> > > Biber, Heinrich Ignaz Franz: Rosenkranzsonaten Nr.1 - 16
Mittwoch, 18. September 2019

Biber, Heinrich Ignaz Franz - Rosenkranzsonaten Nr.1 - 16

Brillant und tiefgründig


Label/Verlag: Coviello Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Geiger Daniel Sepec mit einer rundum überzeugenden Einspielung der Rosenkranzsonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber.

Wenn in jüngerer Zeit Aufnahmen der wunderbaren Rosenkranzsonaten aus der Feder des Salzburger Kapellmeisters Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704) auf den Plattenmarkt kamen, waren dies in der Regel hochkarätige Interpretationen, die der Komplexität dieser Sonatensammlung gerecht wurden. Gewiss, es gab unterschiedliche Betonungen – manchem Geiger kam es mehr auf das mystisch-klangsinnliche Moment an, an anderer Stelle wurde das zweifellos vorhandene virtuose Potenzial deutlicher ausgeleuchtet. In diese Reihe der ambitionierten Einspielungen passt die vorliegende Platte des Geigers Daniel Sepec schon auf den ersten Blick, bringt sie doch neben dem erfahrenen Violinisten eine hochkarätige Continuo-Besetzung zu Gehör: Hille Perl an der Viola da Gamba, Lee Santana an Erzlaute und Theorbe sowie Michael Behringer an Orgel und Cembalo.

Dass Bibers Sammlung nach wie vor ein lohnendes Medium für potente Interpreten ist, unterstreicht die Aufnahme: Bibers Sonaten funktionieren auch ohne das Wissen um die begleitend-erklärenden Deutungen zum freudenreichen, schmerzensreichen und glorreichen Rosenkranz ganz vorzüglich als sehr charaktervolle, hochkomplexe, affektiv starke Instrumentalstücke. Diese teils knappen Sätze und Abschnitte zeigen Biber als genialen Kenner der Violine, aber darüber hinaus auch als stilbewussten Tonsetzer. Vor allem das Prinzip der Variation oder andere Reihungsformen bieten Biber fabelhafte Möglichkeiten, das Instrument zu fordern und dessen solistisches Potenzial zu offenbaren – man denke an die Entstehungszeit vermutlich in den 1680er Jahren. Vor allem aber sind es die vielfältigen Skordaturen, also Umstimmungen des Soloinstruments, die mit ihren verschärfenden oder mildernden Effekten intonatorische Würze geben und immer wieder neue spieltechnische Herausforderungen liefern.

Bravourös

Daniel Sepec zeigt sich als so ausgesprochen souveräner Instrumentalist, dass die enormen Herausforderungen der Sätze ihn kaum Mühe zu kosten scheinen. Und natürlich ist er virtuos, beweglich, agil, führt er den Bogen ungeheuer leichthändig. Aber genauso wichtig für die Auffassung der Stücke sind seine ausgeprägte Klangsensibilität und sein waches Strukturbewusstsein. Sepec ist zudem ein Meister der durch die fünfzehn verschiedenen Stimmungen des Instruments erheblich erschwerten Intonation. Zugleich ist er zu schroffen Attacken fähig, etwa in der siebten Sonate. Daneben etabliert Sepec aber auch wunderbar schwebende, geradezu sinnliche Klangflächen, beispielhaft in der elften oder der fünfzehnten Sonate zu hören.

Die Continuo-Gruppe – man tut sich schwer damit, solch großartige Instrumentalisten unter diesem harmlosen Begriff zu versammeln – bringt vielfältige Farben ein, die Binnenübergänge werden variabel und selbstverständlich gestaltet, behutsam wird die Besetzung registerartig geordnet. Die musikalische Interaktion mit dem Solisten bewegt sich auf spürbar hohem Niveau. Vor allem das perlende Spiel Lee Santanas scheint einmal mehr ideal für die Gestaltung eines gezupften Continuo-Parts.

Um einer Gefährdung der ohnehin heiklen Intonation durch das permanent notwendige Umstimmen sicher zu entgehen, verwendet Sepec gleich drei Violinen. Und – der glückliche Umstand ist wirklich bemerkenswert – es sind drei Instrumente von Jakob Stainer, also genau jenem Tiroler Geigenbauer, mit dem auch Biber selbst in Kontakt stand und dessen Instrumente dem Komponisten bestens bekannt gewesen sein dürften. Die von Sepec gespielten Geigen haben einen schwebend-leichten, eher schmalen Klang, der keine Lage hörbar bevorzugt. Auch unter Berücksichtigung der verschiedenen Skordaturen ist das Klangbild harmonisch. Diese Voraussetzungen ermöglichen Sepec eine ansprechende Agilität und die Präsentation etlicher artikulatorischer Finessen: Es gibt wirklich reiche Nuancierungen in plastischen Klanggestalten zu hören. Die von Biber angelegten Affekte und Stimmungen werden so auch auf technischer Ebene belebt. Für die Qualität der Interpretation mitentscheidend ist natürlich die Gestaltung des Klangbilds: Es ist sehr gut gestaffelt, alle Sphären sind leicht durchhörbar, die deutlich ausgebaute Plastizität wird nicht gegen ein Ideal des Zusammenklangs ausgespielt.

Daniel Sepec nimmt Biber und die kompositorischen Vorlagen auch ideell sehr ernst – das zeigen seine Reflexionen im ebenfalls sehr gelungenen Booklet der Einspielung. Doch er lässt zugleich keinerlei Sentimentalität zu: Die Folge der Sonaten verfehlt auch primär musikalisch nicht ihre Wirkung. Solide Klangbasis für Sepecs Deutung ist eine famose Continuo-Gruppe. Das Spiel des Violinisten ist so erfreulich uneitel, dass die ja eigentlich primär solistischen Paradestücke Bibers beim Hören immer mehr zu einem Ensembleerlebnis werden. Zugleich ersparen Sepecs technische und interpretatorische Souveränität dem Hörer alles unnötig Vordergründige. Eine Spitzeninterpretation!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Biber, Heinrich Ignaz Franz: Rosenkranzsonaten Nr.1 - 16

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coviello Classics
2
01.09.2010
Medium:
EAN:

SACD
4039956210085


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Biber, Heinrich Ignaz Franz
 - I. Der Freundliche Rosenkranz - I Maria Verkündung
 - I. Der Freundliche Rosenkranz - II Marias Besuch bei Elisabeth
 - I. Der Freundliche Rosenkranz - III Die Geburt Christi
 - I. Der Freundliche Rosenkranz - iV Die Darstellung im Tempel (Der alte Simon Tempel)
 - I. Der Freundliche Rosenkranz - V Der zwölfjährige Jesus im Tempel
 - II. Der schmerzensreiche Rosenkranz - VI Christus am Ölberg (Der Blutschweiß)
 - II. Der schmerzensreiche Rosenkranz - VII Die Geißelung
 - II. Der schmerzensreiche Rosenkranz - VIII Jesus wird mit der Dornenkrone gekrönt
 - II. Der schmerzensreiche Rosenkranz - IX Jesus trägt sein Kreuz
 - II. Der schmerzensreiche Rosenkranz - X Die Kreuzigung


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Coviello Classics

Für Coviello Classics steht bei einer Musikproduktion immer das besondere Hörerlebnis im Vordergrund ? alle technischen und organisatorischen Entscheidungen müssen sich diesem ästhetisch definierten Ziel unterordnen. Wesentliche Entscheidungen treffen bei coviello classics nicht gewinnorientierte Manager, sondern kreative Musik-Gestalter: zum einen die Gründer, Geschäftsführer und prägenden Köpfe Olaf Mielke und Moritz Bergfeld, die als Diplom-Tonmeister und Aufnahmeleiter den coviello classics-Produktionen ihr ?klangliches Gesicht? geben, zum anderen die Interpreten, die für coviello classics immer die wichtigsten Partner sind. Ihre künstlerische Aussage ist das zentrale Kriterium für die Qualität einer Aufnahme; sie sind in alle ästhetischen Fragen einer Veröffentlichung einbezogen.

Hoher Repertoirewert

Grundvoraussetzung für unsere Neuproduktionen sind die besonderen Anforderungen an Künstler und Repertoire. Um dem Klassikmarkt neue Impulse zu geben, produziert coviello classics bislang wenig beachtetes Repertoire, oftmals in Weltersteinspielungen, und sorgt damit immer wieder für überraschende Entdeckungen. Bekanntere Werke erscheinen durch ungewöhnliche Interpretationen in neuem Licht ? hier gibt es keine ideologischen Grenzen oder vermeintlichen Authentizitäts-Anspruch; lebendige Musikkultur zeigt oft das vertraute in ganz anderem klanglichem Gewand. Ein besonderer Schwerpunkt ist die seit einigen Jahren etablierte Reihe coviello contemporary, in der sich die Nähe zum weltbekannten Darmstädter Institut für neue Musik in ganz aktuellen Kompositionen bemerkbar macht.

Technische und ästhetische Kompetenz

coviello classics ist das Label, unter dem die Aufnahmen der Produktionsfirma MBM vertrieben werden ? ob als CD, DVD oder SACD. Durch einen ganz speziell für die Anforderungen hochwertigster Musikproduktionen konzipierten Übertragungswagen sind die Voraussetzungen für die Aufnahmequalität bei MBM optimal. coviello classics bietet darüber hinaus in jedem Bereich und in jeder Phase der Realisierung einer Musikproduktion ? bis hin zu grafischer Gestaltung und Textredaktion bei den begleitenden Druckmedien ? sowohl Logistik und hochwertiges Gerät wie auch technisches und ästhetisches Know-how.

Grafiken, Texte und weltweite Wege

Zu einer Musikveröffentlichung gehört nicht nur der gespeicherte Ton ? da gibt es noch einiges mehr zu gestalten. Das Cover einer CD, DVD oder SACD muss nicht nur grafisch ansprechend gestaltet sein, sondern auch einen sinnvollen Zusammenhang mit dem musikalischen Inhalt herstellen. Das begleitende Booklet soll umfassend über Werke, Künstler und Aufführungspraxis informieren; die Texte müssen wissenschaftlicher Prüfung standhalten, aber trotzdem allgemein verständlich und auch noch unterhaltsam sein ? schwierige Herausforderungen auch über die Musik hinaus, für die coviello classics mit erfahrenen Grafikern und Textautoren zusammenarbeitet. Schließlich muss das fertige Produkt an möglichst vielen Orten der Welt erhältlich sein. Dafür haben wir in vielen Ländern in Europa, Asien und Nordamerika Partner vor Ort, die ihren Markt genau kennen. Sie werden laufend mit Neuheiten, Informationsmaterial und Rezensionen aus der Presse versorgt ? auch wenn die Produktion eigentlich fertig ist, macht sie uns noch viel Arbeit.


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