> > > Braunfels, Walter: Die Vögel
Freitag, 29. Mai 2020

Braunfels, Walter - Die Vögel

Aristophanes in Las Vegas


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Musikalisch über weite Strecken überzeugend, aber in einer mutlosen Inszenierung: Walter Braunfels' selten aufgeführte Oper 'Die Vögel' an der Oper Los Angeles.

Die Uraufführung dieses zweistündigen ‚lyrisch-phantastischen Spiels‘ vor ziemlich genau 90 Jahren, nämlich am 30. November 1920 an der Bayerischen Staatsoper München, war ein großer Erfolg; zeitweise lief das Werk, gemessen an den Aufführungszahlen, sogar den Opern von Richard Strauss den Rang ab, und bei den Zeitgenossen stand es in höchstem Ansehen. Man rühmte seine ‚mozartische Anmut‘, betrachtete es als den (vorläufigen) Endpunkt einer Tradition, die von der 'Zauberflöte' über 'Parsifal' und Strauss‘ 'Ariadne auf Naxos' führe, und in einem Bericht über die Kölner Erstaufführung ist zu lesen: ‚Wahrlich, dieser Braunfels ist ein deutscher Meister seltenster Art! Hier ist beste 'Mozart-Nachfolge.'‘

Denn gemeint ist natürlich die Oper 'Die Vögel', Walter Braunfels' (1882–1954) Adaption der Komödie des Aristophanes. Doch von den Nationalsozialisten wurden 'Die Vögel' wie auch die anderen Werke dieses ‚deutschen Meisters seltenster Art‘ mit einem Aufführungsverbot belegt – ein Schicksal, das Braunfels mit Komponisten wie Schreker und Zemlinsky teilt, die sich damals gleichfalls großer Berühmtheit erfreuten und heute – als Folge dieser nationalsozialistischen ‚Kulturpolitik‘ – wenn nicht vergessen, so doch auf den Spielplänen nur noch sehr selten zu finden sind. Während jedoch ein Werk wie Schrekers 'Der ferne Klang' langsam wieder ins Repertoire zurückzufinden scheint, kann von einer Braunfels-Renaissance keine Rede sein. Seine 'Vögel' wurden 1971 in Karlsruhe, 1994 in Berlin und im Jahr 2009 an der Los Angeles Opera aufgeführt. Diese jüngste Inszenierung liegt nun, klanglich gut eingefangen, auf DVD vor (ohne nennenswerte Features, mit einem fundierten Einführungstext im Booklet).

Wie der Titel schon sagt, handelt es sich um eine Tieroper und damit um eine Ausprägung der Oper (Untergattung wäre wohl zu viel gesagt), welche die Regie vor ein grundsätzliches Problem stellt. Denn wenn bereits der auf der Opernbühne singend sich äußernde und handelnde Mensch streng genommen ein Kuriosum darstellt, weil er den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit und der Realität hier einmal – glücklicherweise – nicht unterworfen ist, wieviel schwieriger ist es dann, einem Tier authentischen, bei aller Subjektivität objektivierbar-allgemeinen und damit allgemein-menschlichen Gefühlsausdruck anzuvertrauen bzw. abzunehmen! Viele Tieropern sind denn auch nicht entstanden; die bekannteste dürfte Janáceks 'Das schläue Füchslein' sein.

In dem von Braunfels eingerichteten, sehr zur Statik neigenden Libretto sind die Freunde Hoffegut und Ratefreund die einzigen Menschen. Die Sehnsucht nach einer besseren Welt treibt sie in das Reich der Vögel, denen Wiedhopf vorsteht (weihevoll, wie ein Sarastro mit Federn: Martin Gantner) und schließlich zur Auflehnung gegen die (göttliche) Ordnung, die wiederum die Bestrafung durch die Götter, namentlich durch Zeus, nach sich zieht. Die Oper spielt zwar in unbestimmter Zeit, doch das antik-griechische Kolorit der Vorlage bleibt gewahrt. Vor allem auf der Ebene des Kostüms – einerseits. Denn die Vogelschar steckt in Kostümen, die mit Schnabelhelm und Glitzerschmuck an – wenn der Vergleich erlaubt ist – Disneys ‚Herkules‘ erinnern, also den Eindruck eines real nachgespielten Zeichentrickfilms hervorrufen; Vorbild für manch eines dieser Kostüme – allerdings ein nachahmend ins Extrem getriebenes Vorbild – scheint das Kostüm Papagenos zu sein, wie es auf den Stichen von Joseph und Peter Schaffer (1793) zu sehen ist. Anderseits aber verortet die Kleidung der beiden Hauptfiguren die Handlung vielmehr in der Zeit der Komposition; Ratefreunds Knickerbocker und Schiebermütze reiben sich am antiken Personal der Oper, entheben den Gesamteindruck allerdings auch einer konkreten zeitlichen Zuordnung und machen die Diskrepanz zur Gegenwart der Figuren und dem von ihnen ersehnten Reich der Phantasie überzeugend deutlich. Auf der schräg ansteigenden Bühne befindet sich ein Hain aus Wolken, die oft ihre Farbe wechseln, am Rand stehen Palmen, die ziemlich hoch sein müssen, wenn sie in jenes Wolkenkuckucksheim hinaufreichen, das zu errichten Ratefreund den Vögeln mit Erfolg vorschlägt. Im Hintergrund zieht eine Sonnenscheibe ihre Bahn, die, je nach Tageszeit, ebenfalls ihre Farbe wechselt. Kurz: Es ist ein einfaches, geradezu kindliches Bühnenbild (David P. Gordon), das neben der soliden Personenführung, die jedoch wenig zur Profilierung der Figuren beiträgt, diese gewiss nicht lieblose Arbeit von Regisseur Darko Tresnjak letztlich als konfektioniert und mutlos ausweist. Die plakativ choreographierten Massenszenen hätten so auch für eine Show in Las Vegas in Szene gesetzt werden können, und einmal sogar schwebt, wie im Zirkus, ein einzelner Vogel über die Bühne.

Doch zweimal erreicht die Inszenierung tiefen dramatischen Ausdruck: Beim Auftritt des Prometheus, der den von Ratefreund verführten Vögel eindringlich von ihrer Erhebung gegen die Götter abrät; Brian Mulligan gibt, mit vorzüglichem Baritongesang, hier eine leidende Gestalt von tragischer Größe. Sodann ist das Ende gelungen: Hoffegut, der zuvor in einer hochromantischen Szene eine ihn wandelnde Ahnung des Höheren empfing, nimmt nun – die Hoffnung auf ein Leben im Reich der Phantasie, mit den Vögeln, den Göttern nicht mehr untergeben, hat sich zerschlagen – Abschied von der Nachtigall, in die er sich verliebt hat: ‚So ist dies alles denn gewesen?‘ Berührend sind Brandon Jovanovichs Gesang und Schauspiel; ausdrucksstark, wenngleich zuweilen mit wackliger Höhe ist sein Tenor, lyrisch verdichtet in dieser letzten Szene, in der Désirée Rancatores mit berückenden Koloraturen und mühelos erreichten Spitzentönen, allerdings auch hier mit zu viel Vibrato dargebotene Nachtigall sich singend von ihm verabschiedet, im Rund des Mondes stehend.

Da schließt sich der Kreis, denn am Beginn der Oper war Hoffegut im Dunkeln gestanden, und die körperlosen Gebilde von hellen Vogelschatten waren über ihn hinweggeflattert. Dann trat Ratefreund hinzu: James Johnsons Spiel ist recht schematisch und sein breiter Bassbariton neigt zum Knödeln, seine Diktion des Deutschen hingegen ist ausgesprochen gut (wie bei den meisten Sängern, mit Ausnahme der einen oder anderen Nebenrolle). Vom Humor der Vorlage, immerhin eine Komödie, ist wenig geblieben, die Musik selbst erzeugt keine humoristischen Spitzen. Das von James Conlon geleitete hauseigene Orchester setzt Reizpunkte, entwickelt in romantischem Duktus ausgreifende Spannungsbögen, musiziert geschmeidig und transparent, und sein duftiges Spiel macht nachvollziehbar, weshalb die wie ein buntes Federkleid schillernde, melodisch ausschwingende Partitur von Braunfels' Zeitgenossen so gerühmt wurde.

Interpretation:
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Regie:







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    Braunfels, Walter: Die Vögel

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
08.11.2010
Medium:
EAN:

DVD
807280152999


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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