> > > Haydn, Joseph: Streichquartette op.64, Nr.1-6
Sonntag, 26. Januar 2020

Haydn, Joseph - Streichquartette op.64, Nr.1-6

Verpasste Chancen?


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auf die

Wer schon immer nach einer griffigen Formel für Haydns Quartette suchte, wird auf der Rückseite der neuesten Gesamteinspielungsfolge dieser Werke mit dem Auryn-Quartett (erschienen beim Label Tacet) unverhofft fündig. ‚Hier offenbart sich Haydns Musik als ideale Sprache der Wahrheit‘, heißt es da. Was genau das besagen soll, erfährt man zwar nicht; aber während man sich noch fragt, wo in dem folgenden Satz der Wurm steckt (‚Und die Auryns musizieren seine Streichquartette wie es (?) sein sollte‘), möchte man nach dem Anhören der Aufnahme durchaus zustimmen, wenn es im Anschluss heißt, das Haydn-Quartettspiel ‚der Auryns‘ sei ‚männlich stark, klangschön und empfindsam‘.

Eindrucksvoll zeigt das gleich im ersten der hier eingespielten Quartette op. 64, dem in C-Dur: Weich und geschmeidig passt sich der typische, warm-gedämpfte Auryn-Klang Haydns Musik an, erweist sich beim flott genommenen 'Allegro moderato' des Eingangssatzes als elastisch und federnd im nach nunmehr fast dreißig Jahren traumwandlerisch sicheren Miteinander der vier Musiker.

Schwanken

Gleiches gilt allerwärts von der makellos vollen, gerundeten Tongebung des Quartetts, das nicht durch Raubeinigkeit zu glänzen versucht – begrüßenswert, da derlei bei Haydn erfahrungsgemäß zu wenig befriedigenden Ergebnissen führt. Und mitunter meint man in dieser Interpretation schon die Zukunft der Gattung sich ankündigen zu hören, etwa in jenem nach D-Dur klingenden h-Moll-Violinsolo zu Beginn des zweiten Quartettes, das in einen fast tragisch sich ausnehmenden Halbschluss mündet – oder dort, wo im langsamen Satz des D-Dur-Quartetts das Thema nur von den beiden Violinen vorgetragen wird – aber in Moll. Schubert lässt grüßen.

Vielleicht kein Wunder, dass das bei ‚den Auryns‘ so sehr nach Romantik klingt: Rühmt man ihnen an doch gern und zu Recht jene ‚klassischen‘ Tugenden des Quartettspiels (wie z.B. Sinn für Sanglichkeit, Dichte und Homogenität des Klangs), die – nach Ansicht mancher – besonders gut auf die Werke dieser Epoche passen. Und vielleicht bleibt man eben deshalb im Zweifel, ob hier wirklich eine gültige Prägung für Haydns Quartette gefunden wurde. Denn wirklich zu fesseln vermögen sie auf dieser CD nicht. So wohltönend sie daherkommen: Hätte vielleicht ein dezidierteres Ansetzen bei der lakonisch-witzigen Formulierung, beim dialogischen Moment statt bei der Klangschönheit zu einem besseren Ergebnis geführt? Ein Ausgehen auf ein ‚strukturell‘ orientiertes Spiel, das das musikalische Geschehen hörbar macht, statt auf das lineare Fortströmen der Musik?

Mehr Charme als Witz

So scheint ja zum Beispiel das erwähnte harmonisch doppeldeutige Thema des h-moll-Eröffnungssatzes seine dynamische Kraft eher aus dem Changieren zwischen den Tongeschlechtern zu beziehen als aus einem schubertschen Schwanken zwischen Freude und Schmerz, der Trugschluss weniger Hoffnungslosigkeit zu evozieren als eine weitere eulenspiegelhafte Dreingabe zur Uneindeutigkeit des Themas zu sein. Die Möglichkeiten dynamisch und dramatisch differenzierender Gestaltung bleiben weitgehend ungenutzt, so etwa im Eingangssatz des finalen Es-Dur-Quartetts, dessen monothematische Anlage ein durchleuchtendes Musizieren als besonders wünschenswert erscheinen lässt. Verpasst wird damit die Chance, den Hörer die Überraschungen und zugleich die innere Konsequenz des Stückes verstehen oder doch mindestens nachvollziehen zu lassen.

All das ist freilich bis zu einem gewissen Grad Deutungs-, letzten Endes auch Geschmackssache. Fest steht: Das Auryn-Quartett bietet einen in guter Tradition und auf sehr hohem Niveau musizierten Haydn, an dem man sich schon wegen der ‚schieren Schönheit‘ (Cover-Rückseite) des Klangs erfreuen kann. Wem freilich mehr nach dem Witz des ewigen Papas der Musikgeschichte ist als nach seinem einwickelnden Charme, der wird vielleicht zu einer anderen Aufnahme greifen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Haydn, Joseph: Streichquartette op.64, Nr.1-6

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tacet
2
25.10.2010
Medium:
EAN:

CD
4009850018902


Cover vergössern

Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Tacet:

  • Zur Kritik... Halbzeit: Diese Umrundung der mittelalterlichen Ostsee lässt man sich gefallen: In der aktuellen Folge mit Musik aus Schweden und Finnland, seriös und mit stupender künstlerischer Geste geboten vom Ensemble Peregrina und Agnieszka Budzinska-Bennett. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Pianistik des 19. Jahrhunderts: Diese über hundert Jahre alte Aufnahmen geben uns eine Ahnung von den pianistischen Künsten des 19. Jahrhunderts. Den Vergleich mit aktuellen Einspielungen braucht diese CD nicht zu scheuen. Weiter...
    (Sebastian Rose, )
  • Zur Kritik... Sinfonischer Kreis: Beethovens Sinfonien im Real Surround Sound: ein faszinierendes Klangbühnenerlebnis. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
blättern

Alle Kritiken von Tacet...

Weitere CD-Besprechungen von Gero Schreier:

  • Zur Kritik... Explosiv, dissonant, introvertiert: Das Arcadia-Quartett hat Béla Bartóks Streichquartette eingespielt. Frühere Aufnahmen des Ensembles weckten hohe Erwartungen. Weiter...
    (Gero Schreier, )
  • Zur Kritik... Über die Liebe: Einen Erkundungsgang ins musikalische Mittelalter bietet das Ensemble Trobar e Cantar. Die Liebe ist das verbindende Thema. Weiter...
    (Gero Schreier, )
  • Zur Kritik... Frisch im Duktus: Frieder Bernius und seine Stuttgarter Ensembles legen eine weitere Einspielung einer Zelenka-Messe vor. Die lässt sich hören. Weiter...
    (Gero Schreier, )
blättern

Alle Kritiken von Gero Schreier...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Ehrenwertes Handwerk: Louise Farrenc war eine veritable Klavierkomponistin, doch Aufnahmen ihrer Solo-Werke bleiben eine Seltenheit. Biliana Tzinlikova schließt einerseits diskographische Lücken und liefert zudem zwei gute Alternativ-Einspielungen. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Wenn Pferde singen: Zwei einfallsreiche Schweizer Musiker wagen ein interessantes Experiment und verwandeln Eurodance-Hits in klassische Kunstwerke. Weiter...
    (Maxi Einenkel, )
  • Zur Kritik... Virtuose Lässigkeit: Claire Huangci begeistert mit polnischem Repertoire auf ihrem ersten Konzertalbum. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2020) herunterladen (2483 KByte) Class aktuell (4/2019) herunterladen (4308 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich