> > > Bach, Johann Sebastian: Cantatas 17
Sonntag, 15. September 2019

Bach, Johann Sebastian - Cantatas 17

Wunderbare Neuigkeiten vom japanischen Bach


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jetzt wissen wir es ganz genau! Umfangreiche Studien im Musikalienfachhandel haben eindeutig ergeben: Bach war ein Japaner. Wer es immer noch nicht glauben mag, der soll sich mittels der Veröffentlichungen (Label: BIS) des Bach Collegium Japan unter seinem Leiter Masaaki Suzuki selbst davon überzeugen und ausrufen: ,Ja, so könnte das in Bachs Ohren geklungen haben.?
Vor einigen Jahren hielt man die erste Veröffentlichung dieses Ensembles mit den chronologisch frühesten Kantaten des Meisters in Händen. Man rümpfte zunächst die Nase um beim Durchhören mit Schamesröte im Gesicht seine Arroganz zu bedauern. Wieder einmal schien zu gelten, was nicht selten gilt: die Japaner können alles besser. Hier musste nicht erst ein Prozess der Annäherung beschritten werden, wie er in den bedeutenden Zyklen der Pioniere Harnoncourt und Leonhardt reifend deutlich erkennbar ist. Nein, man war Bach bereits in jener ersten Aufnahme unglaublich nahe gekommen. Doch es ist die Frucht von in 50 Jahren selbst historisch gewordener ?historischer Aufführungspraxis?, die es Suzuki erlaubte, aus einem Schatz an Erfahrungen das musikalisch Überzeugendste auszuwählen. Der Verzicht auf Knabenstimmen im Chor zugunsten von Frauen und die Arbeit mit Countertenören sind nur zwei dieser Entscheidungen, die nicht einem sogenannten philologischen Bachspiel dienen, sondern einzig der Musik und ihrem betörenden Klang. In langsam bedächtiger Arbeit ist die Gesamtaufnahme mittlerweile bei Nummer 18 angelangt. Hier liegt die 17. Einspielung vor, fünf Kantaten des Jahres 1724 für die Sonntage nach Neujahr.

Absolut homogene Leistung
Es fällt schwer sich an die vorliegende Aufnahme zu halten und nicht in allgemeinen Hymnen über sämtliche Bacheinspielungen dieses Ensembles zu verfallen. Wir haben es meist mit einer Perle der Bachinterpretation zu tun.
Die Anordnung der Kantaten, über die ein sehr genaues und tadelloses Booklet aufklärt, spiegelt äußerst lebendig die kirchenmusikalische Praxis des Jahres 1724 wieder. So scheint Bach seinen Chor in der Kantate ,Schau, lieber Gott, wie meine Feind? (BWV 153) wie auch in ,Mein liebster Jesus ist verloren? (BWV 154) nach den Strapazen von Weihnachten und Neujahr zu schonen - er bedenkt ihn nur mit Chorälen. Dagegen enthalten die Solistenarien reizvolle Besonderheiten. Der instrumentale und vokale Part der hochvirtuosen Tenorarie ,Stürmt nur, stürmt, ihr Trübsalswetter? (BWV 153) lehnt sich an die Sturmszenen der Oper der Zeit an. Der bei Bach bewährte Tenor Gerd Türk, meistert dies ohne Schiffbruch mit dramatischem Impetus. Vollkommen eins mit dem Orchester, werden besonders die Läufe zu überzeugend hingehämmerter Glaubenszuversicht.
Der junge englische Countertenor Robin Blaze bedarf in seinen Arien nicht dieser Dramatik. Dafür nutzt er den Lyrismus von ,Jesu, laß dich finden? (BWV 154) und ,Murre nicht, Lieber Christ? (BWV 144) mit feiner Artikulation und Sinn für musikalisch zwingende Bögen zur Gestaltung von intimen Innenansichten. Da seine Stimme sicher nicht zu den Voluminösesten gehört, dafür schlank und edel klingt, hätte man ihn akustisch besser vor dem Orchester platziert (er scheint hinter oder aus dem Orchester zu singen). Auch der Tenor klingt bisweilen nicht präsent genug. Der Wunsch nach solcher Positionierung ergibt sich aus der ansonsten ausgezeichneten Textverständlichkeit des Ensembles, die so nicht mehr hundertprozentig gegeben ist.

Neben der japanischen Sopranistin Yukari Nonoshita ist ein weiterer häufiger Gast bei Suzuki der Bass Peter Kooij; ein Bachspezialist, der sein bewegliches Organ in der Arie ,Leichtgesinnte Flattergeister? aus der gleichnamigen Kantate BWV 181 eindrucksvoll präsentiert. Das stark akzentuierte, klare Spiel des Bach Collegium Japan macht die leichtsinnigen Flattergeister zu faszinierend lebendigen Wesen. Masaaki Suzuki wählt die Tempi und die Artikulation in allen Kantaten so weise, dass dies mit einer homogenen Leistung aller zu Interpretationen führt, die für sich Referenzstatus beanspruchen können.

Auch mit dieser Aufnahme ist es Suzuki gelungen, Bach bereichernd zu internationalisieren und denen, die den Thomaskantor für sich beanspruchen zu zeigen, wie beglückend ein Kulturaustausch sein kann. Das schönste daran: Fortsetzung folgt!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Cantatas 17

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
05.02.2002
66:53
2001
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
7318590012215
BIS-CD-1221

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Bach, Johann Sebastian


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Dirigent(en):Suzuki, Masaaki
Interpret(en):Bach-Collegium Japan,


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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