> > > Elgar, Edward: Enigma-Variationen, op.36
Freitag, 23. August 2019

Elgar, Edward - Enigma-Variationen, op.36

Flammendes Plädoyer für die englische Symphonik


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser in allen Belangen überzeugende Tonträger vereint Aufnahmen von Schlüsselwerken der beiden bedeutendsten englischen Symphoniker der neueren Zeit, Elgar und Vaughan Williams. Sir Colin Davis leitet das Orchester des Bayerischen Rundfunks.

Dass Dirigenten zu besonderen Glanzleistungen fähig sind, wenn sie die Musik ihrer Landsleute interpretieren, konnte man während der letzten Jahrzehnte in einigen Fällen beobachten – Maßstäbe setzten etwa die Dvorák-Einspielungen Rafael Kubeliks oder Leonard Bernstein für amerikanische Komponisten. Mit der vorliegenden Produktion, einem Tonträger mit zwei Aufnahmen von 1983 und 1987, der in einer CD-Reihe zum sechzigsten Geburtstag des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks erscheint, wird dieses Phänomen erneut bestätigt. Am Pult steht der kurz zuvor aus London nach München verpflichtete Sir Colin Davis, der das Repertoire des Orchesters erweiterte und es durch seinen akkuraten und gleichzeitig behutsamen Dirigierstil prägte. Mit Edward Elgars 'Enigma-Variationen' und der Sechsten Symphonie von Ralph Vaughan Williams dokumentiert das Orchester eindrucksvoll seinen seit Jahrzehnten andauernden Status als internationales Spitzenensemble, das permanent auf höchstem Niveau konzertiert und regelmäßig für referenzträchtige Höhepunkte der Schallplattengeschichte sorgt – eine Tradition, die auch unter dem derzeitigen Chefdirigenten Mariss Jansons fortgesetzt wird.

Elgars berühmte Variationen über ein Originalthema, komponiert 1899 als op. 36, sind ein klassischer Prüfstein für jedes Orchester, das sich der Symphonik des späten 19. Jahrhunderts verpflichtet fühlt. Davis nimmt die Tempi flott, wodurch gerade die bewegteren Passagen eine unwiderstehliche Verve gewinnen. Die gekonnt instrumentierte Polyphonie Elgars wird jederzeit durchsichtig abgebildet, und vor allem die komplexeren, an Charakteren und motivischen Gestalten überreichen Variationen vermitteln das Gefühl, jede einzelne Stimme gleichzeitig wahrnehmen zu können. In der Ysobel-Variation vermag man als Hörer ein faszinierendes Geflecht zu ergründen: Soloinstrumente treten nur so deutlich wie eben nötig in den Vordergrund, um dann der nächsten Hauptstimme Raum zu geben; niemals werden dominierende Klangebenen überbetont, auch in Begleitfiguren und in scheinbar Nebensächlichem wird Relevantes herausgearbeitet. Erwirkt wird dies durch Davis’ flexibles und ausgewogenes, nichts dem Zufall überlassendes Dirigat und eine überragende Tontechnik, welche die Instrumentengruppen in ihren jeweiligen Eigenheiten und in ihrem Raumklangverhalten vollendet abbildet.

Orchester zeichnet sich durch Vielseitigkeit und Stilsicherheit aus

Bei Vaughan Williams erscheint der Tonsatz ebenso gründlich ausgeleuchtet, obschon Sir Colin Davis hier mit breiterem Pinsel malt als bei seiner feingliedrigen Darstellung des Elgar-Zyklus‘. Die tonal leicht fasslichen Kantilenen, welche sich am Ende des ersten 'Allegro' des viersätzigen Werkes finden, liegen dem Dirigenten sichtlich am Herzen und öffnen die Tür für genreübergreifende Assoziationen. Auch die satten Blechsätze, welche jeder Science-Fiction-Partitur Hollywoods zur Ehre gereichen würden und den Komponisten als einen Vordenker der symphonischen Filmmusik identifizieren, gelangen durch die Münchner Musiker zu einer packenden, auch an den dynamischen Grenzen noch ausgewogen balancierten Wiedergabe. Wunderbar mysteriös inszeniert werden die sphärischen, streicherbasierten Dreiklangsmixturen im zweiten Satz; mit jazziger Phrasierung werden die markanten Saxophonsoli im Scherzo dargeboten. Ein dankbares Werk, das die konventionellen Genregrenzen sprengt und dem versatilen Klangkörper eine willkommene Gelegenheit liefert, jenseits der vielbeschrittenen Pfade des germanophilen Standardrepertoires zu brillieren.

Wie bei der Produktion älterer Aufnahmen üblich, ist auch dieser Tonträger aus zwei separaten, in unterschiedlichen Räumen entstandenen Produktionen zusammengestellt worden, denen ein ausführliches Remastering zuteil geworden ist. Den hierfür Verantwortlichen ist mein einziger Kritikpunkt anzulasten: Es sind leider einige Schnitte hörbar, und die nachträgliche Dynamikbearbeitung lässt manche Fortissimo-Gipfel leicht komprimiert klingen – man wünscht sich dann eine noch etwas zwingendere Steigerung, als es die künstlich begrenzte Aussteuerung zulässt. Im Ganzen präsentiert dieses Album aber einen mehr als 68-minütigen Hörgenuss von ausgezeichneter künstlerischer Qualität. Das ideal aufeinander abgestimmte Zusammenwirken von Musikern und Aufnahmeleitung führt zu einem warmen und prächtigen, mit höchster Präzision gestalteten, aber niemals zu sachlichen Klangbild. Der Tonträger kann also nahezu uneingeschränkt empfohlen werden – und man darf auf weitere hochkarätige Wiederveröffentlichungen aus dem Archiv des Bayerischen Rundfunks gespannt sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Wendelin  Bitzan Kritik von Wendelin Bitzan,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Elgar, Edward: Enigma-Variationen, op.36

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BR-Klassik
1
18.10.2010
Medium:
EAN:

CD
4035719007053


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter einer gemeinsamen Marke den Musikfreunden angeboten. Das Label heißt BR-KLASSIK. Zum Start sind acht Tonträger sowie eine DVD am 18. September 2009 veröffentlicht worden. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 70 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden nun unter der gemeinsamen Marke BR-KLASSIK auf dem hauseigenen Label dokumentiert.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Label-Manager geleitet. Mit ihm und Peter Alward als A&R-Consultant konnte der Bayerische Rundfunk zwei erfolgreiche, externe Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

Als logische und konsequente Fortsetzung der Surround-Sound-Offensive im Hörfunkprogramm von Bayern 4 Klassik, das ausgewählte Sendungen im Mehrkanalton und mit erhöhter Datenrate überträgt, werden auch die Tonträger-Veröffentlichungen des Öfteren als audiophile SACD produziert. Die Hybrid-SACD-Tonträger lassen sich als herkömmliche CD abspielen, enthalten aber auch eine Stereo-Spur im hochauflösenden DSD-Format sowie eine Mehrkanal-Fassung in 5.0 bzw. 5.1-Surround.

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Neue Aufnahmen werden im Highprice-Segment veröffentlicht, die CDs der ARCHIVE- und WISSEN-Serie auf Midprice. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Musicload u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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