> > > Frescobali, Girolamo: Arie, toccate e canzoni - Anthonella
Montag, 6. Juli 2020

Frescobali, Girolamo - Arie, toccate e canzoni - Anthonella

Kleine japanisch-italienische Leidenschaften


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein schwedisches Label, japanische Musiker und ein italienischer Komponist namens Girolamo Frescobaldi. Wie passt das zusammen? Eine solche Frage sollte nicht mehr gestellt werden, schließlich musste man seine Meinung schon in Bezug auf Bach und japanische Musiker gründlich überdenken, nachdem das Bach Collegium Japan unter Masaaki Suzuki uns in regelmäßigen Abständen mit vorzüglichen Aufnahmen seiner Kantaten (BIS) beglückt. Und ist nicht ein berühmter japanischer Dirigent namens Seiji Ozawa Chef der Wiener Staatsoper? Und ist nicht ein kleines japanisches Geigenwunder namens Midori zu einer respektablen Interpretin herangewachsen? Die anfängliche Skepsis weicht solcherart überdacht auch im Fall dieser CD mit Toccaten, Arien und Canzonen von Girolamo Frescobaldi der schieren Neugier. Zu den vier augenfällig japanischen Musikern gesellt sich südamerikanische Unterstützung, Rafael Bonavita mit der Theorbe und der Barockgitarre.

Girolamo Frescobaldis Name ist möglicherweise heute geläufiger als es seine Musik ist. Für unsere Ohren, klingt sie etwas spröde und herb. Der Komponist selbst ist an der Schwelle von Renaissance und Frühbarock 1583 in Ferrara geboren und so ist auch seine Musik gleichsam Bindeglied zwischen beiden Epochen. Wer seine Ohren nicht an den vokalen Schöpfungen eines Willaerts, Josquins, Palestrinas oder di Lassos geschult hat, der wird die Entwicklung, die vor allem eine eigenständige Instrumentalmusik mit Frescobaldi nimmt, wenig zur Kenntnis nehmen können. In der unmittelbaren Nachfolge der reinen Vokalkomponisten entfaltet sich Frescobaldis Bedeutung als Neuerer. Bewusst hinhören und sich einhören ist entscheidend, um sich am rezitativisch-expressiven Stil seiner Vokalwerke für eine Singstimme und Begleitung erfreuen zu können. Diese Musik ist ganz aus dem Gehalt der Texte heraus gedacht, die Gesangslinie dient seiner Verdeutlichung und Ausdeutung und nicht umgekehrt. Die Instrumentalwerke lehnen sich eng daran an, tragen Titel wie Lieder und sind als ,Arien ohne Worte? zu begreifen.
Das Beiheft informiert über die Biographie Frescobaldis, sagt aber wenig zu den einzelnen Stücken und ihren übergeordneten Gestaltungsprinzipien.

Eher langsam, als schnell
Mit dem Ensemble Anthonello haben sich professionelle Sachwalter Frescobaldis Miniaturen gewidmet. Um die Arien nimmt sich die klare und schlanke Sopranstimme von Midori Suzuki an. Von wechselnden Instrumenten unterstützt, ist sie die trauernde Magdalena unter dem Kreuz Christi, beklagt sie sich über die Grausamkeit der Liebe und tanzt sie schwungvoll mit den Nymphen. Mit edler Stimmkultur verkörpert sie überzeugend die Seelen- und Gemütszustände, besonders in den Lamenti. Das ,Sonetto spirituale? der Magdalena gelingt ihr am ausdrucksstärksten. Ihr Gesang kommt vollkommen ohne Allüren aus, bisweilen fehlt es ihm aber an Pointiertheit. Suzuki bewahrt die bloße Klangkultur auch dort, wo der Text zupackende deklamatorische Schärfe erfordern würde. Das wirkt etwas einförmig, hätte doch auch das Italienische Konsonanten! Vielleicht ist es ein Kennzeichen der zurückhaltenden japanischen Art (womit ich doch wieder bei der ersten Frage wäre) allzu forsche Akzente zu meiden. Auch in der Begleitung deuten sich diese zwar merklich an, etwa in der ersten Arie ,Se l?aura spira?, doch so richtig springen die Musiker nicht auf diesen flotten Tanz an. Frescobaldi schreibt eigens in seinem Toccatenband von 1615, dass man in der Wahl der Tempi sehr frei sei, bald langsam, bald schnell. Anthonello wählt seine Tempi eher langsam als schnell, doch gewiss nicht unpassend schleppend. Um manches Stück zu befeuern hätten die agogischen Tempoverlangsamungen und Beschleunigungen allerdings kontrastreicher ausfallen können.

