> > > Stockhausen, Karlheinz: Mantra
Freitag, 7. August 2020

Stockhausen, Karlheinz - Mantra

Stockhausens 1970


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Neueinspielung von Pestova/Meyer/Panis kann heute als ideale Einführung in den klanglichen Kosmos von 'Mantra' gelten.

Karlheinz Stockhausen hat neben Boulez wohl das bedeutendste und gleichzeitig radikalste Klavierwerk der Komponisten hinterlassen, die sich in den 1950er Jahren regelmässig in Darmstadt trafen und jene Musik begründeten, die man auch heute noch die Neue Musik nennt. Mit 'Mantra', einem zyklischen Werk für zwei Klaviere, begann jedoch in Stockhausens selbstreferentiellem Werk eine neue, man könnte sagen ‚spirituelle‘ Phase. Im September 1969 hatte er mit den ersten Skizzen begonnen und ab Mai 1970 die klanglichen Einflüsse seines Kugelauditoriums in Osaka in die Komposition einbezogen. In einem kurzen Text, den Stockhausen für das Booklet der ersten Schallplatteneinspielung verfasste, wird gewohnt messianisch eine ‚neue Harmonik‘ verkündet, die sich nun nicht mehr nur als Strukturklang in einer Satztechnik konstituieren sollte, sondern allein von ‚Zentraltönen‘ ein klangliches Spektrum aufzufächern vermochte. Stockhausen hatte hierfür eine 13-stufige Tonformel notiert, die in loser Anlehnung an ein fernöstliches Melos das sogenannte ‚Mantra‘ inkorporierte. Nach einer ersten Akkordsequenz hört man diese Formel deutlich zuerst in der Oberstimme des ersten Klaviers und dann im Kontext einer vielfältigen klanglichen Elaboration. Die Fortführung zeigt jedoch eindeutig, dass es sich nicht um ein ‚Thema‘ im klassischen Sinne handelt, denn eine motivisch-thematische Entwicklung wird als solche nicht durchgeführt. Stattdessen liefert ein immanenter Formplan die Grundlage zur Disposition von musikalischen Zeitverhältnissen. Diese spreizen sich auf und ziehen sich zusammen. Stockhausen hatte im Laufe der Jahre zunehmend eine recht abstrakte Vorstellung entwickelt, wonach man einen Klang beliebig lang – ohne Tonhöhenverschiebung – dehnen könne, eine Komposition (etwa Beethovens Vierte Symphonie) sich aber ebenso auf ein verschwindend kurzes Klangereignis komprimieren liesse. Dass sich Musik kontinuierlich in der Zeit sedimentiert, wurde so zum Anlass genommen diesen Zeit-Raum selbst durch variierende Zeitmasse in ein neues Hörereignis zu verwandeln.

Die elektroakustische Komposition 'Mantra' wurde jedoch zunächst vordergründig als der fulminante Auftakt eines neuen Spiritualismus in Stockhausens Schaffen rezipiert. Von Seiten der Ästhetik, die sich an der Ausdifferenzierung des musikalischen Materials orientierte, musste Stockhausen viel Kritik einstecken. Übersehen – oder vielmehr überhört – wurde dabei aber die immanente Konsequenz seiner Verfahren, die auch in den 1970er Jahren und noch bis zu seinen letzten Werken an kompositorischer Qualität kaum verlor. Allein sein ‚Stil‘ änderte sich mit 'Mantra' deutlich – nicht jedoch sein Verständnis für die Disposition und Konsistenz sinnvoll arrangierte Klangereignisse. Im Herbst 1970 wurde das Werk in Donaueschingen uraufgeführt. Es gehört seitdem zu seinen populärsten Werken.

Anders als bei den Kompositionen der 1950er und 60er Jahre, steht die Komplexität nicht im Mittelpunkt des Höreindrucks. Konzentriert man sich auf die Klangfarben, Anschläge, Interferenzen und Spektren kann man eigentlich sofort einen unmittelbaren Zugang zur Klangwelt von 'Mantra' gewinnen. Stockhausen hatte zwar frühzeitig auch zu einer technischen Analyse des Werks geraten, aber dennoch vor allem das neue Primat einer Phänomenologie des Hörens unterstrichen. Entscheidend waren hierfür zum einen das Zusammenspiel einer Formel, die jede vorkomponierte Struktur zum Klang hin öffnet – zum anderen die ringmodulierte Harmonik, die wiederum den Klang selbst über Filter und Kompressor von dem gewohnten Klaviertimbre entfernte. Nähe und Ferne, Vertrautheit und Entfremdung, Mangel an Zusammengehörigkeit und eine neue Fülle an Schönheit charakterisieren folglich auf ambivalente Weise die neue Musikästhetik mit der Stockhausen in den 1970er Jahre die Bühne einer ‚Neuen Weltmusik‘ betrat.

Seit den 1970er Jahren galt die Kontarsky-Interpretation als Referenzeinspielung. Historisch bedeutend bleibt sie allein durch die Regie von Stockhausen nach wie vor. Die Kontarsky-Einspielung wird zudem immer den Vorteil haben, dass sie ein klangliches Ideal verkörpert, von dem Stockhausen selbst überzeugt war. Die Neueinspielung von Pestova/Meyer/Panis kann hingegen heute als die ideale Einführung in den klanglichen Kosmos von 'Mantra' gelten. Die Interpretation sorgt für Transparenz ohne statisch zu wirken. Die Klangfarben kommen sehr schön zur Geltung und sind durch moderne Aufnahmemöglichkeiten weitaus präsenter nachzuvollziehen. Jan Panis, ein langjähriger Assistent Stockhausens und sensibler Klangästhet, hat die elektronische Metaebene auf eine noch ungeahnte audiophile Präzision gehoben. Digitale Technologien und die verfeinerte Postproduktion erzeugen einen Reichtum im Register der Klaviertöne, wie man ihn bislang nur aus Konzertsälen mit einer exzellenten Akustik gewohnt war. Ganz erfüllt die Musik freilich immer noch nicht den Raumklang, der seit Stockhausens Frühwerk nicht nur ‚mitkomponiert‘, sondern zunehmend zum zentralen Thema der Musik wurde. Wenn Musik Zeit nicht zur Verfügung sondern zum Problem hat, so hatte sie bei Stockhausen noch zusätzlich den Raum zur Aufgabe, in den sie als imaginative Gestalt eingelassen wurde. Topos und Chora waren in diesem Sinne nicht geschieden. Der Raum und der klangliche Körper, der den Raum ausfüllt, als in sich identisch gedacht. In 'Mantra' gelingt dies auch weil Pestova und Meyer dem Hörer als Duo eine räumliche Orientierung bieten. Keine andere Aufnahme hat dies bislang auf so überzeugende Weise ermöglich. Mit Pestova, Meyer und Panis fühlt man sich nicht nur in die 1970er Jahre zurückversetzt sondern auch als ein Zuhörer im Auditorium. Die neue Naxos-Aufnahme ist fraglos die bislang klanglich überzeugendste Einspielung. Stockhausen, der die Ur-Melodie von 'Mantra' während der lauten Autofahrten auf einem US-Highway auf einem Briefumschlag notierte, hätte sicher Freude an der sterilen Brillanz dieser audiophilen Perfektion gefunden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Stockhausen, Karlheinz: Mantra

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
30.08.2010
Medium:
EAN:

CD
747313239870


Cover vergössern

Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Naxos:

  • Zur Kritik... Prokofjew einmal sanft: Margarita Gritskova und Maria Prinz präsentieren eine Auswahl der selten zu hörenden Lieder Sergej Prokofjews. Ihre Deutung ist facettenreich, doch der sanfte Aspekt überwiegt. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Mit und ohne Werktreue: Die Innsbrucker Wiederbelebung von Mercadantes 'Didone abbandonata' überzeugt weder musikalisch noch szenisch rundum. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Mit kräftigem Pinsel: Eine repertoiremäßige Aufführung eines Nicht-Repertoirewerks von Antonín Dvorák. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Naxos...

Weitere CD-Besprechungen von Toni Hildebrandt:

  • Zur Kritik... Arvo Pärts missglückte Angelologie: Arvo Pärts Vierte Sinfonie trägt den Untertitel 'Los Angeles'. Sie wurde vom Los Angeles Philharmonic Orchestra uraufgeführt. Ergänzt um Fragmente des Kanon Pokajanen hat ECM Records nun die Premiere in der Reihe der New Series veröffentlicht. Weiter...
    (Toni Hildebrandt, )
  • Zur Kritik... Wolffs historische Perspektiven: Christoph Wolff stellt in seiner Werkeinführung von Bachs h-Moll-Messe historisch-philologische Aspekte in den Vordergrund und drängt wesentliche Dimensionen des Werks an den Rand. Weiter...
    (Toni Hildebrandt, )
  • Zur Kritik... Silvestrovs Noosphäre: ECM veröffentlicht unter dem Titel 'Sacred works' Chorwerke von Valentin Silvestrov, deren statische Räumlichkeit überzeugend eingefangen wurde. Weiter...
    (Toni Hildebrandt, )
blättern

Alle Kritiken von Toni Hildebrandt...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Virtuose Höhenflüge: Michael Korstick unterstreicht seine hohe Liszt-Kompetenz. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Neuer 'Ring' vom Rhein: Dieses klangschöne und lebendige 'Rheingold' macht Laune und lässt die Vorfreude auf die weiteren drei Veröffentlichungen größer werden. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Kroatische Musiktragödie: Die kroatische Nationaloper 'Nikola Subic-Zrinjski' entfaltet auch außerhalb des Landes ihre musikalische Wirkung. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Bozidar Kunc: String Quartet in F Major op.14 - Lento molto e con espressione

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich