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Donnerstag, 20. Juni 2019

Lachenmann, Helmut - Accanto

Klangrealistische Referenzen


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zu Helmut Lachenmanns 75. Geburtstag legt WERGO drei Referenzaufnahmen neu auf.

Gleichsam aus dem Nichts entstand Ende der sechziger Jahre Helmut Lachenmanns Forderung, an das musikalische Material zu gehen, die in seiner ‚musique concrète instrumentale‘ mündete, und kaum eine musikalische Innovation hat das Neue in der Musik bis heute so dauerhaft beeinflusst. Bei WERGO ist zu Lachenmanns 75. Geburtstag eine Auswahl von Referenzaufnahmen erschienen, die bereits 1985 als LP veröffentlicht wurden, mit den Werken 'Accanto', 'Consolation I' und 'Kontrakadenz', inklusive dem zur LP erschienenen Originaltext von Clytus Gottwald, der interessante Einblicke in die Rezeption von Lachenmanns Musik bietet.

'Accanto', Musik für einen Klarinettisten mit Orchester, ist Eduard Brunner gewidmet, der ein paar Jahre zuvor bereits im Solostück 'dal niente' mit Lachenmann fruchtbares Neuland auf der Klarinette erforschte. Die Musik für Klarinette und Orchester stellt eine radikale Neulektüre von Mozarts Klarinettenkonzert dar, das für Lachenmann nicht nur ‚Inbegriff von Schönheit, Humanität, Reinheit‘ ist, sondern eben auch ein Spielzeug für den Kulturbetrieb geworden ist. Zugleich lässt Lachenmann – ein seltener Akt für den Komponisten, der aus den Instrumenten beinah alles herausgeholt hat – Technologisches hinzutreten, die Vorstellung von einem Tonband mit der Musik Mozarts, die allerdings meistens stumm abläuft, und nur einmal kurz eingeblendet wird. 'Accanto', wörtlich ‚neben‘, ist Übermalung, Entgegnung und Konservierung zugleich, ‚zerstörerischer Umgang mit dem, was man liebt, um dessen Wahrheit zu bewahren‘.

Clytus Gottwald hat als Leiter der von ihm gegründeten Schola Cantorum Stuttgart die Chormusik im zwanzigsten Jahrhundert durch zahlreiche Auftragskompositionen neu zu definieren geholfen. Dabei war er kein höriger Interpret, sondern denkender Musiker, der stets ästhetische Impulse geliefert hat, wovon der lesenswerte Beitext zu dieser Veröffentlichung zeugt. Von ihm und seiner Schola Cantorum stammt auch die Referenzaufnahme von 'Consolation I', die Helmut Lachenmann 1968 auf einen Text von Ernst Toller schrieb. Angesichts totaler Trostlosigkeit, die aus dem Text Tollers spricht, kann die Musik Lachenmanns nicht einfach den Aufruf zur Humanität in Töne gesetzt propagieren: Das Humane ist nur noch in seinem Verschwinden zu greifen, und so lösen sich Text und Musik hier wechselseitig auf.

In einer Zeit, die sich durch immer ausgefeilter werdende Oberflächenpolituren auszeichnet, setzt Helmut Lachenmann den Klang nicht mehr als Ziel, sondern als Ausgangspunkt seiner Kompositionen. Seine ‚Klangrealistik‘ bezieht alles, was bei der Tonproduktion erklingt, in den Kompositionsvorgang ein, und nimmt gleichzeitig dem Klang seine Verfügbarkeit. In seinem Orchesterstück 'Kontrakadenz' ist das, was klingt der konkrete ‚Umsatz der Energien bei den Aktionen der Musiker‘, es ‚macht die mechanischen Bedingungen und Widerstände spürbar, mit denen diese Aktionen verbunden sind‘.

Was kann uns diese Musik heute noch sagen? Die Avantgarde der sechziger und siebziger Jahre wird mittlerweile oft als überholt bezeichnet. Manch einer verhält sich so, als hätte es die letzten fünfzig Jahre der Musikgeschichte nicht gegeben – da mag oft auch Wunschdenken im Spiel sein. Ist uns das Pathos, das Lachenmann in seinen Texten oft mitspielen lässt, heute vielleicht auch fremd, so ist seine Aussage doch aktueller denn je. Da, wo Struktur und Oberfläche eine Einheit bilden, und die Verpackung und der Schein als innere Werte verkauft werden, braucht es unbedingt eine Rückbesinnung auf den Körper des Klanges, vom Ballast seines Verwendungszweckes befreit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lachenmann, Helmut: Accanto

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
25.11.2010
Medium:
EAN:

CD
4010228673821


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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