Insgesamt ist die Aufnahme trotz der Kritik ein überzeugendes, äußerst klangschönes Plädoyer für Frescobaldis Musik, gleichwohl die Ausführenden ihr wieder nicht ganz aus der Ecke der schwer zugänglichen, etwas langweiligen Vorläufer-des-Barock-Musik heraushelfen können.
Nun denn sei also die anfängliche Frage beantwortet: Der Italiener Frescobaldi und das japanisch-südamerikanische Ensemble Anthonello passen gut zusammen, doch eine leidenschaftliche Beziehung scheint es nicht zu sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Frescobali, Girolamo: Arie, toccate e canzoni - Anthonella

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
17.08.2001
63:38
2000
2001
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
7318590011669
BIS-CD-1166

Cover vergössern

Frescobaldi, Girolamo


Cover vergössern

Interpret(en):Hamada, Yoshimichi (Cornetto)
Suzuki, Midori (Soprano)
Ishikawa, Kaori (Viola da gamba)
Nishiyama, Marie (Harpsichord/Harp)
Bonavita, Rafael (Theorbo/Baroque Guitar)


Cover vergössern

BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag BIS Records:

  • Zur Kritik... Unbekannter Prokofjew: Das Symphonieorchester Lahti spielt unter Dima Slobodeniouk selten zu hörende Werke von Sergej Prokofjew. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Humane Stimme: Luciano Berios 'Coro' – ohne Zweifel Kunst von besonderer Form und erheblichem Rang. Und natürlich ein tolles Vehikel für den Norwegischen Solistenchor und das Norwegische Rundfunkorchester, ihre üppigen Fähigkeiten auszustellen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Vorzüglich: Ruby Hughes erweist sich immer deutlicher als eine Schlüsselsängerin des frühen 21. Jahrhunderts. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von BIS Records...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Thomas Vitzthum:

  • Zur Kritik... Schönste Wiener Kammermusik: Schwungvoll wienerische Kammermusik, gespielt von einem herausragenden Ensemble mit Wiener Wurzeln. Weiter...
    (Dr. Thomas Vitzthum, )
  • Zur Kritik... Nicht aus der Mode gekommen: So empfiehlt sich diese Aufnahme für Entdecker im Violinrepertoire, aber auch für Freunde knapper, inspirierter Neoklassik. Weiter...
    (Dr. Thomas Vitzthum, )
  • Zur Kritik... Undramatisch bekehrt : Frieder Bernius hat eine farbige, aber sehr undramatische Aufnahme des Paulus vorgelegt. Nichtsänger werden sie dennoch mögen. Weiter...
    (Dr. Thomas Vitzthum, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Thomas Vitzthum...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Kleine und große Welten: Christian Seibert hält ein überzeugendes Plädoyer für den Komponisten Nino Rota. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Pointillist: Tõnu Kõrvits überzeugt als Meister der Klangschattierungen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Unbekannter Prokofjew: Das Symphonieorchester Lahti spielt unter Dima Slobodeniouk selten zu hörende Werke von Sergej Prokofjew. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Carl Reinecke: Symphony No.3 op. 227 in G minor - Andante sostenuto.

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich