> > > Schütter, Meinrad: Vater unser
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Schütter, Meinrad - Vater unser

Erste Begegnung


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Aufnahme kirchenmusikalischer Werke von Meinrad Schütter im Kontext mit anderen Komponisten darf als vollauf gelungen bezeichnet werden.

Die Musikwelt gedachte 2010 bereits vieler berühmter Komponisten: Hugo Wolf, Gustav Mahler, Frédéric Chopin, Robert Schumann. Bleibt in all diesem Jubiläumstrubel auch Platz für weniger bekannte Komponisten? Dank einer CD-Veröffentlichung des schweizerischen Vokalensembles Cappella Nova wurde im September auch der 100. Geburtstag des weitgehend unbekannt gebliebenen Komponisten Meinrad Schütter nicht völlig vergessen, der vor vier Jahren gestorben ist. Somit wird sein Geburtstagsjubiläum bei vielen Hörern wohl zur ersten Begegnung mit seiner Musik. Sein individueller, zumeist der Avantgarde des 20. Jahrhunderts verbundener Kompositionsstil fand während seines Lebens kaum Beachtung. Zwei seiner Werke wurden unter der Leitung von Raphael Immons in der Paulskirche in Basel eingespielt und nun von Guild veröffentlicht. Im Gesamtschaffen des Komponisten nimmt die Kirchenmusik einen beachtlichen Raum ein, so dass weniger die Auswahl der Kompositionen von Meinrad Schütter überrascht als deren Zusammenstellung mit passenden Kompositionen von Christian Henking, Leoš Janá ek und einem Gregorianischen Choral.

'Vater unser'-Vertonungen von Schütter und Janá ek bilden den Rahmen der Einspielung. Schütter wählte als Textgrundlage für seine Komposition die rätoromanische Übersetzung 'Bap nos'. Das Werk wurde von Schütter erst mit 82 Jahren beendet und zeugt dennoch von seinem frühen asketisch-reduzierten Stil. Schütter lässt den Text in einer rezitierenden Form singen, wobei das Metrum dem natürlichen Sprachfluss folgt. Der Capella Nova gelingt es, die Klarheit der musikalischen Strukturierung auch klanglich zu formen. Das Gebet wird dadurch allerdings zu einer recht nüchternen Angelegenheit, denn dynamische Ausbrüche fehlen ebenso wie andere Akzente. Dagegen kann vor allem die Ausgewogenheit des Chores, durch die viele Klangflächen erst ihre Wirkung entfalten können, für sich einnehmen.

Janá ek wurde zu seiner 'Vater unser'-Vertonung nicht allein durch den religiösen Text inspiriert, sondern auch von Bildern des polnischen Malers Jósef Mecina-Krzesz. Die dargestellten Szenen verband der Komponist mit dem Text des Matthäus-Vvangeliums und brachte sie dadurch in einen neuen Zusammenhang. Jeder der fünf musikalischen Sätze entspricht einem Ausschnitt des Gebets: kniende Arbeiter im Wald (‚Vater unser‘), eine Familie bei einem verstorbenen Kind (‚Dein Wille geschehe‘), Gewitter bei einer Ernteszene (‚Unser tägliches Brot‘), Gefängnisszene (‚Und vergib uns unsere Schuld‘) und ein Einbrecher (‚Führ‘ uns nicht in Versuchung‘). Die Interpretation des zweiten Satzes darf zu den gelungensten Umsetzungen des Werkes gezählt werden, die es auf dem Tonträgermarkt gibt. Die Solisten und der Chor agieren dabei auf höchstem Niveau. Die stille Grundstimmung und der dezente Umgang mit dynamischen Nuancierungen evozieren das Bild der trauernden Familie aufs Wunderbarste. Auf übertriebenes Akzentuieren wird in der Artikulation verzichtet. Auch in den Solopassagen (von Susanne Maria Therese Doll, Orgel und Vera Schnider, Harfe) ändert sich dies nicht.

‚Ich bin ein schwebendes Luftblatt... wo ist der Tod... wer führt mich weg...?‘, so fragte Schütter noch kurz vor dem eigenen Tod, so seine langjährige Begleiterin Ute Stoecklin. Christian Henking setzte sich im Auftrag des Ensembles mit den Werken Schütters auseinander und wählte diese späten Worte als Textgrundlage für seine Hommage-Komposition aus. Allerdings beschränkte er sich auf den Beginn: ‚Ich bin ein schwebendes Luftblatt‘. Die Komposition zeigt große Ähnlichkeiten zu den Werken Schütters, denn auch Henking setzt auf Klangflächen der Singstimmen, wobei bei ihm ein einzelnes Intervall zum dominierenden Baustein wird. Ständige Bewegung und Stillstand stehen sich gegenüber. Nach Aussagen Henkings ist gerade das Nach-Luft-Schnappen ein wichtiges Element beim Übergang vom Leben in den Tod. Daher ist dies auch den Sängern übertragen: Ein Zischen, Hauchen und Atmen durchzieht die Komposition. Die Singstimmen verbinden sich meist zu einem Chor, doch stellenweise tritt eine der Stimme aus dem Klang heraus und setzt Akzente. Melodien werden dagegen nur angedeutet. Raphael Immoos und sein Chor hatten mit diesem Werk eine besondere Aufgabe vor sich, deren klangliche Einlösung jedoch überzeugt. Harfe und Chor sind klar voneinander getrennt, es sind zwei kontrapunktierende Stimmen, die nur zufälligerweise zusammenfinden. Dies ist in der Einspielung wunderbar gelöst, da einmal der Chor, ein anderes Mal die Harfe die Führung übernimmt.

