Má vlast' gehört nicht zu den gelungensten, bietet aber herrliche Bläser.

Für das Eröffnungskonzerts des Prager Frühlings, bei dem traditionell am Todestag des Komponisten Bedřich Smetanas 'Má vlast' aufgeführt wird, hat man in den vergangenen Jahren vor allem auf junge Kräfte gesetzt. Im letzten Jahr wurde anlässlich des runden Jubiläums des Prager Konservatoriums – es feierte seinen 200. Geburtstag –das Eröffnungskonzert erstmals vom Symphonieorchester des Prager Konservatoriums unter der Leitung von Jiří Bělohlávek gestaltet. Ein Mitschnitt dieses höchst erfolgreichen Konzertabends ist jüngst bei Supraphon erschienen. Ein Jahr zuvor stand am Pult der Prague Philharmonia (auch als Prager Kammerphilharmonie bekannt), einem jungen, 1994 von Bělohlávek gegründeten Klangkörper, ein ebenso junger Dirigent: der damals 28-jährige Jakub Hrůša. Er war dem Orchester bereits einige Jahre eng verbunden, als er 2008 Chefdirigent der Prager Kammerphilharmonie wurde. Auch dieses Konzert ist von Supraphon vorgelegt worden, allerdings auf CD.

Smetanas meist mit traditionell üppig besetztem Sinfonieorchester erklingenden sechsteiligen Zyklus sinfonischer Dichtungen in reduzierter Orchesterstärke zu erleben, ist ein rares Erlebnis, wenn auch kein einzigartiges: Bereits 1997 hat Roger Norrington mit dem London Classical Players Smetanas 'Má vlast' aufgenommen. Während aber Norrington sich bemühte, alle gefestigten Aufführungstraditionen über Bord zu werfen, vertritt Jakub Hrůša eine weniger revolutionäre Haltung. (Im informativen Booklet findet sich erfreulicherweise ein Interview mit dem Dirigenten, in dem er auch über Fragen des Tempos vor dem Hintergrund der Metronomisierung Smetanas und der Aufführungstradition räsoniert.) In der Tat schließt Hrůša in einigen vergleichsweise breiten Tempi an die Tradition eher monumentaler Zugriffe an – ein denkbar großer Gegensatz nicht nur zu Bělohláveks DVD-Mitschnitt, sondern auch zu der vor einiger Zeit erschienenen, dramatisch-stringenten Lesart Claus Peter Flors (BIS).

Die Vorzüge dieser recht leise aufgenommenen Einspielung liegen im formidablen Spiel der Holz- und Blechbläser. Der Klang der Bläser ist von seltener Wärme und Rundung, die solistischen Auftritte verleihen dem Gesamtklang nicht nur Farbe, sondern vor allem auch Kontur. Bezaubernd sind die Solostellen für Oboe und Horn im letzten Satz 'Tábor'. Der Einsatz eines Kammerorchesters eröffnet prinzipiell die Möglichkeit, den orchestralen Satz zu durchleuchten und eine Balance der Stimmen herzustellen, wie sie im Sinfonieorchester nur schwer zu erreichen ist. Dem wird die Aufnahme aber nur teilweise gerecht, vor allem wegen des recht mulmigen, manchmal dumpfen Klangs. Von großem Gewicht sind tiefe Streicher (die allerdings manchmal etwas agiler wirken dürften) und Pauke. Die hohen Streicher stehen gegenüber den Bläsern in einem ausgewogenen Verhältnis stehen, müssen aber doch immer wieder forcieren, um neben der klanglichen Rundung der Bläser ein adäquates Gegengewicht zu bilden.

In der Tempowahl erscheint Jakub Hrůšas Ansatz nicht durchweg schlüssig. Denn für manche von ihm bemerkenswert breit gewählten Tempi bräuchte man doch etwas mehr Klangfülle, um die Spannung halten zu können – so schön und ausgewogen das Spiel der Prager Kammerphilharmonie auch ist. Allerdings wirkt der Zugang insgesamt doch etwas zu edel, warm und rund in der Klanggestaltung. Das hat zur Folge, dass dramatische Passagen, etwa die Durchführung von 'Vyšehrad' oder auch Teile von 'Šárka' allzu verhalten daherkommen. Kommt hinzu, dass gerade bei sequenzierten Motiven Hrůša gleich stark nebeneinander stehende Betonungen favorisiert; auf diese Weise geht Schwung und Zugkraft verloren, man gewinnt den Eindruck eines recht statischen, ziellosen Bewegungsablaufs. Diese Einschränkungen machen deutlich, in welcher Hinsicht Jakub Hrůšas Interpretationsansatz in den kommenden Jahren noch Raum für Entwicklungen hat. Doch zeigt sich auch, wie engagiert ihm das solide, in Teilen exzellent agierende Orchester folgt. Und zweifelsohne gelingen ihm nicht wenige Passagen sehr spannungsvoll, etwa die erste Phase von 'Tábor'.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Smetana, Bedrich: Mein Vaterland

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
19.11.2010
Medium:
EAN:

CD
099925403225


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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