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Sonntag, 29. Mai 2022

Nardini, Pietro - Kammermusik mit Flöte

Nicht überzeugen, sondern rühren wollen


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sowohl die Werkeinführung im Booklet-Text wie auch die Gesamtinterpretation der vier Musiker können den weitestgehend vergessenen Werken des 18. Jahrhunderts mit vorliegender Aufnahme nur schwerlich gerecht werden.

Vom Kriterium der ‚Hörerfreundlichkeit‘, vom leichten Nachvollzug melodischer Linien und Strukturen, vom angenehmen Hörerlebnis und von dem Bestreben nach Unaufdringlichkeit bei aller Ausdruckstiefe spricht der Autor Gerhard Blum in seinem weit ausholenden Booklet-Text zur Aufnahme von Flötenkammermusik des spätbarocken Komponisten Pietro Nardini. Pauschal unterstellt Blum der Musik um die Mitte des 18. Jahrhunderts, die ‚Grundauffassung von Sinn und Zweck allen Musizierens‘ läge darin, dass der Instrumentalist nicht überzeugen, sondern rühren wolle.

Von wirklich musikalischer Überzeugungskraft kann bei vorliegender Einspielung mit fünf Trios und drei Sonaten des italienischen Violinvirtuosen aber leider nicht die Rede sein. Es ist schwierig, eine objektive Haltung gegenüber den kammermusikalischen, leicht strukturierten Kompositionen Nardinis zu bewahren. Auf einen Punkt gebracht wird Nardinis Gesamtschaffen bereits vor den einzelnen Werkbetrachtungen dieser Aufnahme als eine Art von Unterhaltungsmusik charakterisiert, die ‚niemals allzu tiefsinnig, immer wohllautend, niemals verstörend, immer vornehm zurückhaltend, niemals bedrängend‘ wirke.

Nur ansatzweise vermag die Interpretation der Flötenwerke vom Gegenteil zu überzeugen und somit den noch weitestgehend unbekannten Komponisten in ein besseres Licht zu stellen. Auffällig ist bei allen eingespielten Werken der geforderte hohe virtuose Anspruch gegenüber dem Flötisten. An Darja Großheides Spielweise wird kaum ein roter Faden spürbar; mal sind deutliche Schwächen in der Intonation der hohen Oktavlage auffällig, ein anderes Mal ist es der Mangel an flexibler Dynamik, der kaum zu einem befriedigendem Hörerlebnis beiträgt. Der wenig überzeugende Gesamteindruck der Interpretationen durch Großheide, Gabriele Nußberger (Violine), Ulrike Schaar (Violoncello) und Willi Kronenberg (Cembalo) liegt zu einem Großteil auch in der unglücklichen Klangqualität der Aufnahme aus dem Hause Musicphon begründet. Zum einen wurde offensichtlich kaum am Klang der einzelnen Instrumente nachgearbeitet, was besonders bei der kontinuierlich recht dumpf und wenig obertonreich klingenden Traversflöte zum Vorschein tritt. Desweiteren ist der Gesamtklang des Ensembles an vielen Stellen nicht gut ausgeglichen, sodass ausgerechnet die normalerweise in barocker Kammermusik immer eher unterrepräsentierte Flöte hier allzu dominant wirkt.

Zwar handelt es sich in der Tat vor allem bei einigen langsamen Sätzen der Trios und Sonaten um einfach strukturierte, beinahe kalkulierbare Melodieverläufe und harmonische Wendungen; andererseits geht beispielsweise vom 'Andante' des Trios in C-Dur eine durchaus empfindsame und subtile Wirkung aus. Weil aber die Interpreten nur selten die Raffinesse und die Ausdrucksintensität der melodischen Themen Nardinis hervorzuheben vermögen, kommen die kompositorischen Überraschungsmomente aber leider fast gar nicht zur Geltung. Nebenbei sollte dennoch die gute Verzierungstechnik der Musiker betont werden, welche – zwar stets angemessen angewandt – trotzdem nicht von der eher eintönigen Wirkung der Gesamtinterpretation ablenken kann. Insgesamt enttäuscht die Aufnahme solcher noch unbekannten Werke des 18. Jahrhunderts durch das undurchsichtige Klangbild, die schlechte Klangbalance, spieltechnisch allzu riskante und überhastete Tempi und einem nicht überzeugendem Ausdrucksbedürfnis der Interpreten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Marion  Beyer Kritik von Marion Beyer,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nardini, Pietro: Kammermusik mit Flöte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Musicaphon
1
13.10.2010
65:48
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4012476569239
M56923


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"Einer der bemerkenswertesten Musiker der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist der in Livorno geborene Pietro Nardini, der einer breiteren Öffentlichkeit bis heute leider noch ziemlich unbekannt ist, obwohl er doch nach dem übereinstimmenden Urteil der Zeitgenossen als der vollendetste lebende Violinspieler galt. Leopold Mozart hebt ausdrücklich hervor, dass Nardini „nicht gar schwer“ spiele (= nicht auf technische Effekte setzte), dass aber „in der Schönheit, reinigkeit, gleichheit des Tones und im Singbaren Geschmacke nichts schöners kann gehöret werden“. Das Violinspiel hatte er schon als Zwölfjähriger in Padua bei dem berühmten Giuseppe Tartini zu spielen gelernt, der damals als der beste Geigenlehrer Europas galt. Nach sechsjähriger Lehrzeit kehrte Nardini in seine Heimatstadt Livorno zurück, wo er sich in den beiden kommenden Jahrzehnten eine bedeutende Reputation als Virtuose und Lehrer erwarb. Ab 1760 folgten einige Reisejahre, die ihn nach Wien, Dresden, Braunschweig und eben auch nach Stuttgart führten und in denen sich sein Ruf festigte, u.a. auch dadurch, dass er Sonaten für Violine und Generalbass veröffentlichte, die in London und Amsterdam gedruckt wurden. Die vorliegende CD stellt Nardini weniger als Violinkomponisten denn als Flötenkomponisten vor, indem sie die Gesamteinspielung der fünf von ihm erhaltenen Triosonaten für Flöte, Violine und Generalbass sowie der beiden Flötensonaten enthält, die abschriftlich in der Bibliothek des Konservatoriums in Genua verwahrt werden."


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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