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Samstag, 22. Januar 2022

Wagner, Richard - Parsifal

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Label/Verlag: Mariinsky
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mehr Bühnenweihfestspiel als Oper: definitiv eine interessante, wohl absichtlich "schwierige" Neueinspielung von Wagners 'Parsifal' durch das Mariinsky Theater.

Neuaufnahmen von Richard Wagners Opern beziehungsweise Musikdramen erscheinen heutzutage aus Kostengründen und der oftmals hohen Qualität älterer Aufnahmen eher selten. Wenn es dann doch eine gibt, wie etwa den 'Lohengrin' von 2009 unter Semyon Bychkov, kommt das einem kleinen Ereignis gleich. Nun hat das wohl renommierteste Opernhaus Russlands, das Mariinsky Theater aus St. Petersburg, unter seinem eigenen Label eine Neudeutung des 'Parsifal' herausgebracht. Für Wagnerianer ist das natürlich ein Grund zum Aufmerken. Hat man neben Sängern des eigenen Ensembles doch Größen wie René Pape, Violeta Urmana und Gary Lehman engagiert. Auch stand Wagners Bühnenweifestspiel in drei Akten in letzter Zeit wieder auf dem Spielplan des Mariinsky Theaters, die daraus resultierende Erfahrung von Chor und Orchester tritt also hinzu. Gebündelt wird das Ganze umsichtig vom künstlerischen Leiter und Generaldirektor des Theaters Valery Gergiev.

‚Umsichtig‘ – damit ist ein zentrales Charakteristikum dieser Neueinspielung des Wagnerschen Spätwerks benannt. Vergleicht man den Mariinsky-'Parsifal' etwa mit dem von Knappertsbusch aus Bayreuth von 1962, fällt sofort die Ausgewogenheit der Neudeutung ins Ohr. Wo ein Knappertsbusch im Vorspiel einzelne Stimmen zugunsten des melodischen Primats hervorhebt, wie etwa die der Celli, sind die Melodiestimmen bei Gergiev ganz in ihre Begleitung eingewebt. Kein noch so kleines Detail geht hier verloren, alles wird in der perfekten Akustik der erst 2006 eröffneten Mariinsky Concert Hall eingefangen und in einen unwahrscheinlich transparenten SACD-Klang umgewandelt. Was live so wohl niemals möglich wäre, wird durch neueste Technik realisiert. Einerseits liegt darin natürlich der große Vorteil dieser Neueinspielung, die alleine durch ihr Klangbild besticht. Vokal- und Orchesterpart stehen in einem Verhältnis, wie es gleichberechtigter nicht sein kann und wie man es sich eigentlich schon immer gewünscht hat.

Auf der anderen Seite liegt in dieser Balance aber ein Preis, den vielleicht nicht jeder Wagnerianer zu zahlen bereit sein wird. Denn dieser 'Parsifal' mit seiner fahlen Chromatik und zeitenthobenen Statik klingt ganz der Erde enthoben, so als schwebe der spirituell aufgeladene Orchesterklang im Weltraum: klar und jenseitig, aber zugleich seltsam unemotional, aller Schwere, dem ‚irdischen‘ Drama enthoben. Man mag sich fragen, ob Gergiev der Musik damit einen großen Gefallen tut, indem er ihre Andersartigkeit, ihr Herausfallen aus dem typisch Opernhaften, so stark betont. Sicher ist solch ein Zug im Werk selbst angelegt, allerdings erschwert die Zurücknahme der Kantabilität und des Dramatischen zugunsten einer ‚höheren‘ Spiritualität den Zugang eher als ihn zu erleichtern. Gergiev versucht nicht, den gegenüber dem 'Ring' viel feingliedrigeren Orchestersatz durch ein Herausarbeiten der Instrumentalfarben bunter klingen zu lassen. Alles bleibt so spartanisch und zurückgenommen, wie es vermutlich sein soll. Auf diese Weise wird die Askese rund 260 Minuten lang gewissermaßen zum Programm. Von einem Wagnerschen ‚Klangzauber‘ darf daher nur eingeschränkt die Rede sein, wenngleich das Orchester tadellos spielt und seine eigene individuelle Klasse auch so transportiert.

Der interpretatorische Ansatz der Gesangssolisten fügt sich lückenlos in das Bild ein. Réne Pape könnte als Gurnemanz gar nicht weihevoller klingen. Sein schwerer, gleichwohl beweglicher Bass verleiht der Aufnahme ein festes Fundament. Gary Lehmans Parsifal klingt dagegen etwas klein und distanziert, doch wird er seiner Aufgabe gerecht. Violeta Urmana darf im zweiten Akt als einzige Figur einmal verführerische Töne anschlagen. Grade aber die ‚sündige‘ Färbung dieser, obendrein scheiternden Verführung gelingt ihr ausgezeichnet. Zudem leidet sie ansonsten sehr authentisch. Jewgeni Nikitin als Amfortas und Alexei Tanowitski als Amfortas und Titurel fallen dagegen weniger auf. Gegen Ende des dritten Aktes klingt Tanowitskis Bass zudem etwas strapaziert, das mag jedoch ebenso der Fatalität seiner Rolle geschuldet sein. Der merkwürdig ins Deutsche übersetzte, doch informative Booklet-Text verlegt das Landhaus Tribschen vom Vierwaldstättersee an den Genfer See. Das Libretto ist mit enthalten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wagner, Richard: Parsifal

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Mariinsky
4
01.10.2010
Medium:
EAN:

CD
822231850823


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Mariinsky

Das Mariinsky-Theater gehört zu den renommiertesten Opernhäusern der Welt. Zu Sowjetzeiten in Kirow Theater unbenannt, trägt es seit 1992 wieder seinen ursprünglichen Namen. Seit 1996 ist Valery Gergiev dem Haus als künstlerischer Leiter und Intendant verbunden. Auf dem hauseigenen Label werden die herausragende künstlerische Leistung dieses traditionsreichen Hauses dokumentiert. Das Repertoire umfasst neben Oper auch das große symphonische und konzertante Repertoire des 19. und 20. Jahrhunderts.


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