> > > Bernstein, Leonard: Sinfonie Nr.2 für Klavier und Orchester
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Bernstein, Leonard - Sinfonie Nr.2 für Klavier und Orchester

Sinfonische Möglichkeiten


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die New Yorker Philharmoniker unter Leonard Bernstein überzeugten bei den Salzburger Festspielen 1959 mit Sinfonien von Schostakowitsch und - Bernstein.

1959 zeigten sich die Wiener Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen in Hochform. Und doch stahl ihnen das New York Philharmonic Orchestra die Schau. Die im selben Jahr wie die Wiener gegründeten (1842) New Yorker machten mit Werken zeitgenössischer Komponisten Station auf ihrer Europatournee: In Salzburg erklangen am 16. August (damals noch im Alten Festspielhaus) Dimitri Schostakowitschs Fünfte Sinfonie (dies auch als Zeichen der Solidarität), die Zweite Sinfonie des Chefdirigenten Leonard Bernstein, der mit der zwei Jahre zuvor uraufgeführten 'West Side Story' einen Welterfolg hatte feiern können, und Samuel Barbers 'Second Essay for Orchestra', der es leider nicht auf den – mit 80 Minuten Spieldauer üppig bespielten – Tonträger geschafft hat. Der vom ORF produzierte Mitschnitt dieses Konzerts wird nun in einer erfreulich rauscharmen (wenn auch von störenden Publikumsgeräuschen nicht völlig freien) Klanggestalt vom Label Orfeo präsentiert.

Bekenntniswerk

Bei Bernsteins 1948/49 komponierter Sinfonie, ein Dokument des noch jungen Kalten Krieges, handelt es sich um ein Bekenntniswerk. Die Gattungstradition spielt keine Rolle: Seine Zweite, die den Titel 'Age of Anxiety' trägt, ist Programmmusik und ein verkapptes Klavierkonzert. Vorlage war W. H. Audens titelgebende ‚barocke Ekloge‘, für die der Librettist von Strawinskys Oper 'The Rake‘s Progress' 1947 den Pulitzer-Preis erhielt. Vier Fremde in einer New Yorker Bar; die Nachrichtenlage ist düster, der Zweite Weltkrieg tobt; man diskutiert, kommt sich näher und bleibt doch allein.

Das innere drängt das äußere Geschehen in den Hintergrund. Bernsteins Vertonung sei ‚ein Beispiel von neuer, psychoanalytischer Programm-Musik‘, schrieben die Salzburger Nachrichten. Seine eklektische Musiksprache sucht die Aggregatzustände der Angst abzubilden; durchgängig düster geht es hierbei allerdings nicht zu. Energetisch ist die Darbietung der New Yorker, von Spannungsbögen überwölbt – die darüber hinwegtäuschen, dass es dieser gestisch fasslichen Komposition an innermusikalischer Stringenz fehlt. Überzeugend: die lichten, burlesk ausgekosteten Jazz-Gesten, die an Ravels G-Dur-Klavierkonzert erinnern. Seymour Lipkins Spiel ist, mit einer ausgeprägten Pianokultur, vollgriffig agil; seine Phrasen singt er ausdrucksvoll aus.

Bitterer Triumph

Demgegenüber als traditionell, nein: schon als ahistorisch ist Schostakowitschs Umgang mit der Gattung in seiner Fünften Sinfonie op. 47 zu bezeichnen. Vier Sätze, klassische Satzfolge, große Orchesterbesetzung; keine außermusikalische Vorlage; Bezugnahmen auf Beethoven, Bruckner und Mahler; die Uraufführung: 1937 in Leningrad. Handelt es sich ebenfalls um ein Bekenntniswerk? Das Bekenntnis könnte ja gerade darin liegen, dass Schostakowitsch ein solches verweigert. Handelt es sich um einen subversiven Akt? Falls ja, wurde dieser Aspekt von den Zeitgenossen und Zensoren nicht bemerkt. Schostakowitschs Fünfte ist immerhin ‚das erste große Werk des Komponisten, das nicht nur parteioffizielle Billigung fand, sondern seinen Urheber auf geradezu triumphale Weise in die erste Reihe der sowjetischen Komponisten beförderte‘, so Hans-Joachim Hinrichsen, eine Komposition, die zu divergierenden, kontroversen Deutungen Anlass gibt, die sich allesamt am Finale dieser Sinfonie entzünden. Unerbittlich, mit stetem Vorwärtsdrang steuert das Thema, dessen Kanten die New Yorker Philharmoniker keineswegs glätten, auf einen vermeintlichen Abgrund zu. Apotheose? Bei Bernstein und den New Yorkern ist das Ende mit seinen derben Paukenschlägen ein schroffes, brutales Klopfen und Treten; der Triumph ist bitter.

Unheilvolle Schwüle

Im eröffnenden 'Moderato' hatte die unheilvolle Schwüle eine enorme Innenspannung erzeugt; dann brach die Energie sich Bahn, schaukelte das Geschehen sich hoch, ohne dass in der Interpretation des intonationssicheren Orchesters Details verlorengingen. Die Punktierungen zu Beginn, den Gestus einer französischen Ouvertüre anklingen lassend, werden deutlich herausgestellt und doch in das strömende Melos eingebunden. Das ländlich-tänzerische Thema des zweiten Satzes rollt, von der kompakten Bassgruppe grundiert, gleichsam mit großer Selbstverständlichkeit ab, fern grotesker Zuspitzungen, so dass sich durchaus die Frage nach der Wahrnehmbarkeit eines doppelten Bodens stellt. In epischer Breite entfaltet sich das 'Largo', in dem Bernstein das Verhältnis der Außenstimmen meisterhaft profiliert.

Sicher, es handelt sich um eine Aufnahme in Mono – dennoch könnte die Balance besser sein: Im 'Moderato' sind die Fortissimo-Streicher gegenüber den Trompeten zu leise, im dritten Satz Flöte und Harfe unverhältnismäßig präsent, die Wechselnoten der Klarinetten dringen schlicht nicht durch. Die Nuancen der Dynamik sind nivelliert, dem dichten Klangbild fehlt es, naturgemäß, an Plastizität. Das Booklet bietet einen schönen Einführungstext über die Situation der Salzburger Festspiele 1959, in Bezug auf die einzelnen Werk indes kaum mehr als eine – durchaus interessante – Collage zeitgenössischer Rezensionen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Bernstein, Leonard: Sinfonie Nr.2 für Klavier und Orchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
1
29.09.2010
Medium:
EAN:

CD
4011790819129


Cover vergössern

ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag ORFEO:

  • Zur Kritik... Nicht nur Wagner und Strauss: Mit dieser Veröffentlichung hat Orfeo viel dazu beigetragen, Johan Botha nicht nur als bedeutenden Heldentenor des deutschen Fachs im Gedächtnis zu behalten, sondern seine Vielfältigkeit und überzeugende Italianità zu unterstreichen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Packendes Plädoyer: Jörg Widmann und das Irish Chamber Orchestra widmen sich Mendelssohns Musik mit Hingabe und Kompentenz, wie auch diese weitere Folge ihrer Interpretationsreihe zeigt. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Melodieselige Cello-Virtuosität: Original-Werke und melodieselige Arrangements für Cello und Orchester von russischen Komponisten präsentiert Daniel-Müller Schott hier auf höchsten Niveau. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von ORFEO...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Dennis Roth:

  • Zur Kritik... Zu verbindlich: Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Christoph-Mathias Mueller und die chinesische Geigerin Tianwa Yang widmen sich Wolfgang Rihms Werken für Violine und Orchester. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Monumentaler Mahler: Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks präsentieren Mahlers Zweite Sinfonie auf höchstem Niveau. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Ausdruckstiefes Meisterwerk: Wolfgang Rihms 2017 uraufgeführte 'Requiem-Strophen' in einer geradezu mustergültigen Interpretation unter der Leitung von Mariss Jansons. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Dennis Roth...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Brennend: Für Vivaldi und Händel geben Réka Kristóf und die Accademia di Monaco alles. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Gezupfte Größe: Es ist ein höchst lebendiges Porträt der zauberhaften Musik Kapsbergers: Jonas Nordberg ist auf der Theorbe ein bemerkenswert klangorientierter Interpret. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Gespenstische Stimmen: Das aktuelle Album 'Dichterliebe' von Julian Prégardien ist ambitioniert und eigenwillig. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2019) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Jacques Offenbach: Ouverture

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich