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Montag, 3. August 2020

Händel, Georg Friedrich - Der Messias

Mit Gespür und Finesse


Label/Verlag: ORF
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Musica Saeculorum unter Philipp von Steinaecker legt mit dieser Live-Aufnahme ein beglückendes Beispiel dafür vor, wie eine gelungene Interpretation von Händels 'Messiah' heute klingen kann.

Ein Aspekt des umfangreichen Schaffens des Komponisten Georg Friedrich Händel, der als Deutscher gewissermaßen von den Briten adoptiert worden ist, erstaunt immer wieder. Händel scheint, auch wenn er mehrmals in seiner Laufbahn Schiffbruch erlitt, dennoch über einen untrüglichen Spürsinn verfügt zu haben, was sein Publikum hören will und wie er seine Musik damit gewinnbringend an den Mann bringen konnte. Ein Beispiel für diese Eigenschaft stellt zweifellos sein alle christlichen Feste übergreifendes Oratorium 'Messiah' (HWV 56) dar. Es gehört mit den Opern 'Rinaldo' (HWV 7) und 'Giulio Cesare in Egitto' (HWV 17) zu den Werken des Komponisten, in denen fast jede Nummer für sich genommen Hitpotential aufweist. Mit Sicherheit ein Grund dafür, dass es fast für jeden Dirigenten, der sich mit der Musik des 18. Jahrhunderts beschäftigt, zum guten Ton gehört, dieses Oratorium wenigstens ein Mal einzuspielen.

Aus diesem Grund ist der Tonträgermarkt absolut gesättigt zu bezeichnen. Dennoch: Um ein Bonmot, das ein alter Musiker über den 'Rosenkavalier' von Richard Strauss geprägt hat, hier ins Spiel zu bringen, wird dieses Stück Musik nicht einfacher. Grund genug zur Freude, dass das Ensemble Musica Saeculorum unter der Leitung seines Gründers Philipp von Steinaecker bei der ORF Edition Alte Musik eine Live-Aufnahme vorgelegt hat, die beglückende Momente bereithält.

Dieses projektweise zusammenkommende junge Ensemble, das sich aus Musikern verschiedener Formationen wie den English Baroque Soloists, dem Concentus Musicus oder dem Orchestra of the Age of Enlightenment zusammensetzt, liefert eine fein kultivierte, klangschöne Interpretation des Oratorienklassikers, die kaum Wünsche offen lässt. Stets durchhörbar wird mit viel Spielkultur in allen Instrumentenregistern musiziert und die nötigen Akzentuierungen werden anstandslos sauber gesetzt. Abgesehen von den nicht ganz so passend getroffenen Tempi in der Sinfonia (diesem Satz hätte etwas weniger Gravität ganz gut getan) oder dem 'Halleluja', das etwas bieder daherkommt, trifft Philipp von Steinaecker in Gangart und Rhythmus den richtigen Ton. Außerdem erweist er sich als sehr umsichtiger Begleiter der Solisten und des Chores.

Die vier Hauptsolisten, zu denen noch drei Chorsoli hinzutreten, sind durchweg sehr gut und zu ihren jeweiligen Aufgaben passend besetzt. Ruby Hughes lässt eine kristallklare und glockenhelle Sopranstimme vernehmen, deren Interpretationen der koloratursatten Arie 'Rejoice greatly' wie ihrer berührenden Schwester 'I know that my Redeemer liveth' aufhorchen lassen. Ihr steht dabei der klangschöne satte Mezzo der Barockspezialistin Kristina Hammerström in nichts nach. Intonatorisch sauber und mit viel Raffinesse macht sie Arien wie 'O thou that teleth good tidings' und vor allem die große Alt-Arie 'He was dispised' zu Höhepunkten dieser Produktion. Auch der österreichische Tenor Daniel Johannsen erweist sich als firmer Gestalter seiner Partie. Beeindruckend ist vor allem die Wandlungsfähigkeit seines hell timbrierten Tenors. Dies zeigt sich vor allem im Eröffnungsrezitativ 'Comfort ye', das er zur veritablen Erzählung ausbaut (besonders hervorgehoben sei seine sauber Diktion und sein Vergnügen am Gestalten) und am mit ätzendem stimmliche Einschlag gesungenen Rezitativ 'All they that see Him'. Einen leider nicht ganz so guten Tag hatte bedauerlicherweise der ausgewiesene Bach- und Händelsänger Dominik Wörner erwischt. Der Bassbariton kämpft auf dieser Aufnahme immer wieder mit der Intonation, und vor allem die langen Töne in der Trompeten-Arie (grandios von Fruszina Hara gespielt) erweisen sich als nicht besonders sauber geführt. Dennoch kann auch ihm ein großes Gespür für seine Partie attestiert werden.