Trotz der großen Anzahl kirchenmusikalischer Kompositionen stand Schütter dem Glauben wohl zwiespältig gegenüber. Dies zeigt sich etwa auch am langen Zeitraum der Entstehung seiner 'Großen Messe' für gemischten Chor, Soli und Orgel. Bereits 1939 begann er mit ersten Skizzen – durch einen längeren Aufenthalt in Rom angeregt –, doch die wirkliche Arbeit nahm er erst zwischen 1950 und 1970 vor. Nach 31 Jahren war für Schütter die Komposition beendet, doch in der musikalischen Gestaltung des liturgischen Ablaufs verzichtete er aus persönlichen Gründen auf das Credo. Sein Bekenntnis zum Glauben wollt er nicht musikalisch ausdrücken. Erst auf die dringliche Aufforderung des Chordirigenten Luzius Juon ergänzte er 1978 den fehlenden Satz. Somit konnte die Uraufführung der gesamten Messe 1981 stattfinden.

Die Erfahrung einer bereits vierzigjährigen Profession als Komponist sind in dieser Messe vereinigt, und trotz der verschiedenen Satztechniken und Bauformen bilden die einzelnen Sätze eine Einheit, die die Handschrift Schütters trägt. Im Kyrie zeigen Experimente mit Reihentechniken, auch wenn sie hier nicht vollkommen zu Vollendung gelangen. Tonrepetitionen wurden von Schütter möglichst vermieden. Im Gloria sind zum ersten Mal wirkliche Melodien erkennbar. Die Solistinnen Daniela Immoos (Sopran) und Susanne Puchegger (Mezzo-Sopran) treten in diesem Satz sehr klangschön in Erscheinung. Beide überzeugen mit warmen und vollen Stimmen, die in der Höhe nicht schrill, in der Tiefe nicht schwach wirken. Dabei birgt die Melodieführung Schütters viele Schwierigkeiten. Zugleich verschmelzen die Solopassagen mit dem Chor in einer Harmonie, die oft in anderen Chorwerken nicht erreicht wird. Einen weiteren Höhepunkt stellt in dieser Einspielung das Benedictus dar, in dem Schütter noch einmal eine andere Seite zeigt. Beinahe traditionell klingen derlei Passagen in ihrer musikalischen Gestaltung. Die Capella Nova findet auch an diesen Stellen den richtigen Charakter und eine überzeugende musikalische Ausdrucksweise. Die Textverständlichkeit ist zudem in allen Sätzen vorbildlich. Die Messe bietet (besonders im Credo) zahlreiche weitere Überraschungen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Schütter, Meinrad: Vater unser

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Guild
1
01.10.2010
Medium:
EAN:

CD
795754734928


Cover vergössern

Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...



Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Guild:

blättern

Alle Kritiken von Guild...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Scholten:

  • Zur Kritik... Ausdrucksstarkes Passionsoratorium: Den Instrumentalisten und Sängern des Bach Consort Leipzig gelingt es, mit ihrer Interpretation positiv auf Telemanns Passionsoratorium 'Der Tod Jesu' aufmerksam zu machen. Weiter...
    (Benjamin Scholten, )
  • Zur Kritik... Einheitlicher Klangkörper: Das Ensemble Insomnio entführt den Hörer dieser Einspielung in vier außergewöhnliche Klangwelten, die die Musiker mit ihrer spannenden Interpretation der zeitgenössischen Werke entstehen lassen. Weiter...
    (Benjamin Scholten, )
  • Zur Kritik... Erhellung der Finsternis: Die Einspielung von Susanne Rohn und Klaus Mertens bietet dem Hörer eine einfühlsame Interpretation der Lieder Dvoráks und ermöglicht die Entdeckung einer unbekannten Orgelsonate von Klicka. Weiter...
    (Benjamin Scholten, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Scholten...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Herbe Tänze: Marek Szlezer legt beim Label Dux eine der Musik Karol Szymanowskis gewidmete Platte vor, die vor allem Mazurken enthält. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Venedig da Camera: Roland Wilson und seine Musica Fiata mit einem anregend-lebendigen Bild mancher Stimme, die über Monteverdi hinausweist – und der Meister klingt mittendrin. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Auf der Suche nach der rechten Orgel: Jean-Jacques Kantorows Saint-Saëns-Edition mit einem weiteren fulminanten Höhepunkt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich