> > > Arensky, Anton: Klaviertrios Nr. 1 & 2
Dienstag, 20. August 2019

Arensky, Anton - Klaviertrios Nr. 1 & 2

Bei genauerem Betrachten: Entzauberung


Label/Verlag: Tudor
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Lohnendes und Ernüchterndes auf engem Raum vereint: Das Moskauer Rachmaninow Trio spielt Kammermusik von Anton Arenskij und bietet im Ganzen eine solide Leistung, die allerdings einer detaillierteren Betrachtung nicht standhält.

Wenn das Interesse an Tonträgern von einem forschenden und abenteuerlustigen Geist gelenkt wird und sich bevorzugt abseits des Standardrepertoires bewegt, muss man gelegentlich mit Überraschungen rechnen. Die Kompositionen Anton Stepanowitsch Arenskijs, eines in erster Linie als Musiktheoretiker und Lehrer bedeutender russischer Komponisten geschätzten Künstlers, finden in Mittel- und Westeuropa wenig Beachtung – deshalb zögerte ich nicht lange, als mir eine Einspielung des Moskauer Rachmaninow Trios begegnete. Das Ensemble widmet sich vorrangig der russischen Kammermusikliteratur und hat nun die beiden Klaviertrios von Arenskij auf eine CD gebannt. Beim Hören stellte sich schnell die Gewissheit ein, auf Kunstwerke mit einem sehr ergiebigen musikhistorischen Hintergrund gestoßen zu sein: Der in Sankt Petersburg ausgebildete Komponist nahm in seiner ästhetischen Haltung eine vermittelnde Position zwischen dem avantgardistischen, das spezifisch russische Idiom kultivierenden ‚Mächtigen Häuflein‘ und der mehr traditionsverhafteten, westlich orientierten Moskauer Schule ein. Die Stücke sind 1894 und 1905 entstanden, setzen die mit den Beiträgen Tschaikowskys und Rubinsteins begonnene Gattungstradition fort und sind meisterhaft gearbeitete, ausgereifte Konzertliteratur, die zu Unrecht selten außerhalb Russlands zu hören ist – durchaus eine Entdeckung für einen Liebhaber des musikalischen fin de siècle, als den ich mich bezeichnen darf.

Das d-Moll-Trio op. 32 besitzt einen ausladenden Kopfsatz, der fast ebenso lang dauert wie die drei anderen Teile. Die sparsam pedalisierten Klaviertriolen, welche das weitgespannte Geigenthema untermalen, werden recht beiläufig musiziert. Auch phrasieren die Streicher bisweilen nicht ganz eindeutig, so dass Auftakte wie Volltakte wirken und dem gesamten Beginn ein unsteter Eindruck anhaftet; zudem würde ich mir in den dialogischen Passagen der Durchführung etwas mehr artikulatorische Präzision wünschen. Es folgt ein apartes und in seiner Tonsprache höchst individuelles Scherzo, das stellenweise an die verspielten Kammermusiksätze Mendelssohns und Saint-Saëns’ erinnert und in seiner ätherischen Leichtigkeit einige Tücken birgt. Flageolett und spiccato der Geigenstimme werden nicht immer auf höchstem technischen Niveau verwirklicht, für die Klavier-Arpeggien könnte man sich ein ebenmäßigeres veloce denken. Dennoch wirkt die Darbietung schlüssig und vermittelt viel Musizierfreude. Eine getragene Elegie steht an dritter Stelle – die schön gestaltete Klavierkantilene über dem con sordino der Streicher wird später von der Violine übernommen. Hier finden die drei Musiker zu einer reifen, in sich ruhenden Darbietung, die nur unter der deutlichen Zurückhaltung der Cellistin gegenüber dem dominierenden Geiger leidet. Der knappe, aufgewühlte Finalsatz lebt vom Streichertremolo; Konturen gewinnt er erst in dem vom Cello vorgetragenen Seitengedanken, bevor in der zweiten Satzhälfte die Elegie und der Kopfsatz zitiert werden. In Arenskijs Kammermusik faszinieren mich die ruhigen Intermezzi innerhalb der bewegten Sätze, welche reizvolle Auflockerungen in dieser konzisen, formal höchst durchdachten Tonsprache darstellen.

Darbietung hinterlässt keinen bleibenden Eindruck

Das f-Moll-Trio op. 73, eine der letzten veröffentlichten Kompositionen Arenskijs, enthält viele tonal schweifende, in ihrem Affekt mehrdeutige Themengestalten. Die Grundtonart wird eher vermieden denn bestätigt, und das unauffällige Hauptthema zieht vorüber, um seiner Ausarbeitung Raum zu geben. Im Ganzen erscheint das Stück ein wenig sperriger und unzugänglicher als sein Schwesterwerk und benötigt, um sich voll zu entfalten, mehr Zuwendung, als ihm durch das Rachmaninow Trio zuteil wird – in der Musik scheint mehr zu stecken, als der Geiger Michail Zinman, die Cellistin Natalia Savinova und der Pianist Wiktor Jampolskij aus ihr herausholen. Auch dem langsamen Satz hätte ein engagierteres Musizieren gut getan: Die Melodien klingen lediglich schön, aber nicht anrührend, und im Zusammenspiel der beiden Streicher lässt die Intonation zu wünschen übrig. Das folgende Scherzo verkörpert in seinem differenzierten Pizzicato große klangliche Raffinesse. Als Finale ertönt, wie in Tschaikowskys wegweisendem Klaviertrio, ein Variationssatz mit einer Folge von tanzartigen Miniaturen. Auch hier fehlt es mir an Entschlossenheit – spannungslos und fast frei von individuellem Ausdruck wird das Klavier-Thema daher musiziert, und die Cellistin traktiert ihren Bogen zu harmlos, als dass tragende Kantilenen entstehen könnten. Erst die geheimnisvolle dritte und die marschähnliche vierte Variation überzeugen mich in ihrem Charakter.

Aus aufnahmetechnischer Sicht liegt ein befriedigendes Ergebnis vor: Alle Instrumente besitzen schöne und natürliche Klangfarben, der Nachhall des Aufnahmeraums ist dezent und eigentlich nur im Ausklang hörbar. Im Stereo-Panorama sind der Geiger und die Cellistin weit außen positioniert, was ihnen erschwert, ein Gegengewicht zu dem in der Partitur an sich nicht dominierenden Klavierpart zu bilden. Zudem wird das Cello in der Balance der beiden Streichinstrumente häufig benachteiligt. Das Schweizer Label Tudor präsentiert den Tonträger in einer nicht eben luxuriösen graphischen Gestaltung; auch das Booklet kann, mit einem etwas biederen Begleittext versehen, nicht glänzen. Es wird solide, aber nur selten aufregend musiziert – das vernachlässigte Repertoire wird durch diese Interpretation zwar gewürdigt, aber keinesfalls geadelt. Der lohnenden, auch als Bestandteil von Konzertprogrammen dankbaren Kammermusik Arenskijs wünsche ich, dass sich ihr in Zukunft andere Ensembles mit mehr Hingabe widmen mögen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Wendelin  Bitzan Kritik von Wendelin Bitzan,


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    Arensky, Anton: Klaviertrios Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tudor
1
18.10.2010
Medium:
EAN:

CD
0812973011521


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