Zu den Schmuckstücken dieser auch von klangtechnischer Seite sehr gelungenen Einspielung gehört mit Sicherheit das kammermusikalisch besetzte Chorensemble, das mit jeweils nur vier im Sopran bzw. drei Sängern in den anderen Stimmlagen besetzt ist. Diese kluge Besetzungsentscheidung führt zu einem sehr durchsichtigen Ensembleklang, in welchem jede Stimme sehr gut mit der anderen harmoniert. Auch tut diese kleine Chorbesetzung gerade bei den virtuos-kontrapunktisch ausgearbeiteten Chorsätzen gut, da die stets herausfordernden Koloraturen sauber und ohne Irritationen erklingen und sich entwickeln können. Ein Jammer nur, dass, aus welchen Gründen auch immer, der Chor 'Lift up your heads', dessen tänzerische Qualitäten stets Chor und Orchester fordern, bei diesem Konzertmitschnitt ausgelassen wurde.

Erwähnung verdient schließlich auch das Bonusmaterial, das dieser feinen Einspielung des 'Messiah' beigegeben ist. Auf zwei weiteren CDs befindet sich im Radiosendungsstil gehaltenen Collage des Produzenten Bernhard Trebuch mit und über den 2013 verstorbenen Musikwissenschaftler und Händel-Forscher Winton Dean mit dem Titel ‚He knew humanity‘ aus dem Jahr 2009. In einer Mischung von anekdotenreicher Erinnerungsarbeit und der lebhaften Nacherzählung zahlreicher Erlebnisse eines Händel-Forschers, der stets ganz nahe an den Quellen gearbeitet hat, entfaltet sich eine Dokumentation des Lebens dieser Forschergröße. Für Liebhaber alter Händel-Aufnahmen aus den 50er Jahren hält diese Collage etwas besonders erfreuliches bereit. Dean öffnete seine Plattensammlung und steuerte Auszüge aus verschiedenen Opern- und Oratorienaufnahmen bei, die dokumentieren, wie Händels Musik vor nunmehr bald 70 Jahren musiziert worden ist.

Wer nach einer sehr gut gemachten Live-Produktion von Händels 'Messiah' sucht, dem sei diese Interpretation von Musica Saeculorum unter Philipp von Steinaecker aus dem Dom zu Brixen wärmstens ans Herzen gelegt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Simon Haasis Kritik von Simon Haasis,


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    Händel, Georg Friedrich: Der Messias

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORF
4
18.02.2011
Medium:
EAN:

CD
9004629314877


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ORF

Wer hätte gedacht, dass sich die "ORF Edition Alte Musik" in wenigen Jahren zu einem international renommierten Label entwickelt. Mit vielen Plattenpreisen ausgezeichnet, umfasst die Edition nun hundert Titel. Künstler der Edition feiern mit Freunden und Gästen im Palmenhaus.

