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Samstag, 15. August 2020

Rameau, Jean-Philippe - Les Paladins

Im Westen viel Neues


Label/Verlag: Coviello Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit 'Les Paladins' gelang Konrad Junghänel ein fulminanter Beginn zur Wiedereinführung von Rameaus Werken auf einer deutschen Bühne.

Anfang 2010 erregte die deutsche Erstaufführung von Jean-Philippe Rameaus Spätwerk 'Les Paladins' von 1760 in der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf einiges Aufsehen, wurde doch damit der Auftakt zu einem ambitionierten Projekt gelegt: ein ganzer Rameau-Zyklus wurde ins Leben gerufen, um der bis heute schwer vernachlässigten Barockoper aus Frankreich den ihr gebührenden Platz neben den allseits bekannteren Werken italienischer Provenienz zuzuweisen. In der Tat muss das Ungleichgewicht zugunsten der italienischen Oper verwundern, ganz besonders wenn man die vorliegende Begleit-CD zu den Aufführungen in Düsseldorf und Duisburg gehört hat: Das ist pralles Musiktheater, sinnlich, schwungvoll und abwechslungsreich und gerade in dieser Hinsicht dem starren Ablauf-Korsett der Italiener oftmals überlegen.

Rameau, der gern als französisches Pendant zu Händel gilt, wurde von seinen Landsleuten als der würdige Erbe Lullys betrachtet, der die national vereinnahmte Gattung der Tragédie lyrique kunstvoll und angemessen fortführte. Nun handelt es sich bei 'Les Paladins' aber um eine sogenannte ‚Comédie lyrique‘ und die dort auftauchenden Figuren sind der italienischen Commedia dell’arte entlehnt, was für einige Zeitgenossen einem Sakrileg gleichkam und den in Frankreich bis in die breitere Gesellschaft hinein tobenden Buffonistenstreit weiter anheizte. Der Komponist selbst scherte sich aber offenbar nicht um derlei theoretische Streitereien, sondern verband beide Einflüsse zu einem überzeugenden Ganzen, wobei vom musikalischen Standpunkt aus eindeutig das Französische dominiert. Der Tradition und den Erwartungen gemäß wird dem Tanz als zentralem Element dabei breiter Raum gewährt und das Übersinnliche greift entscheidend in die Handlung ein. In diesem konkreten Fall ist es die Fee Manto, die das Liebespaar Argie (eine Italienerin!) und Atis (ein Paladin) vor Argies lüsternem Ziehvater Anselme schützt. Dem Zeitgeschmack für fernöstlichen Exotismus wird durch einen chinesischen Zauberpalast gehuldigt, in dem sich alle Protagonisten unvermittelt wiederfinden und in dem durch allerlei phantastische Gestalten das versöhnliche glückliche Ende herbeigeführt wird.

Die Lust am Spektakel, das Auge und Ohr betört, war konstitutiv für die französische Oper. Glücklicherweise wird davon in der Interpretation durch die Neue Düsseldorfer Hofmusik nichts unnötig unterdrückt, vielmehr wird mit Verve und klangsinnlicher Opulenz gearbeitet. Hier artikuliert sich die Erfahrung Konrad Junghänels, der in den letzten Jahren zahlreiche bekannte wie weniger bekannte Opern des Barock in viel beachteten Produktionen wieder zur Aufführung brachte. Dennoch: Manches wirkt bei ihm sicher nicht so verinnerlicht und selbstverständlich wie bei der einzigen Konkurrenz-Produktion von 'Les Paladins' von William Christie mit Les Arts Florissants, für die Rameau Kernrepertoire ist. An klanglicher Transparenz und dem Sinn fürs Tänzerische, das gern auch etwas robuster daherkommt, mangelt es den Ausführenden aber deshalb keineswegs.

Eine vorzügliche Sängerriege sorgt für durchgehende Aufmerksamkeit und wunderbare Momente. Allen voran gestaltet Anna Virovlansky die Partie des liebenden Mädchens Argie mit berührender Sinnlichkeit. Wunderbar versteht sie es, ihre stupende Technik mit Leben und Innigkeit zu verbinden, ihre Haltetöne mit den crescendi und decrescendi sind regelrecht entrückt. Gerade mit ihrer Gefährtin Nérine (Iulia Elena Surdu) und ihrem Geliebten Atis (markant und stimmlich geläufig: Anders J. Dahlin) entsteht fabelhaftes Zusammenspiel auf musikalisch sehr hohem und ausgeglichenem Niveau.

