> > > Bach, Johann Sebastian: Brandenburgische Konzerte BWV 1046 - 1051
Donnerstag, 2. Dezember 2021

Bach, Johann Sebastian - Brandenburgische Konzerte BWV 1046 - 1051

Immer weiter


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nun auch die Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach in einer neuen Einspielung mit Sigiswald Kuijken und La Petite Bande: Höchste Qualität auf der Basis ästhetischer Konsequenz.

Sigiswald Kuijken ist ohne jeden Zweifel eine der prägenden Gestalten der Alten Musik. Viele Entwicklungen sind seinem nimmermüden Engagement zu verdanken; immer wieder hat er sich als innovativer, forschender Musiker hervorgetan. Dass von diesen Qualitäten auch mit fortschreitendem Alter nichts verloren gegangen ist, kann auf der neuen Einspielung der Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach nachgehört werden, die Kuijken mit seinem kongenialen Ensemble La Petite Bande jetzt vorgelegt hat.

Sigiswald Kuijken besetzt alle Partien konsequent einstimmig – also auch in den Konzerten eins und zwei BWV 1046 und 1047, die Kuijken nicht als Concerti grossi betrachtet. Wie in seiner Kantatenreihe, der h-Moll-Messe oder der Matthäus-Passion strebt der Belgier die größtmögliche Transparenz des Klangbilds an. Und er setzt seinen Weg der konsequenten Suche nach einem immer wieder neuen, tragfähigen Zugang zu bekanntem Repertoire auch hier fort, indem er in den ersten beiden Konzerten Hörner und Trompete ohne jegliche Hilfsbohrungen und mit originalen Mundstücken spielen lässt. Dieses Wagnis ermöglichen ihm Jean-François und Pierre-Yves Madeuf, deren Leistungen nicht hoch genug zu bewerten sind. Sie fügen ihre Instrumente klanglich zwingend in den Kontext ein und liefern nebenher eine klingende Erklärung für manche dem Hörer der Gegenwart merkwürdig scheinende konzertante Konstellation – etwa die von Violine, Blockflöte und Trompete. Diese Trias harmoniert im zweiten Konzert hervorragend, besonders Flöte und Trompete agieren klangästhetisch urplötzlich auf Augenhöhe.

Gerade diese Konsequenz ist es, die Kuijkens Weg bestimmt. Er ruht sich nicht auf seinen ohne Frage zahlreichen Lorbeeren aus, vielmehr nutzt er seine künstlerische Reputation zur Entwicklung des Repertoires und bleibt damit ein neugieriger Interpret mit wachem Blick.

Tolles Ensemblespiel

Das zeigt auch das Spiel von La Petite Bande: Die tolle Besetzung unter anderem mit Sigiswald, Barthold und Sara Kuijken, Luis Otavio Santos, Bart Coen, den beiden Madeufs oder Ewald Demeyre formt ein Ensemble von solistischem Rang. Alle Akteure sind perfekt mit Sigiswald Kuijkens Intentionen vertraut, der gemeinsame Ansatz basiert auf intensivem Hören und etlicher Spielfreude gleichermaßen. Die bemerkenswertesten Stärken werden immer dort offenbar, wo es eher um interpretatorische Geduld als um Übermut geht: Selten wurde etwa das 'Affettuoso' des fünften Konzerts so kammermusikalisch ausgeleuchtet, in seiner Eigenart so sehr ‚erkannt’ gespielt. Insgesamt stellen sich bei Kuijken hochvirtuose Einzelkönner in den Dienst der Idee eines Kammerensembles.

Kuijken konturiert die Tempi klar und in stimmigen Proportionen, dabei keineswegs in der Gefahr, altersmilde oder relativistisch zu sein, wovon das druckvolle abschließende 'Allegro' im zweiten Konzert beredt Zeugnis gibt. Dynamisch stehen besetzungsbedingt die feinen Schattierungen im Vordergrund. Aber in diesem Rahmen braucht dennoch niemand auf deutlichere Klangwirkungen zu verzichten, wird immer wieder auch kraftvoll musiziert.

Die Ensembleintonation ist makellos, Hörner und Trompete bringen dank der großen Kunst der Madeufs charmante Farben ein. Wie in einer solistisch besetzten Formation nicht anders möglich, ist die Artikulation außerordentlich detailliert gearbeitet. Dennoch steht auch in diesem Punkt die Ensembleidee über der kleinteiligen Kunstfertigkeit des Einzelnen. Das Klangbild ist luzide und direkt, kommt aber ohne Härten aus. Details werden erfreulich präzise abgebildet. Ein wenig mehr räumliche Fülle hätte dem Ergebnis vielleicht noch gut getan.

In Kuijkens Kantaten-Projekt entstand sehr gelegentlich ein klangästhetisch fahler, ja temperamentarmer Eindruck – davon ist hier überhaupt nichts zu hören. Dennoch gibt es sicher dynamisch plakativere, in den Tempi rasantere Aufnahmen der Brandenburgischen Konzerte – aber nur ganz wenige, die auf höchstem Niveau so viel Kreativität, Risikofreude und Konsequenz zeigen. Sigiswald Kuijken geht seinen Weg immer weiter.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Brandenburgische Konzerte BWV 1046 - 1051

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
2
23.08.2010
Medium:
EAN:

SACD
4015023242241


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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