> > > Mattila, Karita : Helsinki Recital
Mittwoch, 20. Oktober 2021

Mattila, Karita - Helsinki Recital

Gleichgemacht


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eigentümlicherweise zeigt das Bonusmaterial dieser DVD Karita Mattila in weitaus besserer Verfassung als in dem mitgeschnitten Konzert.

Der 1945 geborene Amerikaner Martin Katz ist ein Pianist, dem man kein X für ein U vormacht. Er hat sich intensiv mit Barock- und Belcanto-Oper befasst, ist der Öffentlichkeit aber bekannt als Begleiter vieler Stars, die auf einen Klavierpartner bauen, der sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern die Sänger im besten Licht erstrahlen lässt. Zu ihnen zählten innerhalb von dreißig Jahren u. a. Renata Tebaldi, Marilyn Horne, Evelyn Lear, Cecilia Bartoli, Kathleen Battle, Kiri Te Kanawa, Sylvia McNair, Frederica Von Stade, Judith Blegen, David Daniels und José Carreras. Auch mit der Finnin Karita Mattila hat er häufiger zusammengearbeitet. Aus dem Opernhaus Helsinki stammt der vorliegende Mitschnitt zweier Konzerte vom 1. und 8. Oktober 2006.

Vier Hauptgruppen enthält Mattilas Liederabend – Duparc, Saariaho, Rachmaninoff und Dvorák. Und der Weltstar zeigt sich schon in den ersten Takten für die Bereiche unterschiedlich gut geeignet. Auch wenn sie über strahlende Höhe verfügt, mangelt es Mattila an der Leichtigkeit und Eleganz für die Duparc-Lieder. Ein direkter Vergleich mit Felicity Lott, der sie vom Timbre her hier nicht ganz unähnlich ist, erweist die Britin als nicht nur der Sprache ein wenig flüssiger mächtig, sondern auch schlichter und natürlicher. Jede Phrase in 'L‘invitation au voyage', 'Romance de Mignon', 'Au pays où se fait la guerre', 'Chanson triste' und 'Phidylé' ist sorgsam aufgebaut und klug gesteigert, aber eben denn doch einen Hauch zu sehr auf den Effekt hin kalkuliert. Leider sind auch ihre Register nicht mehr ganz bruchlos verbunden – am stärksten wirkt sie im Forte der Brustlage, am schwächsten bei Haltenoten.

Auch die 'Quatre instants' der Finnin Kaija Saariaho, 2002 für Karita Mattila komponiert, scheinen Mattila nicht mehr rundum optimal in der Kehle zu liegen. Auch hier ist ihr Französisch nicht wirklich idiomatisch, doch spürt man jeden Moment tiefe Emotion; kongenial setzt sie Saariahos Klangvorstellungen vom strahlenden Spitzenton über die lyrische Linie bis hin zum Röcheln um. Hier stören auch kleinste Unebenheiten der Stimme nicht im Geringsten – alles ist hier der Emotion untergeordnet.

Mattilas blühender Ton lässt den Text auch von Sergej Rachmaninoffs Liedern ('Ne poi, krasavitsa' op. 4 Nr. 4, 'Sumerki' op. 21 Nr. 3, 'Otrivok iz A. Myusse' op. 21 Nr. 6, 'Muza' op. 34 Nr. 1 und 'Kakoje stskastje' op. 34 Nr. 12) eher zur Nebensächlichkeit werden – sie findet keinen wirklich eigenen Ton etwa im Vergleich zu ihrem Duparc. Dies ist ein schweres Manko; andere Sängerinnen oder Sänger berühren da unmittelbarer, auch wenn man den Text nicht verstehen mag.

Auch Antonín Dvoráks 'Zigeunerlieder' op. 55 verlieren bei Mattila ihren durchaus eigenen ‚böhmischen‘ Ton – andere Sängerinnen haben das nicht nur viel idiomatischer, sondern auch mit mehr Überzeugung dargeboten, auch wenn Mattilas emotionaler Einsatz für die Musik jeden Moment intensiv spürbar ist.

Als Zugaben gibt Mattila 'Golden Earrings' von Victor Young; sogleich fällt auf, dass ihr Englisch stärker überzeugt als ihr Französisch, Russisch oder Tschechisch, aber auch, dass sie auch hier mehr kalkulierende Sängerin denn seduktive Chansonette ist – und das finnische Volkslied 'Minun kuftani kaunis on' (eingerichtet durch Ralf Gothóni). Hier scheint sich Mattila nun endlich von allen Fesseln befreit zu fühlen: Nicht nur in Gestik und Mimik wird dies offenbar, sondern auch in den Freiheiten, die sie sich rhythmisch und intonatorisch erlaubt. So ist sie schlussendlich in den Zugaben überzeugender als beim gesamten Hauptprogramm – der Spagat zum Abschluss (die Sängerin tritt barfuß auf) zeigt aber auch, dass man dieses Recital schlussendlich nicht zu ernst nehmen darf.

Wie zu erwarten ist Martin Katz ein diskreter Klavierpartner – für den Geschmack des Rezensenten zu diskret; ein gleichberechtigter Dialog zwischen Sängerin und Pianist findet nicht statt, zugunsten der Sängerin nimmt er sich fast immer stark zurück.

Das Konzert wird in einer Weise präsentiert, die dem deutschen DVD-Freund eher ungewohnt erscheinen mag: Das Event des Konzertgebens, das Sehen-und-Gesehen-Werden wird in der Einleitung geradezu zelebriert, der Pressefotograf lichtet die prominenten Zuschauer ab, der Champagner fließt in Strömen (Bildregie Aarno Cronvall). Dies verleiht der Veranstaltung einen leicht dekadenten Touch, der der Musik im Grunde diametral entgegengesetzt ist. Positiv fällt die sorgfältige Gestaltung des Booklets auf.

Als Bonus der DVD beigegeben ist eine CD mit Auszügen aus Ondine-Produktionen der Jahre 1995-1997. Hier singt Mattila Lieder von Beethoven, Schubert, Brahms, Sibelius, Toivo Kuula und Erkki Melartin, begleitet von Ilmo Ranta. Der Gesamteindruck ist hier um ein Vielfaches besser als das Hauptprogramm. Nicht nur sind Singstimme und Klavier besser aufeinander abgestimmt, auch ist unmittelbar offenkundig, dass Mattila sich sprachlich hier deutlich klarer artikulieren kann als auf der DVD – im Grunde wird so sogar der Niedergang einer einst außergewöhnlich schönen Stimme dokumentiert. So muss man leider zu dem für mich durchaus überraschenden Fazit kommen, dass die DVD den Kauf nicht lohnt, höchstens für das Bonusmaterial.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mattila, Karita : Helsinki Recital

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
2
06.09.2010
Medium:
EAN:

DVD
761195040041


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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