Gelegentliche Bühnengeräusche, die bei einer Live-Aufnahme unvermeidlich sind, fallen nicht störend ins Gewicht. Da aber gerade bei französischen Opern auch immer das Auge gleichermaßen angesprochen werden soll, wäre eine (begleitende) DVD-Veröffentlichung in diesem Fall wünschenswert gewesen, hier ist Christie wiederum einen Schritt voraus. Nichtsdestotrotz liegt hier ein rundum empfehlenswerter Auftakt zur Wiedergewinnung von Rameaus Werken auf deutschen Bühnen vor, von denen man hoffentlich noch mehr hören (und sehen) wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rameau, Jean-Philippe: Les Paladins

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coviello Classics
2
01.10.2010
Medium:
EAN:

CD
4039956210139


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Rameau, Jean-Philippe
 - Les Paladins - Ouverture tres vive
 - Les Paladins - Gavotte gaie
 - Les Paladins - Triste sejour solitude ennuyeuse
 - Les Paladins - Quel espoir
 - Les Paladins - Ariette vive: L amant peu sensible et volage
 - Les Paladins - J entends le bruit
 - Les Paladins - Cedez
 - Les Paladins - Seras-tu toujours
 - Les Paladins - Ma voix deviendrait plus sonore
 - Les Paladins - Ecoute Orcan ecoute
 - Les Paladins - Tais-toi
 - Les Paladins - Quels concerts insolents
 - Les Paladins - Est-il beau comme le jour
 - Les Paladins - Orcan veille de ce cote
 - Les Paladins - Entree des pelerins
 - Les Paladins - Ariette vive et gaie Accourezamants
 - Les Paladins - Gavotte gaie
 - Les Paladins - Pour retrouver Atis
 - Les Paladins - Quand sous l amoureuse loi
 - Les Paladins - C est une fee enchanteresse
 - Les Paladins - Bruit de guerre
 - Les Paladins - Je meurs de peur
 - Les Paladins - Belle Argie
 - Les Paladins - Air gay
 - Les Paladins - Choeur Le joli le gentil pelerin
 - Les Paladins - Loure
 - Les Paladins - Pantomime
 - Les Paladins - Contredanse
 - Les Paladins - Galop


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Coviello Classics

Für Coviello Classics steht bei einer Musikproduktion immer das besondere Hörerlebnis im Vordergrund ? alle technischen und organisatorischen Entscheidungen müssen sich diesem ästhetisch definierten Ziel unterordnen. Wesentliche Entscheidungen treffen bei coviello classics nicht gewinnorientierte Manager, sondern kreative Musik-Gestalter: zum einen die Gründer, Geschäftsführer und prägenden Köpfe Olaf Mielke und Moritz Bergfeld, die als Diplom-Tonmeister und Aufnahmeleiter den coviello classics-Produktionen ihr ?klangliches Gesicht? geben, zum anderen die Interpreten, die für coviello classics immer die wichtigsten Partner sind. Ihre künstlerische Aussage ist das zentrale Kriterium für die Qualität einer Aufnahme; sie sind in alle ästhetischen Fragen einer Veröffentlichung einbezogen.

Hoher Repertoirewert

Grundvoraussetzung für unsere Neuproduktionen sind die besonderen Anforderungen an Künstler und Repertoire. Um dem Klassikmarkt neue Impulse zu geben, produziert coviello classics bislang wenig beachtetes Repertoire, oftmals in Weltersteinspielungen, und sorgt damit immer wieder für überraschende Entdeckungen. Bekanntere Werke erscheinen durch ungewöhnliche Interpretationen in neuem Licht ? hier gibt es keine ideologischen Grenzen oder vermeintlichen Authentizitäts-Anspruch; lebendige Musikkultur zeigt oft das vertraute in ganz anderem klanglichem Gewand. Ein besonderer Schwerpunkt ist die seit einigen Jahren etablierte Reihe coviello contemporary, in der sich die Nähe zum weltbekannten Darmstädter Institut für neue Musik in ganz aktuellen Kompositionen bemerkbar macht.

Technische und ästhetische Kompetenz

coviello classics ist das Label, unter dem die Aufnahmen der Produktionsfirma MBM vertrieben werden ? ob als CD, DVD oder SACD. Durch einen ganz speziell für die Anforderungen hochwertigster Musikproduktionen konzipierten Übertragungswagen sind die Voraussetzungen für die Aufnahmequalität bei MBM optimal. coviello classics bietet darüber hinaus in jedem Bereich und in jeder Phase der Realisierung einer Musikproduktion ? bis hin zu grafischer Gestaltung und Textredaktion bei den begleitenden Druckmedien ? sowohl Logistik und hochwertiges Gerät wie auch technisches und ästhetisches Know-how.

Grafiken, Texte und weltweite Wege

Zu einer Musikveröffentlichung gehört nicht nur der gespeicherte Ton ? da gibt es noch einiges mehr zu gestalten. Das Cover einer CD, DVD oder SACD muss nicht nur grafisch ansprechend gestaltet sein, sondern auch einen sinnvollen Zusammenhang mit dem musikalischen Inhalt herstellen. Das begleitende Booklet soll umfassend über Werke, Künstler und Aufführungspraxis informieren; die Texte müssen wissenschaftlicher Prüfung standhalten, aber trotzdem allgemein verständlich und auch noch unterhaltsam sein ? schwierige Herausforderungen auch über die Musik hinaus, für die coviello classics mit erfahrenen Grafikern und Textautoren zusammenarbeitet. Schließlich muss das fertige Produkt an möglichst vielen Orten der Welt erhältlich sein. Dafür haben wir in vielen Ländern in Europa, Asien und Nordamerika Partner vor Ort, die ihren Markt genau kennen. Sie werden laufend mit Neuheiten, Informationsmaterial und Rezensionen aus der Presse versorgt ? auch wenn die Produktion eigentlich fertig ist, macht sie uns noch viel Arbeit.


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