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Donnerstag, 2. Dezember 2021

Mitterer, Wolfgang - Stop Playing

Deus ex machina


Label/Verlag: col legno
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wolfgang Mitterer entdeckt in seinen Improvisationen die Orgel neu und überträgt die analoge Maschine ins digitale Zeitalter.

Die Orgel ist seit jeher in ihrem Sozialcharakter untrennbar verknüpft mit dem Ritus. Soli Deo Gloria erklang sie seit dem Mittelalter in den Kirchen Europas, und auch ihr seltener Übertritt in den Konzertsaal ließ sich kaum von der Transzendenz trennen, die sie stets im Gepäck mit sich trägt und der Musik, die aus ihren Pfeifen strömt, verleiht. Vielleicht liegt hier einer der Gründe, warum die Orgel in der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts eher stiefmütterlich behandelt wurde, einigen experimentellen Modellversuchen zum Trotz. Die Interessenverschiebung vom Gehalt zur Materialerkundung brauchte den Kirchenraum nicht länger als Ort des Geschehens, und so ganz wohl war sich wohl auch nicht jeder Komponist bei der so immanenten Verzahnung von Klang und Ritual. Dabei bietet gerade die Orgel wie kaum ein anderes Instrument einen Reichtum an Klangmaterial und Experimentiermöglichkeiten. Gerd Zachers Orgelspiel beweist es seit langem, und auch im 21. Jahrhundert geht die Entritualisierung des Instruments weiter voran. Wolfgang Mitterer, Komponist und höchst kreativer Organist aus Österreich, legt nun bei col legno seine neueste CD vor, ‚stop playing‘, ein Remix aus Orgelimprovisationen, die den analogen Maschinencharakter des Instrumentes mit Wucht in die digitalisierte Neuzeit transportieren.

Wolfgang Mitterer hat für sein neues Projekt an drei verschiedenen Orgeln und Orten Solo-Stücke improvisiert und sie anschließend im elektronischen Studio kombiniert, überlagert und durch virtuelle Akustik ergänzt. Ein Übergang vom Analogmodell ins Digitale, der zeigt, ‚wie eine Orgel im 21. Jahrhundert klingen könnte, hätte man sie als Instrument nicht Jahrhunderte in Ruhe gelassen.‘ Zugleich kehrt dieses kompositorische Prinzip die maschinelle Charakteristik des Instrumentes hervor und reduziert sie in ihrer Komplexität auf das grundlegende, eigenständige Atmen der Pfeifen. ‚Stop playing‘ bezeichnet dabei zuallererst das Spiel mit den Registerzügen, die den Winddruck kontrollieren, das auf diese Weise den Input der Tonhöhe manipulieren kann. Ganz ohne Hintersinn ist dieses Wortspiel natürlich nicht, denn auch wenn Wolfgang Mitterers hoch physische Improvisationen sich selten auch nur an die Grenze eines körperlichen Aufhörens begeben, nimmt doch nach einiger Zeit die Maschine das Heft in die Hand. Das An- und Ausschalten des Motors, das Verstimmen von Registern, bis nur noch Luft zu hören ist, das langsame Registerlöschen und das Verschieben von Registerzügen beinah bis zum Stillstand des Tones – all diese Filter entwickeln mit der Zeit ein Eigenleben der Maschine, die die Musik oft auf unvorhergesehene Art und Weise beeinflusst.

Mitterers Musiksprache ist eine äußerst vielschichtige mit unerhört komplexer Grammatik und einem wunderbaren Reichtum an Wortneuschöpfungen. Auch in seinen Improvisationen arbeitet er immer morphologisch durchdacht, so dass selbst auf den ersten Blick ungewöhnliche Klangereignisse wie das Schlagen einer Pauke mit chinesischen Essstäbchen sich in einen organischen Kontext einfügen. Zudem erfährt der Hörer durch eine unkonventionelle Mikrophonierung und durch am Computer erzeugte virtuelle akustische Räume einen Klang, der zwar nichts von der auratischen majestas des Instrumentes leugnet, sie aber so dekonstruiert, dass am Ende eine ganz neue Bedeutungsebene im klingenden Material – Holz, Metall, Zungen und Labien – erreicht wird.

Die Transzendenz des Rituals wird in ‚stop playing‘ also zu einer Transzendenz der Maschine, zu einer Neudefinition eines sinnbeladenen Klangobjektes, dessen Reichtum oft in den gebrechlichen und verstimmten Klängen eines vergessenen Registers liegt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mitterer, Wolfgang: Stop Playing

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
col legno
1
15.10.2010
Medium:
EAN:

CD
9120031340713


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col legno

Welche Produktion von col legno Sie auch vor sich haben, eines ist gewiss: bunt wird sie sein und außergewöhnlich. Wir widmen uns herausragender Musik der Gegenwart und den Visionen ihrer Protagonisten.

col legno bedeutet "mit dem Holz". Jeder Streicher weiß, was zu tun ist, wenn er diese Spielanweisung in seinen Noten liest: Er nimmt den Bogen, dreht ihn um und schlägt mit dem Holz auf die Saiten. Einst unerhört! Heute noch überraschend. Mit dieser spielerischen Offenheit dem Instrument gegenüber wurde die Klangvielfalt erweitert. Dieselbe Offenheit widmet col legno der Musik.

col legno veröffentlicht Neue Musik - umfassend und zeitgemäß. Das Label steht für die Vielseitigkeit der Gegenwart und aufregende Interpretationen von Musik der Vergangenheit. Unsere Hörer haben viel mit uns gemein: Sie heißen Neues willkommen, wechseln Perspektiven, genießen eine Prise Humor und lieben das Kribbeln beim Genuss kreativer Inspiration.

col legno nutzt die jeweils für die Produktionen optimalen Tonträger und Formate - von der CD über Multichannel Medien bis hin zu gänzlich neuen Entwicklungen. Dabei bieten wir unseren Hörern immer "state-of-the-art" Technik und beste Audioqualität.

Die künstlerische Leitung des Labels wurde 2005 von Andreas Schett und Gustav Kuhn übernommen. Unter ihrer Führung hat sich der Katalog kontinuierlich und in klaren Zügen erweitert. Seit 2015 ist Andreas Schett alleiniger Inhaber des Labels.

col legno - new colors of music

 


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