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Freitag, 22. September 2017

Schneller, Oliver - aqua vit

Klangräume und Irritationen


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die neueste CD aus der 'Edition Zeitgenössische Musik' des Deutschen Musikrats stellt die Musik des Komponisten Oliver Schneller vor und macht dabei auf einen sehr hörenswerten Zeitgenossen aufmerksam.

Zu Beginn seines einfühlsamen Booklettexts beschreibt Volker Hagedorn, ausgehend von einem Zitat aus Thomas Manns Roman ‚Der Erwählte‘, ein wildes Klangszenario: das mannigfaltige, aus vielen kleinen rhythmischen Abläufen und miteinander differierenden Klangräumen von unterschiedlichster Beschaffenheit generierte ‚babylonische Durcheinander‘ der läutenden Glocken Roms, das sich aber dennoch für den Hörer zu einer alles umgreifenden Gesamterscheinung zusammenfügt. Dieses vorweg genommene literarische ‚Hörbild‘ ist voller Bedacht gewählt, denn es dient dazu, eine Annäherung an die Musik von Oliver Schneller (*1966) und einige ihrer hervorstechendsten klanglichen Eigenarten vorzubereiten. Sechs Kompositionen des in Berlin lebenden Komponisten, entstanden in den Jahren 1998 bis 2010, sind auf dieser neuesten Wergo-CD aus der ‚Edition Zeitgenössische Musik‘ des Deutschen Musikrats versammelt – und sechs Mal überrascht die Veröffentlichung mit Einblicken in einen sehr stark profilierten und fantasievoll ausgeprägten Personalstil.

Tatsächlich arbeitet Schneller immer wieder mit unterschiedlich beschaffenen Klangräumen, die er durch intelligenten Einsatz von Live-Elektronik miteinander konfrontiert und gegeneinander ausspielt – und gelegentlich erinnert die Musik dabei tatsächlich an das eingangs geschilderte Glocken-Szenario. Am deutlichsten wird dies in der Komposition 'Resonant Space' für zwei Klaviere, zwei Schlagzeuger und Live-Elektronik (2005), die, wiedergegeben von Musikern des ensemble mosaik (Heather O’Donnell und Ernst Surberg, Klavier; Roland Neffe und Friedemann Werzlau, Schlagzeug), von einer klugen Inszenierung klanglicher Verschmelzungsprozesse lebt. Dass hier die differierenden Artikulationsformen der auf Tasten und Schlaginstrumenten erzeugten Klangaktionen zunächst recht gut voneinander unterscheidbar sind, sich jedoch im weiteren Verlauf aufgrund elektronischer Manipulation einander zunehmend annähern und schließlich bis zur Unkenntlichmachung ihrer individuellen Beschaffenheit in ein bewegliches Netz aus Schwingungen eingehen, trifft die Situation des Mann-Zitats recht genau.

Auch in 'Five Imaginary Spaces' für Klavier und Live-Elektronik (2001) lassen sich solche Wirkungen wahrnehmen, doch sind sie hier nicht nur ins Innere der Musik verlagert, sondern auch auf die Außenseite projiziert: Schneller leitet aus Heather O’Donnells präzisem, manchmal auch zerbrechlich anmutendem pianistischen Vortrag des Klavierparts auf elektronischem Wege die Entstehung von skulpturhaft anmutenden Klangszenarien mit unterschiedlichen räumlichen Qualitäten ab, wodurch wandelbare Spannungsverhältnisse zum Instrumentalklang aufgebaut werden, die gelegentlich in den Bereich mikrointervallischer Harmonik hineinreichen und als Resultat klanglich irritierende, aber auch in hohem Maße poetische Gebilde hervorbringen. In positivem Sinne irritierend erscheinen jedoch auch die facettenreichen Klangverschmelzungen, die der Komponist in seinem 'Trio' für Akkordeon, Violoncello und Klavier (1998), hier wiederum dargeboten von drei Mitgliedern des ensemble mosaik (Christine Paté, Akkordeon; Mathis Mayr, Violoncello, Ernst Surberg, Klavier) der ungewöhnlichen instrumentalen Kombination abgewinnt, indem er die Identitäten der Klangerzeuger vermischt und einander angleicht.

Dass Schnellers Musik manchmal assoziative Bilder hervorruft, liegt nicht nur, wie in 'Resonant Space', an den Klängen selbst, sondern auch an den Titeln. So lässt sich beim Hören von 'Aqua Vit' für acht Instrumente (1999) imaginieren, wie der Komponist zu seinen Ideen findet, hat er die hier realisierten Klangprozesse doch einer Spektralanalyse von Wasserklängen abgelauscht. Das Ensemble Court-Circuit interpretiert unter Leitung von Pierre-André Valade das Satzgewebe als fein verästeltes Netzwerk sich verändernder Farbwerte, die aus einem differenzierten kompositorischen Umgang mit dem Rhythmus resultieren. Die Musik erscheint hier – ohne den geringsten Anflug von Nervosität – agil und beweglich, wodurch die wenigen Ruhepunkte gegen Ende des Werkes umso deutlicher hervortreten. Schließlich zeigt sich Schnellers Fantasiereichtum im Umgang mit den gewählten Möglichkeiten auch in den beiden Kompositionen 'Stratigraphie I' (2006) und 'Stratigraphie II' (2010) für jeweils sechs Instrumente und Live-Elektronik, die – vom ensemble unitedberlin unter Titus Engel und dem Ensemble Cairn unter Guillaume Bourgogne eingespielt – sich dem Thema des Aufbaus aus klanglichen Schichten durch unterschiedliche Herangehensweisen widmen. Sie sind die willkommene Abrundung eines CD-Porträts, bei dem sich das genaue Hinhören auf alle Fälle lohnt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schneller, Oliver: aqua vit

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
01.11.2010
EAN:

4010228657920


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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