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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Tiensuu, Jukka - Missa für Klarinette & Orchester

Kriikku zaubert mit Tiensuu


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Klarinetten-Virtuose Kari Kriikku ist der unbestrittene Star dieser CD mit drei Werken aus der Feder des Finnen Jukka Tiensuu.

Vor einigen Jahren hörte ich im Radio ein Klarinettenkonzert. Ich hatte während der Übertragung zugeschalten und kannte den Namen des Komponisten und des Solisten nicht. Der Eindruck war verblüffend: Was der Klarinettist hier an Läufen, Figurationen und neuartigen Klängen aus seinem Instrument zauberte, mochte man kaum glauben. Dazu kam ein Orchester, das außergewöhnlich farbenreich klang und virtuos gehandhabt wurde. Restlos begeistert wartete ich auf das Ende. Nach dem frenetischen Applaus des Publikums nannte der Radiomoderator die beteiligten Musiker: Kari Kriikku hatte das Klarinettenkonzert von Magnus Lindberg gespielt. Mittlerweile haben sich Kriikkus instrumentale Fähigkeiten herumgesprochen, Lindbergs Landsmann Jukka Tiensuu (geb. 1948) hat bereits zwei Konzerte für den Ausnahme-Klarinettisten komponiert. 'Puro' entstand 1989 und zählt – so Beiheft-Autor Kimmo Korhonen – zu den meistgespielten finnischen Bläserkonzerten überhaupt. 18 Jahren später schrieb Tiensuu sein zweites Klarinettenkonzert 'Missa', das auf dieser CD zu hören ist. Zwei weitere Werke, das Orchesterkonzert 'Vie' (2007) und die drei 'False Memories' aus dem Jahr 2008 ergänzen das Komponisten-Portrait. John Storgards leitet das Helsinki Philharmonic Orchestra.

Das Konzert aufgrund des Titels als 'Messe für Klarinette und Orchester' zu bezeichnen, wäre wohl verfehlt – auch wenn die sieben Abschnitte Titel aus dem lateinischen Mess-Ordinarium tragen. Tiensuu schrieb ein Instrumentalkonzert, das präzise auf den Virtuosen Kriikku zugeschnitten ist. Dieser spielt oft solo oder nur dezent begleitet, dazwischen gibt es vereinzelte orchestrale Eruptionen. Kriikku verstärkt mit dieser Einspielung noch den Eindruck aus Lindbergs Klarinettenkonzert. Was er hier an Technik, Dynamik und differenzierten Klängen aus seinem Instrument zaubert, darf als maßstabsetzend gelten; Tiensuus meisterhafte Kenntnisse des Instrumentes ermöglichen es Kriikku, neue Dimensionen des Instrumentes zu erreichen. 'Missa' ist dabei insgesamt eher ein Werk der leisen Töne, nur selten (etwa im 'Gloria', Track 4) kommt es zu expressiven Ausbrüchen. Zusammengehalten wird das kontrastreiche Stück von Storgards, dem es gelingt, Solist und Orchester zu einer Einheit zu verschmelzen, ohne Kriikkus herausragende Position zu beschneiden. Auch die Klangtechnik hat diese Aufgabe hervorragend gemeistert, Klarinette und Orchester stehen in einem sehr gut ausgewogenen Balance-Verhältnis.

'Vie' zeigt Tiensuu von seiner klangprächtigeren, verschwenderischen Seite. Wie er hier die Instrumente virtuos dialogisieren lässt, erinnert an die besten Gattungsbeiträge von Bartok und Lutoslawski. Das Werk entfaltet eine regelrechte Sogkraft, die vom erstklassigen Spiel der Musiker aus Helsinki noch unterstrichen wird. Im Verlauf der 18 Minuten kann praktisch jeder Instrumentalist sein Können demonstrieren. Meinem Geschmack nach wirkt das extrovertierte, lebendige und klanglich eher herbe Orchesterkonzert zwingender als das nachdenklich-lyrische Klarinettenkonzert. Erstklassig musiziert wird in beiden Kompositionen. Etwas blasser erscheinen die drei 'False Memories', deren Untertitel 'Morphosen für Orchester' an Richard Strauss‘ 'Metamorphosen' erinnert – weitere Parallelen eröffnen sich jedoch nicht. Der vorwärtstreibende Puls von 'Vie', die Virtuosität der 'Missa' fehlen hier. Wie souverän Storgards das Orchester durch die eher sperrige Partitur leitet, ist dennoch hörenswert.

'Vie' und 'Missa' zeigen Tiensuu als Orchesterkomponisten, der in puncto Handwerk und Inspiration keinen Vergleich scheuen muss. Kriikkus überragendes Spiel ist ein weiterer Pluspunkt dieser CD. Sie ist auch Beleg für einen Trend: Allmählich wird sich niemand mehr der Erkenntnis verschließen können, dass Finnland zu den führenden kreativen Zentren der zeitgenössischen Musik zählt. Kaaja Saarjaho, Magnus Lindberg, Kalevi Aho und Jukka Tiensuu sind – soweit ich sehe – die vier herausragendsten Komponisten des Nordlandes, die bei aller stilistischen Verschiedenheit doch die stete Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten des frühen 21. Jahrhunderts eint.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tiensuu, Jukka: Missa für Klarinette & Orchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Ondine
1
01.11.2010
64:34
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761195116623
ODE 1166-2


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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