> > > Lang, Bernhard: Die Sterne des Hungers
Donnerstag, 23. Mai 2019

Lang, Bernhard - Die Sterne des Hungers

Wuchernde Wiederholungen


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Neues von Bernhard Lang, der sein Spiel mit den Wiederholungen deutlich differenziert hat.

Selten findet man in der aktuellen Musik einen Komponisten, der mit einer solchen Stringenz und konzeptuellen Kraft zu Werke geht wie Bernhard Lang. Über lange Jahre hindurch hat er seine Musik dem Prinzip von Differenz und Wiederholung gewidmet, das Gilles Deleuze in seiner gleichnamigen Habilitationsschrift so eindrücklich erläutert hat. Das Wiederholungskonzept hat Bernhard Lang in einer neuen Werkreihe nun erweitert. Seit 2007 entstehen Stücke mit dem Titel 'Monadologie', ein Terminus, der Gottfried Wilhelm Leibniz entliehen ist. Die Urmonade ist in den meisten Fällen ein Zitat aus der Musikgeschichte, die in unterschiedlichen Wiederholungsprozessen weiterwuchert und so zu ganz neuen Formen findet. Als Metakompositionen, die sich mit der Musikgeschichte auseinandersetzen, bezeichnet Lang dann auch seine Monadologien. Von dieser neuen Kompositionsweise zeugt eine Einspielung des Klangforum Wien, die jüngst bei Kairos erschienen ist. Neben der 'Monadologie VII' findet sich auf ihr 'Die Sterne des Hungers' für Mezzosopran und Ensemble, ein Stück, das keiner Werkreihe zugeordnet ist, jedoch in seiner Struktur unverkennbar auf das monadologische Prinzip hinweist.

'Die Sterne des Hungers' bezieht sich auf Gedichte von Christine Lavant, aus denen mithilfe eines Textgenerators im Zufallsmodus eine Collage erstellt wird – das Original wird dabei in DJ-Manier neu gemischt, in seiner Haecceitas jedoch nicht angetastet. In das Werk interpoliert ist Musik von Guillaume de Machaut, dessen Rondeau 'Ma fin est mon commencement' nach 20 Takten im Original exakt rückwärts läuft. Auch in den anderen Teilen färbt der Satz de Machauts Langs Musik immer wieder subtil ein, so dass man die Komposition durchaus als einen wichtigen Schritt hin zur Monadologie-Werkreihe betrachten darf, die sich als Auseinandersetzung mit zentralen Werken der Musikgeschichte und ihrer Rezeption im heutigen Hören versteht.

'…for Arnold' ist der Untertitel der 2009 entstandenen 'Monadologie VII', der somit gleichzeitig auf zwei wichtige Bezugspersonen hinweist: auf Arnold Schönberg, dessen Zweiter Kammersymphonie Bernhard Lang das musikalische Material seines Ensemblestücks entnommen hat, und auf den österreichischen Filmemacher Martin Arnold, dessen kunstvolle filmische Loopsequenzen zu den wichtigsten Inspirationsquellen für Lang gehören. Aus den Readymades entstehen Variationen, feine Differenzen ergeben sich in raffinierten Wiederholungsschemata, die unglaublich dynamisch und in keiner Weise monoton sind. Bernhard Lang gehört zu einer Generation von medienreflektierten Komponisten. In Zeiten, in denen die allgemeine Hörerfahrung vor allem durch Musikgeräte geprägt ist, die auf eine standardisierte Wiederholungstechnik getrimmt sind, ändert sich das Bewusstsein für Musik grundlegend. Es scheint, dass Walter Benjamins Traktat über das ‚Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‘ erst jetzt so richtig in der Musikwelt angekommen ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lang, Bernhard: Die Sterne des Hungers

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
12.11.2010
EAN:

9120010281662


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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