> > > Bach, Johann Sebastian: Cantatas 16
Montag, 15. Juli 2019

Bach, Johann Sebastian - Cantatas 16

Festmusiken auf herausragendem Niveau


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Folge 16 der viel gelobten Gesamteinspielung der Kantaten Johann Sebastian Bachs durch das Bach-Collegium Japan widmet sich zwei Werken, die als Festmusiken für außerhalb des Kirchenjahres stehende Anlässe komponiert wurden: Die Kantate Nr. 194 (?Höchsterwünschtes Freudenfest?) entstand zur Einweihung der Orgel im Örtchen Störmthal nahe Leipzig, Nr. 119 (?Preise, Jerusalem, den Herrn?) war Bachs erste Ratswechsel-Kantate; in Leipzig war es üblich, dass zur Feier der alljährlichen Ratswahl ein Festgottesdienst in der Nikolaikirche abgehalten wurde ? mit einer dem Anlass entsprechenden musikalischen Ausgestaltung.
Suzukis Entscheidung, diese beiden Kompositionen auf einer CD zu vereinen, verrät ein stringentes Konzept: Beide zu hörenden Stücke sind groß angelegte (BWV 119: 4 Trompeten!), repräsentative Festmusiken; beide gehen mit großer Wahrscheinlichkeit auf weltliche Vorlagen zurück, sind also keine Originalkompositionen, sondern Parodien; schließlich verbindet die beiden Kantaten, dass die Eingangschöre nach dem Modell der französischen Ouvertüre gestaltet sind (mit der typischen Abfolge langsam und punktiert ? schnell und fugiert ? langsam und punktiert). Der Eingangschor und die Arien in Nr. 194 (mit Ausnahme des Schlusschorals) bilden eine regelrechte Suite in der Art von Bachs berühmten ?4 Ouvertüren?, denn diesen Sätzen liegen weltliche Modelle zugrunde: Ist die Bass-Arie ?Was des Höchsten Glanz erfüllt?, eine Pastorale, wie man sie in Suiten nicht selten als langsamen Satz findet, so hat die Sopran-Arie Nr. 5 (?Hilf Gott, dass uns gelingt?) ausgeprägten Gavotte-Charakter, während das Duett Nr. 10 (Sopran und Bass, ?O wie wohl ist uns geschehn?) ein Menuett darstellt.

Wie schon in den vorhergehenden Folgen seiner Kantaten-Serie versammelt Suzuki auch für diese Einspielung ein exzellentes Ensemble von Sängern und Instrumentalisten. Der hervorragende Chor legt eine Wortdeutlichkeit an den Tag, das sich Vokalgruppen des deutschen Sprachraumes zum Vorbild nehmen können. Die beiden Eingangschöre und der konzertante Chor ?Der Herr hat Guts an uns getan? BWV 119/7) klingen detailgenau erarbeitet; jeder Einsatz ?sitzt?, die Linienführung ist klar und prägnant; in den Schlusschorälen wählt Suzuki eine natürlich fließende Interpretation, die voll und ganz überzeugt. Überhaupt lassen die Extreme meidende Tempowahl, die ausgefeilte Phrasierung und das differenzierte Continuospiel kaum Wünsche offen. Das Sängerensemble besteht aus führenden Exponenten der japanischen Bach-Pflege und renommierten europäischen bzw. amerikanischen (Kirsten Sollek-Avella) Solisten. Den beiden Europäern, dem Bariton Jochen Kupfer und dem Bass Peter Kooij, gebührt die Krone: Kupfers eindringliche Interpretation der erwähnten ?Pastoralen-Arie? in BWV 194 und seine Fähigkeit, im Duett ?O wie wohl ist uns geschehn? mit dem Sopran in den Terzen- und Sextenparallelen regelrecht zu verschmelzen, bleiben im Gedächtnis.

Peter Kooijs Qualitäten als Bach-Interpret sind seit langem bekannt; auch wenn er auf dieser CD nur in einem Accompagnato-Rezitativ zu hören ist, so kann er dennoch seine Qualitäten voll ausspielen ? an erster Stelle ist hier die herausragend einfühlsame Textdeklamation zu nennen. Auch der Tenor Makoto Sakurada verfügt über eine für die Bach-Interpretation sehr geeignete Stimme und bemüht sich so sehr um optimale Textverständlichkeit, dass er als ?Muttersprachler? durchgehen würde. Die Damen überzeugen in dieser Hinsicht weniger: Im Timbre sind die Stimmen der Sopranistinnen Yukari Nonoshita (BWV 194) und Yoshie Hida (BWV 119) einander sehr ähnlich (beide verfügen über helle, klare Stimmen mit einem ?weißen? Timbre, wie es von vielen Dirigenten der Alte Musik-Szene favorisiert wird), aber insbesondere bei der Erstgenannten hört man doch, dass sie nicht recht weiß, was sie singt ? auch einzelne falsche Konsonanten kommen vor. Ähnliches gilt übrigens für die Altistin amerikanischer Herkunft. Nichtsdestotrotz gebührt allen Sängerinnen und Sängern Hochachtung, denn sie liefern eine sehr homogene und ausgefeilte Darbietung. Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass die Instrumentalisten des Bach-Collegium Japan auf herausragendem Niveau spielen. Stellvertretend für die insgesamt hervorragende Ensembleleistung seien das überaus differenzierte Spiel der zwei Oboe da caccia in BWV 119/3 und die virtuosen Darbietungen der Trompeten (BWV 119/1, 119/7) und Blockflöten (BWV 119/5) genannt.

Das Booklet ist außerordentlich großzügig gestaltet: Klaus Hofmann liefert detail- und kenntnisreiche Werkeinführungen, während Masaaki Suzuki mit erstaunlicher Akribie auf die Quellen eingeht. Besetzungsangaben für alle Einzelsätze, eine detaillierte Auflistung der Ausführenden und informative Künstlerbiographien komplettieren das erfreuliche Erscheinungsbild; einzig die aus der Fülle von Informationen resultierende Schriftgröße bewegt sich am Rande der Lesbarkeit.
Die CD hinterlässt insgesamt einen durch und durch positiven Eindruck: Zwei Meisterwerke aus der Feder des Thomaskantors erklingen in rundum überzeugender Interpretation.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Dr. Franz Gratl Kritik von Dr. Franz Gratl,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Cantatas 16

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
13.11.2001
62:50
1999
2001
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
7318590011317
BIS-CD-1131

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Bach, Johann Sebastian


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Dirigent(en):Suzuki, Masaaki
Interpret(en):Bach-Collegium Japan,


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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