> > > Baroque Christmas in Hamburg: Werke von Praetorius, Selle, Scheidemann u.a.
Samstag, 26. September 2020

Baroque Christmas in Hamburg - Werke von Praetorius, Selle, Scheidemann u.a.

Bremer mit hamburgischer Qualität


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Respektabel: eine schöne Weihnachtsplatte mit Studierenden und Absolventen der Hochschule für Künste Bremen. Das Bremer Barock Consort zeigt sich homogen.

Ein Blick auf die Programmliste der vorliegenden Platte liest sich eindrucksvoll: Vertreten sind kompositorische Größen des 17. Jahrhunderts wie Hieronymus und Jacob Praetorius, Thomas Selle, Christoph Bernhard oder Matthias Weckmann – sämtlich also erstrangige Meister ihres Fachs, die – und das ergibt den inhaltlichen Rahmen des Produktion – allesamt wichtige Teile ihres schöpferischen Lebens in Hamburg verbrachten. Der Bremer Musikwissenschaftler und Musiker Manfred Cordes hat aus den Werken dieser illustren Runde ein rundes Weihnachtsprogramm zusammengestellt. Und dieses Programm ist zudem sehr klug daraufhin konzipiert, die vokalen und instrumentalen Möglichkeiten der Studierenden und Absolventen der Bremer Hochschule für Künste zu präsentieren, die sich weitgehend hinter dem Namen Bremer Barock Consort verbergen. Die Platte zeigt, wie erfreulich sich das Niveau in der Ausbildung der Alten Musik in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat und ist doch weit mehr als bloße ‚Schularbeit’. Davon später mehr.

Cordes identifiziert im Hamburg des 17. Jahrhunderts das Ineinanderfließen verschiedener Traditionen – mittel-, süd- und ostdeutsche Linien verbinden sich mit den genuin norddeutschen Eigenheiten, werden durch niederländische Impulse angereichert und als Ganzes vom Einfluss italienischer Ästhetik überwölbt. Interessante Beispiele seien erwähnt: Da ist ein groß dimensioniertes 'Magnificat quinti toni' von Hieronymus Praetorius (1560-1629), dessen komplexe Anlage durch charmante weihnachtliche Einschübe kontrastiert wird. Thomas Selles (1599-1663) 'Joseph! Was da?', ein Konzert für Sopran, Tenor, zwei Violinen und Dulzian, lässt es sinnbildlich weihnachten – dabei nicht nur stimmungsvoll klingend, sondern auch äußerst geschickt gesetzt. Und natürlich Christoph Bernhard (1627-1692) und Matthias Weckmann (1619-1692), deren Rang heute kaum mehr unterschätzt wird: Weckmanns Dialog für Sopran, Tenor und zwei Violinen 'Gegrüßet seist Du, Holdselige' ist ein vokal-instrumentales Kunstwerk von einiger Ambition, das hohe interpretatorische Anforderungen stellt. Überzeugend und vor allem programmatisch zwingend gerät das eher reflektierende als freudig bewegte 'Herr, nun lässest Du Deinen Diener' von Christoph Bernhard, mit dem der programmatische Bogen der Platte einen überraschenden Schluss findet.

Solide & homogen

Große Verdienste um das Gelingen der Platte hat zweifellos Manfred Cordes: Natürlich in erster Linie als musikalischer Leiter des Ensembles, aber auch, indem er ein für die Hörer anregendes und für das Ensemble ebenso geeignetes wie dankbares Programm konzipiert hat. Die Musik fordert frische Klangfreude, in zerbrechlichen Passagen einen dezenten Zugriff und verlangt auch organisatorisch Einiges von den Beteiligten. Das bringt eine Ensembleinterpretation im besten Sinne hervor, geprägt von erstaunlich homogener Qualität.

Die elf beteiligten Vokalisten formen harmonische Ensembles, sind sämtlich stilsichere und klangbewusste Akteure. In den großen Besetzungen sind kaum herausragende solistische Leistungen gefordert, werden aber doch hin und wieder charmante Glanzpunkte gesetzt. Wenn solistisch gesungen wird, zeigen sich die Akteure beweglich und präsent – beispielhaft und stellvertretend zugleich seien die Sopranistin Manja Stephan und der Tenor Mirko Ludwig erwähnt, die ihr schönes Potenzial in Weckmanns 'Gegrüßet seist Du, Holdselige' präsentieren. Die Instrumente formen klare Register, Begleithaltung und dosierte Klangfreude werden gekonnt mit Leben erfüllt. Die Violinen von Irina Kisselova und Ximena Espinosa werden am häufigsten solistisch gefordert und geben überzeugende Beispiele für gelungen eingefügtes instrumentales Figurenwerk in kleiner Besetzung. Einen besonderen Farbtupfer bietet die Einbeziehung der klanglich interessanten großen Orgel der St. Marien- und St. Pankratius-Kirche in Drebber bei Diepholz. Auf ihr steuern Rhonda Edgington und Eudald Danti auch feine solistische Vorträge bei. Manfred Cordes ordnet wechselnde Tempi geschickt und formt lebendige Proportionen. Auch dynamisch ist die Szenerie belebt, werden mehrchörige Effekte sinnvoll genutzt. Das Plenum aller Beteiligten ist in einem runden Klang abgebildet, vielleicht fehlt es hier und da an einzelnen Details und gesteigerter Plastizität.

In der Summe ist es eine schöne Platte, interpretatorisch nicht von herausragenden solistischen Leistungen, sondern von einem homogenen Ensemble geprägt. Von etlichen der Protagonisten wird man in Zukunft sicher noch öfter hören. Und die Platte zeigt einmal mehr, dass aus Bremen – oft inspiriert von Manfred Cordes – immer wieder wichtige Impulse für die Alte Musik kommen. Der Nachwuchs jedenfalls ist auf einem guten Weg.

Klangqualität:
Repertoirewert: 



Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Baroque Christmas in Hamburg: Werke von Praetorius, Selle, Scheidemann u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.09.2010
Medium:
EAN:
CD
761203755325

Cover vergössern

Dirigent(en):Cordes, Manfred


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...



Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Zur Frühgeschichte des Klaviertrios: Die jahrelange Auseinandersetzung mit einem Komponisten kann immer wieder zu fruchtbaren Neuveröffentlichungen führen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Zunehmende Kompaktheit: Diese zweite cpo-Veröffentlichung mit Musik des Holländers Leopold van der Pals zeigt vor allem anhand dreier konzertanter Werke die erstaunliche Entwicklung seiner Tonsprache. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Vier in einem: Das Isasi Quartett brilliert ein zweites Mal mit Marteau. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Baltische Reise: Eine weitere Folge der Reise rund um die Ostsee an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert: Dem Ensemble Peregrina dabei zu folgen, macht große Freude. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Glanzvoll: Cinquecento mit Renaissancerepertoire der Habsburgerhöfe: Es ist auch auf dieser Platte mit Musik von Johannes de Cleve das pure Vergnügen, den fünf Vokalisten zuzuhören. Repertoireabeit kann glanzvoll sein. Cinquecento beweist es. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Poesie der Reife: So frisch wie Schumann hier – mit Heine – wirkt, so beseelt, inspiriert und bei kompositorischen Kräften sind nur ganz große Künstler je in ihrem Schaffen anzutreffen. Prégardien und Michael Gees fühlen das mit der Poesie der Reife nach. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Baltische Reise: Eine weitere Folge der Reise rund um die Ostsee an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert: Dem Ensemble Peregrina dabei zu folgen, macht große Freude. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Polnische Indien-Oper: Wer Moniuszkos 'Paria' einmal hören möchte, der hat mit dieser Doppel-CD einige Hürden zu nehmen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Zur Frühgeschichte des Klaviertrios: Die jahrelange Auseinandersetzung mit einem Komponisten kann immer wieder zu fruchtbaren Neuveröffentlichungen führen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Jupiter

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2020) herunterladen (3402 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Pietro Antonio Cesti: La Dori

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich