> > > Walter Gieseking - Klangzauberer mit Esprit: Werke von Mozart, Beethoven, Schumann u.a.
Freitag, 25. September 2020

Walter Gieseking - Klangzauberer mit Esprit - Werke von Mozart, Beethoven, Schumann u.a.

Geisterbeschwörung


Label/Verlag: Membran
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In seinen stärksten Momenten ist Gieseking "Medium", beinahe im spiritistischen Sinne.

Walter Gieseking galt in Zeiten, als nationale Klavierschulen bestanden – die ‚russische’, ‚französische’ etc. – als am wenigsten ‚deutscher’ der ‚deutschen’ Pianisten. In der mittelmeerischen Welt aufgewachsen, als Jugendlicher, vor dem Ersten Weltkrieg, ins spröde Hannover verpflanzt, war Gieseking dazu berufen, französisches Musikempfinden in die deutsche Klavierwelt hinüberzutragen. Als einziger Deutscher seiner Generation – weit mehr als Artur Schnabel oder Wilhelm Backhaus – war Gieseking gewillt und befähigt, das impressionistische Repertoire um Debussy und Ravel zu gestalten. Dass dreieinhalb der zehn CDs dieses Albums besagten Komponisten (und César Franck) gewidmet sind, nimmt demnach nicht Wunder. Außerdem werden Mozart-Sonaten, das Klavierquintett KV 452 sowie das Konzert KV 491 mit Karajan und dem Philharmonia Orchestra geboten, Beethoven-Sonaten und das Fünfte Klavierkonzert (Karajan, Philharmonia), das Schumann- und Grieg-Konzert (dito) sowie Verstreutes von Schubert und Brahms.

Das Besondere der Pianistik Giesekings ist ihre sozusagen asiatische Entspanntheit. Jeder Zen- oder Reiki-Meister muss diesen Musiker um derart entkrampfte, energetisch durchlässige Hände beneiden. Sie scheinen zum Medium geistiger Kräfte geeignet – ohne Stockungen, ohne Friktion: Das Apollinische Mozarts hat sich in keinem Paar Pianistenhänden reiner materialisiert. Mag in Zeiten Harnoncourts und René Jacobs’ das dionysisch Ungebärdige Mozarts im Vordergrund stehen, ist an der künstlerischen Folgerichtigkeit und pianistischen Vollendung Gieseking’schen Mozart-Spiels nichts zu deuteln. Auf diesem Niveau sind Fragen stilistischer Richtigkeit ohnehin müßig. Wer es nicht glaubt, möge den langsamen Satz im Mozart-Konzert hören: trancehafte Schönheit.

Der naheliegende, wenngleich anachronistische Vorwurf, Gieseking sei kein ‚richtiger’ Beethoven-Spieler aus ‚deutscher’, mitteleuropäischer Tradition, weil, anders als Backhaus, Schnabel, Serkin oder Arrau, anders auch als Gulda oder Brendel, zu wenig herb und bestimmt, zu leicht und beiläufig im Klang und im Vortrag – ‚Ravel und Beethoven’ sei eine illegitime Verbindung, morganatische Ehe –, dieser Vorwurf, häufig geäußert, geht dennoch ins Leere, zumindest mit Blick aufs hier gebotene Repertoire: Der Variationensatz in op. 109, 'Andante molto cantabile ed espressivo', ist kantabler und diskret expressiver nie zu Gehör gebracht worden. Walter Gieseking ist prädestiniert, das Liedhafte, Schlichte der langsamen Sätze im Beethoven’schen Spätwerk vor metaphysischer Überfrachtung zu retten. (Fürs Adagio im Klavierkonzert gilt Ähnliches.)

Die meisten dieser Einspielungen datieren aus den fünfziger Jahren. Entsprechend stellt sich die Klangqualität dar: Wer mehr als monaurale Flächigkeit erwartet, wird enttäuscht. Die Leichtigkeit des Anschlags bleibt dennoch gewahrt, das Fließende der Passagen, die Transparenz der Akkorde dito – kein Grund zum Unbehagen.

Walter Giesekings Gesamtwerk wäre auf zehn Platten nicht unterzubringen. Dieses Album (Membran) allerdings bietet, was floskelhaft als ‚repräsentativer Querschnitt’ seines Wirkens bezeichnet werden könnte. Die Anschaffung ist jedem Gieseking-Novizen zu empfehlen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Nagel auf den Kopf
    Lieber Dr. Krause - genau in solche Richtungen ging mein immer wieder erstauntes Fragen nach dem Spezifikum des Klavierspiels von WG - bis ich schliesslich bei starken Ähnlichkeiten zum "asiatischen" Lang Lang landete - und Ähnliches jetzt bei ihnen hier überraschend bestätigt finde. Besten Dank.

    Nutzer_RXNUMGG, 10.08.2013, 22:01 Uhr
    Registriert seit: 10.08.2013

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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Walter Gieseking - Klangzauberer mit Esprit: Werke von Mozart, Beethoven, Schumann u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Membran
10
29.10.2010
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4011222330826
233082


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Membran

Die Hamburger Vertriebs- und Entertainment Gruppe

Membran, ursprünglich als Tonträger-Einzelhandelskette mit über 30 Shops 1968 gegründet, ist ein internationaler etablierter und Industrie-unabhängiger Musikvertrieb. 2010 richtet Membran seine Strategien neu aus und expandiert zur Membran Entertainment Gruppe.

Ansässig in der Medienstadt Hamburg, konnte Membran seit der Gründung 1968 seine Services beständig ausbauen: Vom Musikvertrieb mit A&R Management, Konzeption und Produktion über das Lizenz- und Rechte-Management von Musik- und Filmtiteln, über Buchverlag und Buchhandel, zum Digitalvertrieb und als Vertriebspartner vieler internationaler Labels: der independent Vertrieb ist mit seinen Katalogen und Produktionen weltweit tätig.

Über 40 Mitarbeiter entwickeln ständig neue Medienprodukte, Einzel und Sammel-Editionen aus einem mittlerweile über 10.000 Artikel umfassenden aktiven Katalog. Für die Auswertung über die gesamte Bandbreite an Medienformaten kann das Unternehmen auf einen Lizenz- und Rechte Pool mit über 250.000 Titeln zurückgreifen.

Produkte und Kataloge eigener sowie renommierter Label wie Ars Musici, NCA, Nuova Era, Documents, Classico, Motema oder Must Have Jazz erreichen die Endkunden weltweit direkt oder über internationale Handelspartner.

Die Labels aus dem Hause Membran bieten Produktionen in allen Musikrichtungen und Preisklassen. Man findet Jazz, Klassik, Pop, Rock, HipHop und Schlager und ein breites Spektrum an Genre-Kopplungen sowie ausgesuchte Buchprodukte und Sammel-Editionen.

Vor allem spezialisiert ist Membran im Klassikbereich und hat mit Labels wie NCA - New Classical Adventure und Nuova Era in diesem Segment eine führende Rolle. Es werden hochwertige und seltene Werke geboten, und neue Talente etabliert.

Für ihre Produktionen wurde die Membran Gruppe bereits mehrfach ausgezeichnet. So erhielten sie zweimal den LEOPOLD  Medienpreis des Verbandes deutscher Musikschulen und für Beethovens Streichquartette, eingespielt von dem Leipziger Gewandhaus-Quartett, den Jahrespreis 2004 beim Preis der deutschen Schallplattenkritik, wo sie mit weiteren Titeln die Bestenliste erreichten.


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