"Alte Musik - neu interpretiert"
Die ORF Edition Alte Musik feiert ihren 100. Titel
Zum Jubiläum der «ORF Edition Alte Musik» zu schreiben, heisst zuerst einmal, all denen zu danken, die mitgeholfen haben, die über 100 CD aus der Taufe zu heben, vor allem den Musikern, die ihre ganze künstlerische Kraft gaben und schließlich auch jenen, die die fertigen Produkte gekauft haben. Und das sind viele: so könnte im Schnitt jedes Ö1-Club-Mitglied zwei Titel der Edition besitzen. Ich bedanke mich herzlich!

Ziel dieser Edition ist es, musikalisches Neuland zugänglich zu machen (ich denke hier in erster Linie an die Unica-Reihe, in der bisher ungehobene Schätze veröffentlicht, werden oder die Serie "paradise regained - polyphonie der renaissance") und neben bereits renommierten Künstlern auch Newcomers der Szene zu präsentieren. Die Akzeptanz der Aufnahmen beim Publikum und der Presse ist hoch. Mit vielen internationalen Preisen - wie etwa dem begehrten "diapason d'or" in Frankreich oder den "5 stars" des Goldberg Magazine - ausgezeichnet, ist die Edition heute eines der weltweit führenden Labels für Alte Musik.
Glücklicherweise wurde das Projekt von Anfang an von leidenschaftlichen Menschen, Kollegen, Künstlern und Publikum mitgetragen und gefördert: Gerhard Weis, der als Generalintendant und Händel-Fan die Edition erst ermöglichte, Freunde und Stars wie Nikolaus Harnoncourt, Jordi Savall, William Christie, Marc Minkowski, Christophe Rousset, Ton Koopman, Philippe Herreweghe, Gustav Leonhardt, René Jacobs oder Giovanni Antonini, die das Einverständnis zur Veröffentlichung ihrer Aufnahmen in der Edition gaben und schließlich von den Aufnahmeleitern Wolfgang Sturm, Erich Hofmann und Wolfgang Racher. Ohne den Einsatz, das Interesse an neuen Formaten und unorthodoxen Aufnahmeverfahren und ohne eine große Portion Idealismus von Technikern wie Robert Pavlecka, Josef Schütz und Klaus Wachschütz hätte vieles nicht stattfinden können. So wurden in der Edition die ersten 5.1-surround Aufnahmen und die ersten SACD des ORF veröffentlicht.

Für mich ist freilich dieses Jubiläum ein Anlass, auch über die Zukunft der Edition, ja die Zukunft der sogenannten "Alten Musik" generell nachzudenken. Die medialen Entwicklungen der jüngsten Zeit lassen Böses erahnen. Praktisch jedem wird Werkzeug in die Hand gegeben, um sich mittels Video oder Audio z. B. per Podcast zu verwirklichen. Eine Informations- und Datenflut bricht auf uns herein. Eine gigantische Welle, die wohl zum Großteil zu entsorgenden Müll mit sich schwemmt.
Informationen, die auf allgemeines Desinteresse stoßen, niemanden - außer wenigen - interessieren. Freiheit und Möglichkeit für alle, sich zu produzieren. "Man muss ja nicht hinschauen oder -hören!" - Doch dazu muss der Mensch erst motiviert werden. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass gerade die Alte Musik mit ihren oft klaren Strukturen, Harmonien und Melodien den Menschen das gibt, was viele suchen: emotionelle Identifikation. Gerade diese Möglichkeit der Identifikation wird in Zukunft an Wert gewinnen, wenn auch Musikkultur immer mehr zur Eventkultur, wenn ganz individuell erkannte und gewonnene Inhalte durch global geprüftes, vorgekautes "Gourmet-Menü" in Frage gestellt werden. "Fast food" oder "Mainstream" wird Alte Musik nie sein! Dass sie weiterhin an Publikum gewinnt, zeigt sich auch an der Akzeptanz der ORF Edition Alte Musik.

Bernhard Trebuch
Herausgeber der ORF Edition Alte Musik


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