> > > Schubert, Franz: Oktett F - Dur DV. 803
Dienstag, 21. September 2021

Schubert, Franz - Oktett F - Dur DV. 803

Oktette alt und neu


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein neuer Konzertmitschnitte vom Festival "Spannungen" in Heimbach stellt die Oktette Franz Schuberts und Jörg Widmanns einander gegenüber und lässt bezüglich des letzteren einige Fragen aufkommen.

Mit der vorliegenden Doppel-CD legt das Label Avi-music eine zweite Produktion mit Live-Aufnahmen vom Festival ‚Spannungen‘ in Heimbach vor, die sich der Oktett-Besetzung widmet. Während die vor einem Jahr veröffentlichte CD mit Kompositionen von Felix Mendelssohn-Bartholdy und George Enescu jedoch das Augenmerk auf Oktette für Streicher richtete, stehen nunmehr zwei Werke in gemischter Bläser-Streicher-Besetzung mit Klarinette (Jörg Widmann), Fagott (Dag Jensen), Horn (Sibylle Mahni), zwei Violinen (Isabelle van Keulen und Veronika Eberle / Carolin Widmann und Florian Donderer), Viola (Rachel Roberts / Hanna Weinmeister), Violoncello (Tanja Tetzlaff / Gustav Rivinius) und Kontrabass (Yasunori Kawahara) im Mittelpunkt. Mitgeschnitten wurden sie in außergewöhnlich guter Klangqualität während eines Konzerts im Wasserkraftwerk Heimbach am 23. Juni 2009.

Den Anfang macht Franz Schuberts Oktett F-Dur D 803 (1824), das hier in einer überzeugenden, durch den Live-Vortrag gelegentlich minimal beeinträchtigten Version erklingt. Die Einzelleistungen der Interpreten sind sehr ansprechend, Horn- und Klarinettensoli etwa erscheinen wunderbar weich geblasen, die beiden Geigerinnen agieren präzise, die Violoncellokantilenen sind klanglich durchgearbeitet. Hinzu kommt eine ausgezeichnete Klangbalance, die dafür sorgt, dass Schuberts Umgang mit unterschiedlich strukturierten Farbflächen bei der Wiedergabe funktioniert, und die Musik auf den langen Durchführungsstrecken von Kopfsatz und Finale abwechslungsreich wirkt. Besonders schön ist das an zweiter Stelle stehende 'Adagio' geraten, denn es zeugt, beginnend mit einer von Widmann plastisch geblasenen Klarinettenkantilene, von den Fähigkeiten der Musiker zur Kantabilität und dem großen Können bei der Umsetzung von Schuberts langen Atembögen. Rhythmisch elegant, voller Spannkraft, aber auch voller Spielwitz stecken dagegen das 'Allegro vivace' und das 'Menuetto', während die Musiker im Variationssatz, die Agogik voll auskostend, die kleinen Bausteine von Vordergrundmelodie und Hintergrund immer wieder perfekt zusammenpassen und dadurch für einen ständigen Wandel des Satzbilds sorgen.

Problematische Neukomposition

Was nun Jörg Widmanns Oktett (2004) anbelangt, so handelt es sich keinesfalls – wie das Label fälschlicherweise suggeriert – um die Ersteinspielung des Werkes, da die vom Collegium Novum Zürich bei NEOS veröffentlichte Aufnahme bereits seit geraumer Zeit (nämlich seit Mai dieses Jahres) im Handel zu haben ist. Vergleicht man beide Interpretationen miteinander, so ist aber der vorliegenden Aufnahme der Vorzug zu geben, denn sie zeugt gleichfalls von einer durchsichtigen Wiedergabe und besticht – wie das Werk von Schubert, an dem sich Widmanns Komposition orientiert – durch ein ebenso packendes wie die klanglichen Feinheit der Musik auskostendes instrumentales Agieren des Ensembles. Besser wird das Stück dadurch allerdings nicht: Es zeigt vielmehr Widmann als einen Komponisten, der alte Ideen aufwärmt und sich – dabei zeitweise ein wenig mit natürlicher Intonation und Geräuschklängen kokettierend, um sich das Mäntelchen von Modernität umzuhängen (was mein Kollege Patrick Beck kürzlich sehr schön als ‚Tradition mit falschen Tönen‘ bezeichnet hat) – in historischen Anspielungen verhaspelt, ohne eine schlüssige Werkdramaturgie daraus zu gewinnen.

So wirkt denn das Oktett in Bezug auf die kompositorische Erfindungsgabe reichlich naiv und hinterlässt – so etwa durch das 'Menuetto', in dem Widmann auf engstem Raum die platte Idee seines 'Jagdquartetts' (2003) aufwärmt – ein gewisses Gefühl von Peinlichkeit. Damit fügt es sich nahtlos in die Reihe von Widmanns Werken aus den letzten Jahren, die davon zeugen, dass der Komponist inzwischen eher als sich im Kreis bewegender, historische Satztechniken restituierender und mit den eigenen Einfällen Recycling betreibender Vielschreiber brilliert, als durch originelle ästhetische Entwürfe zu überraschen versteht. Allein der Umstand der Kombination beider Werke vermag das knapp 26-minütige Stück erträglicher zu machen: So liegt der Reiz der Doppel-CD neben der interpretatorischen Seite vor allem im Gegeneinander des historisch gewichtigen Schubert-Oktetts und seines seichten, wenig überzeugenden und fragwürdigen, aber sich offenbar dennoch (oder gerade deshalb?) recht gut verkaufenden zeitgenössischen Reflexes.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Oktett F - Dur DV. 803

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
CAvi-music
1
17.09.2010
Medium:
EAN:

CD
4260085532094


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CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


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